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Kein Pardon, kein Zurück – Rezension: Punisher: Blutsverwandt (Panini Comics)


Manche Helden kämpfen für Gerechtigkeit. Frank Castle kämpft für etwas ganz anderes: für das Ende. Das Ende jedes Verbrechens, jedes Verbrechens, jedes Menschen, der anderen Schaden zufügt. Keine Verhandlung. Kein Erbarmen. Kein Wiedersehn. Das ist das Versprechen des Punishers – und Rick Remenders Abschlusskapitel seines preisgekrönten Runs auf dem Charakter, nun im deutschen Sammelband „Blutsverwandt" bei Panini erschienen, löst dieses Versprechen mit einer Brutalität ein, die man so schnell nicht vergisst.


„Punisher: Blutsverwandt" versammelt die fünf Hefte des Miniserie Punisher: In the Blood (2010/2011) und markiert den Schlusspunkt von Remenders ausgedehntem und vielschichtigem Umgang mit Frank Castle – einer Erzählphase, die von ernsthafter Charakterarbeit, rabenschwarzem Humor und einem gelegentlich geradezu surrealen Eskalationswillen geprägt war. Wer den Franken-Castle-Arc noch vor Augen hat – jenen irren Exkurs, in dem Frank buchstäblich als Monster der Wissenschaft wieder zusammengeflickt wurde – weiß: Remender scheut keine Extreme. In „Blutsverwandt" holt er seinen Protagonisten aus diesem Ausnahmezustand zurück in die Realität der New Yorker Straßen. Und dort wartet eine Abrechnung, die es in sich hat.


Der Kern der Handlung ist einfach und effektiv: Microchip, Franks ehemaliger technischer Unterstützer und Vertrauter, hat ihn verraten. Das macht ihn zur Zielperson Nummer eins auf Castles ewiger Liste. Gleichzeitig schmieden die Jigsaw-Brüder – Billy und sein Bruder – einen Plan, der tief in die emotionale Wunde sticht, die Remender über seinen gesamten Run hinweg aufgebaut hat: Henry Russo, Franks junger Verbündeter und Cyber-Assistent, ist der Sohn von Jigsaw. Die Frage, ob Loyalität etwas bedeutet, wenn man aus dem Fleisch des Feindes geboren wurde, steht im Raum – und Remender nutzt sie klug, um seinem ansonsten monosyllabisch wirkenden Protagonisten menschliche Tiefe zu verleihen, ohne ihn zu verweichlichen.


Das ist Remenders eigentliche Leistung: Er schreibt Frank Castle nicht als unverwundbaren Vernichtungsautomaten, sondern als Mann, der sich bewusst gegen alles entschieden hat, was ihn menschlich machen könnte. Als Microchip versuchte, Frank seine auferweckte Familie zurückzugeben, schickte dieser sie erneut in den Tod. Nicht aus Gefühllosigkeit – sondern weil er längst entschieden hat, wer er ist. Diese Konsequenz, diese geradezu stoische Grausamkeit sich selbst gegenüber, ist das, was den Punisher von anderen Marvel-Figuren unterscheidet. Remender versteht das. Und er baut seinen Abschluss genau auf dieser Prämisse auf: Frank Castle braucht keine Erlösung. Er braucht nur noch einen letzten Job.


Die Zeichenarbeit von Roland Boschi war zum Erscheinungszeitpunkt ein gewisser Diskussionspunkt. Nach Jerome Opena und Tony Moore – beide von beachtlicher stilistischer Eleganz – wirkt Boschi rauer, kantiger, weniger glatt. Und das ist, ehrlich gesagt, genau das Richtige. Boschis Strich ist kein Schönheitspreis-Kandidat, aber er hat etwas, das viele polierteren Stile in diesem Genre vermissen lassen: Er atmet. Seine Panels haben Energie, seine Actionsequenzen eine kinetische Unmittelbarkeit, die man körperlich spürt. Wenn Frank einen Raum betritt und vier Seiten später niemand mehr steht, ist das bei Boschi kein sauberes Choreografie-Spektakel, sondern chaotische, dreckige Gewalt – wie sie sein sollte. Dan Browns Kolorit verstärkt das durch eine Palette, die konsequent zwischen Neonlicht und Dunkelheit schwankt: New York bei Nacht, immer kurz vor dem nächsten Mord.


Wo der Band an Grenzen stößt, ist dort, wo sein Einstiegspreis hoch ist. Wer Remenders gesamten Punisher-Run nicht kennt – die frühen Hefte mit Opena, die Jigsaw-Konfrontationen, die Franken-Castle-Phase, den Hood-Arc –, wird einige emotionale Ankerpunkte vermissen. „Blutsverwandt" ist kein Standalone. Es ist ein Finale. Wer den Weg nicht gegangen ist, verpasst einen Teil der Wucht. Das ist keine Schwäche des Bandes an sich, aber ein fairer Hinweis für Neueinsteiger: Hier sollte man besser von vorne beginnen.


Ein weiterer, kleiner Vorbehalt: Remenders Punisher-Stimme wird gelegentlich als zu einsilbig kritisiert. Es stimmt – Frank spricht wenig, und wenn, dann kurz und hart. Manche Leser erwarten mehr inneres Monolog, mehr Reflexion. Die werden sie hier nicht finden. Aber das ist eine Frage des Charakterverständnisses: Der Punisher denkt nicht laut. Er handelt. Und in „Blutsverwandt" handelt er auf eine Art, die den gesamten Run eines Autors würdig abschließt.


Fazit: „Punisher: Blutsverwandt" ist kein Comic für schwache Nerven – und will das auch gar nicht sein. Er ist das konsequente Ende einer der dichtesten und charakterlich stärksten Punisher-Phasen der Comicgeschichte. Rick Remender verabschiedet sich von Frank Castle ohne falsche Sentimentalität und ohne Kompromisse. Boschis Artwork liefert den passenden visuellen Ton: roh, ungeschliffen, unausweichlich. Für Fans des Runs ist dieser Band Pflicht. Für alle anderen: Holt euch zunächst den Anfang – und dann kommt ihr unweigerlich hier an.

Punisher: Blutsverwandt | Autor: Rick Remender | Zeichner: Roland Boschi, Mick Bertilorenzi | Verlag: Panini Comics | Enthält: Punisher: In the Blood (2010) #1–5 | Format: Softcover, Farbe