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Captain America 1 aus dem Hause Panini, das die US-Ausgaben Captain America (2025) #1–3 von Chip Zdarsky und Zeichner Valerio Schiti versammelt, präsentiert einen ungewöhnlichen und bewusst neu gedachten Einstieg in die Legende um Steve Rogers. Statt den vertrauten Superheldenmythos einfach fortzuschreiben, beginnt die Geschichte nur eine Woche nach Caps Bergung aus dem Eis – ein erzählerischer Kniff, der den Fokus stark auf Orientierungslosigkeit, Identität und den Zusammenprall von Vergangenheit und Gegenwart legt. Die Welt, die Steve Rogers kannte, existiert nicht mehr, und insbesondere die Nachwirkungen von 9/11 prägen das gesellschaftliche Klima, in dem er sich neu verorten muss.


Zdarsky entscheidet sich gegen den naheliegenden Weg, Captain America sofort zu den Avengers zu schicken, und verlegt die Handlung stattdessen zunächst in ein militärisches Umfeld. Rogers sucht Halt in der Struktur der Armee, die für ihn einst Heimat und moralischer Kompass war. Doch dort wird schnell deutlich, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist: Ein Nachfolger hat seinen Platz eingenommen, und Rogers muss sich nicht nur mit einer fremden Welt, sondern auch mit seiner eigenen Legende auseinandersetzen. Diese Perspektive erlaubt eine spannende Neubewertung der Figur, da Cap hier weniger als strahlendes Symbol und mehr als Veteran gezeigt wird, der lernen muss, dass Ideale sich verändern – und manchmal instrumentalisiert werden.


Der Einsatz in Latveria bildet den actionreichen Kern des Bandes. Das von einem jungen Victor von Doom eroberte Land dient als politisch aufgeladene Kulisse, in der Superheldenaction und geopolitische Spannungen ineinandergreifen. Die Geiselbefreiungsmission zwingt Rogers dazu, sich mit moderner Kriegsführung, moralischen Grauzonen und der Frage auseinanderzusetzen, wie ein Held aus einer klarer strukturierten Vergangenheit in einer komplexeren Gegenwart bestehen kann. Besonders interessant ist die Darstellung von Doom: nicht nur als klassischer Superschurke, sondern als aufstrebender Machtfaktor, dessen Präsenz bereits früh eine bedrohliche Schwere verleiht.


Thematisch geht der Band deutlich über klassische Heldengeschichten hinaus. Zdarsky hinterfragt, was Patriotismus im 21. Jahrhundert bedeutet, wie Erinnerungspolitik und nationale Mythen funktionieren und ob ein Symbol wie Captain America in einer Welt voller Ambivalenzen überhaupt noch denselben Platz einnehmen kann. Gleichzeitig bleibt die Geschichte zugänglich, weil sie die persönlichen Zweifel und die innere Zerrissenheit von Steve Rogers in den Mittelpunkt stellt. Der Leser erlebt ihn nicht als unerschütterlichen Helden, sondern als Menschen, der lernen muss, dass sein Ruf ihn nicht automatisch definiert.


Valerio Schitis Artwork unterstützt diese modernisierte Interpretation hervorragend. Sein Stil kombiniert dynamische Actionsequenzen mit klaren, emotionalen Gesichtsausdrücken, wodurch sowohl die Intensität der Einsätze als auch die inneren Konflikte der Figuren glaubwürdig transportiert werden. Die militärischen Szenen wirken realistisch und geerdet, während die Momente mit Doom und den politischen Spannungen eine fast schon bedrohliche Atmosphäre erzeugen. Besonders gelungen ist die Balance zwischen kinetischer Bewegung und ruhigen Panels, die Rogers’ Isolation und Nachdenklichkeit unterstreichen.


Insgesamt ist Captain America 1 ein bewusster Bruch mit vielen Erwartungen, die Leser an die Figur haben könnten. Der Band bietet weniger klassische Superhelden-Glorie und mehr Charakterstudie, politische Spannung und moralische Reflexion. Das macht ihn nicht unbedingt zu einer leichten Einstiegsgeschichte für Fans, die vor allem bunte Heldentaten suchen, wohl aber zu einer spannenden, zeitgemäßen Neuinterpretation, die den Mythos Captain America in eine komplexere und realistischere Welt überführt. Wer offen für eine nachdenklichere, modern erzählte Version von Steve Rogers ist, bekommt hier einen starken Auftakt, der neugierig auf die weitere Entwicklung dieser neuen Ära macht.