VERANTWORTUNG
Volker Wissing | Droemer Verlag | Sachbuch / Politisches Memoir
DER AUSSTEIGER ERKLÄRT SICH
Ein Minister rechnet ab – und entwirft eine Utopie
Es gibt Bücher, die man liest, und Bücher, die man liest und dabei gleichzeitig die Person hinter ihnen zu verstehen versucht. Volker Wissings Verantwortung, erschienen im Droemer Verlag, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Der Name Wissing ist für jeden politisch halbwegs aufmerksamen Deutschen untrennbar verbunden mit einem der spektakulärsten parteiinternen Brüche der jüngeren deutschen Politikgeschichte: dem Austritt aus der FDP im November 2024, um sein Ministeramt zu behalten, während die Ampelkoalition um ihn herum zusammenbrach. Dieses Buch ist Wissings Erklärung. Seine Rechtfertigung. Sein politisches Glaubensbekenntnis. Und je nach Standpunkt des Lesers ist es mal das eine, mal das andere, meist aber ein Mix aus beidem.
WAS WAR: DER KONTEXT MACHT DAS BUCH
Um Verantwortung zu verstehen, muss man sich kurz in Erinnerung rufen, was diesem Buch vorausging. Wissing war Bundesminister für Digitales und Verkehr in der Ampelkoalition, langjähriges FDP-Mitglied und Generalsekretär seiner Partei. Als die Koalition im Herbst 2024 auseinanderbrach und die FDP-Führung unter Christian Lindner den Bruch herbeiführte, entschied sich Wissing, nicht mitzuziehen. Er verließ die FDP, blieb Minister unter Kanzler Scholz und übernahm zusätzlich das Justizministerium. Der politische Aufschrei in der FDP war enorm. Das Buch, das nun vorliegt, ist der Versuch, diese Entscheidung nicht nur zu erklären, sondern in einen größeren demokratiepolitischen Rahmen zu stellen.
Das gelingt Wissing teilweise bemerkenswert gut und teilweise allzu vorhersehbar.
STÄRKEN: WENN KLARHEIT ZUR TUGEND WIRD
Was sofort auffällt, ist die Sprache. Wissing schreibt präzise, nüchtern, fast schon juristisch geschärft, was angesichts seiner neuen Rolle als Justizminister nicht verwundert. Er verkleidet seine Argumente nicht in Polemik, er schmückt sie nicht mit rhetorischen Feuerwerken. Wer eine Abrechnung im Stil einer politischen Streitschrift erwartet, wird überrascht sein: Das Buch ist ruhiger, analytischer und letztlich ernsthafter, als der Name Wissing im politisch aufgewühlten Herbst 2024 zunächst vermuten ließ.
Besonders stark sind die Passagen, in denen Wissing die Mechanismen der politischen Lagerbildung beschreibt. Er seziert mit ruhiger Hand, wie Koalitionsverhandlungen und Kabinettsrunden zunehmend zu Inszenierungen für die eigene Klientel werden, wie echter Kompromiss in einer Welt des permanenten Onlinelärms als Schwäche gilt und wie die Logik des Konflikts die Logik des Lösens von Problemen verdrängt hat. Diese Diagnose ist nicht neu, aber Wissing formuliert sie aus einer Innenperspektive, die ihr Gewicht verleiht. Er war dabei. Er hat die Grabenkämpfe nicht aus der Kommentatorenperspektive beobachtet, sondern am Kabinettstisch erlebt. Das macht den Unterschied.
Auch sein zentrales Konzept, das dem Buch den Titel gibt, überzeugt in seiner Schlichtheit. Verantwortung übernehmen bedeutet für Wissing nicht, dem eigenen Lager zu dienen und den eigenen Platz zu sichern. Es bedeutet, konstruktive Entscheidungen für konkrete Menschen zu treffen, auch wenn sie den Parteifreunden nicht gefallen, auch wenn sie politisch unbequem sind, auch wenn sie den eigenen Karrierepfad komplizieren. Man muss dieser These nicht vollständig zustimmen, um zu erkennen, dass sie in der aktuellen politischen Kultur Deutschlands eine ernsthafte Provokation darstellt.
DER BLICK HINTER DIE KULISSEN: ERHELLEND UND SELEKTIV
Wissing verspricht im Klappentext Berichte aus den Schaltzentralen in Berlin, und er löst dieses Versprechen zumindest teilweise ein. Die Schilderungen aus dem Innenleben der Ampelkoalition sind die fesselndsten Teile des Buches. Man spürt die Erschöpfung, die Verbitterung, das Gefühl, in einem System zu arbeiten, das sich selbst blockiert. Die Bilder, die Wissing zeichnet, sind keine Heldenepen. Sie sind müde, manchmal resigniert und gerade deshalb glaubwürdig.
Allerdings muss der Leser dabei eines im Hinterkopf behalten: Jede Erinnerung ist eine Deutung, und jede politische Autobiographie ist auch Selbstverteidigung. Wissing ist fair genug, dies implizit zuzugeben, indem er nie den Anspruch erhebt, die einzig richtige Wahrheit zu erzählen. Dennoch fehlt es dem Buch an Momenten der echten Selbstkritik. Die eigene Rolle in den Prozessen, die er beschreibt, die eigenen Fehler und Fehleinschätzungen, sie bleiben weitgehend im Schatten der Analyse des Systems. Das ist menschlich verständlich und handwerklich geschickt, aber intellektuell nicht ganz befriedigend.
FREIHEITSBEGRIFF ALS HERZSTÜCK
Ein zentrales Anliegen des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff, und hier wird es philosophisch interessant. Wissing will den Begriff der Freiheit aus der politischen Vereinnahmung lösen, speziell aus der Engführung, die ihm seine frühere Partei gegeben hat. Freiheit als reine Freiheit von staatlichem Eingriff, als libertärer Reflex, greift ihm zu kurz. Echte Freiheit, so Wissings Argument, braucht Verantwortung als Korrektiv. Sie entsteht nicht im Vakuum, sondern im demokratischen Miteinander, im gegenseitigen Respekt, in der Bereitschaft, auch für andere einzustehen.
Das ist keine revolutionäre These. Politphilosophen haben das in verschiedenen Varianten formuliert, von Isaiah Berlin bis Amartya Sen. Aber es ist eine These, die in der aktuellen deutschen Debatte, in der Freiheit oft als Chiffre für Abgrenzung und Abschottung funktioniert, durchaus ihre Berechtigung hat. Wissing formuliert sie ohne akademischen Ballast und mit dem Instinkt des Praktikers. Das macht sie zugänglich, auch wenn man sich gelegentlich etwas mehr argumentative Tiefe wünscht.
SCHWÄCHEN: DIE GRENZEN DES GENRES
Das Buch hat seine Grenzen, und sie liegen dort, wo das Genre selbst seine Grenzen hat. Das politische Memoir, geschrieben in zeitlicher Nähe zu den Ereignissen, von einem Akteur, der noch mitten im politischen Betrieb steht, kann nicht vollständig offen sein. Wissing weiß das, und der Leser weiß es auch. Es bleiben Lücken, Andeutungen, Formulierungen, die etwas sagen, ohne alles zu sagen. Wer eine vollständige Chronologie des Ampel-Endes mit Rohdaten und Primärquellen erwartet, wird enttäuscht.
Zudem schwankt das Buch gelegentlich zwischen dem persönlichen Zeugnis und dem politischen Essay, ohne sich für eine Form vollständig zu entscheiden. Die stärksten Passagen sind die persönlichen, die schwächsten die abstrakteren Analysekapitel, die mitunter etwas zu sehr nach Feuilleton klingen und etwas zu wenig nach dem Mann, der uns gerade noch aus dem Innenleben der Berliner Macht berichtet hatte.
FAZIT: EIN WICHTIGES BUCH MIT EHRLICHEN GRENZEN
Verantwortung ist kein großes Buch im literarischen Sinne, und es erhebt diesen Anspruch auch nicht. Es ist ein ehrliches, klug geschriebenes und politisch mutiges Dokument eines Mannes, der eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen hat und sie nun mit Argumenten unterlegt, die über die persönliche Rechtfertigung hinausgehen. Die Diagnose der deutschen politischen Kultur, die Wissing erstellt, ist zutreffend und schmerzhaft. Der Appell für eine andere Art des Politikmachens, weniger Symbole, mehr Substanz, weniger Lager, mehr Lösungen, ist berechtigt und notwendig.
Ob man Wissings eigenen Lebensweg als Beweis für diesen Appell akzeptiert oder als dessen kalkulierteste Widerlegung, das bleibt jedem Leser selbst überlassen. Aber genau diese Spannung macht das Buch lesenswert: Es fordert heraus, zu einer eigenen Haltung zu kommen. Und das ist, bei Licht betrachtet, genau das, was ein politisches Buch tun sollte.
Verantwortung | Volker Wissing | Droemer Verlag 2025 | Sachbuch / Politisches Memoir | ca. 240 Seiten