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Wir Kinder der Leichtigkeit

Mit „Wir Kinder der Leichtigkeit“ legt Dirk von Petersdorff ein ebenso persönliches wie zeitdiagnostisches Buch vor, erschienen im C.H. Beck. Es ist Erinnerung und Essay zugleich, kulturgeschichtliche Reflexion und autobiografische Spurensuche – getragen von der Frage, was aus jenem Lebensgefühl geworden ist, das mit dem Ende der 1970er-Jahre seinen Auftritt hatte.


Petersdorff beschreibt eine Epoche, in der die großen ideologischen Erzählungen zu bröckeln begannen. Der Marxismus verlor an Bindekraft, Fortschrittsgewissheiten zerfielen, und mit dem Abschied von den „schweren“ Weltdeutungen entstand ein neues Lebensgefühl: Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit war kein oberflächlicher Optimismus, sondern eine Befreiung von ideologischer Schwere. Sie zeigte sich im Alltag ebenso wie in Kultur und Politik. Schuhe mit Luftsohle versprachen federnde Beweglichkeit, statt Sonntagsrouladen mit Rotkohl kamen Müsli und Salate auf den Tisch, und auf den Bühnen glitt Michael Jackson im Moonwalk scheinbar schwerelos über den Boden.


Solche Bilder sind mehr als nostalgische Anekdoten. Petersdorff gelingt es, sie als Symbole einer gesellschaftlichen Verschiebung zu deuten: Grenzen wurden durchlässiger, Lebensstile individueller, Gewissheiten optional. Das Private emanzipierte sich von politischen Großentwürfen. In dieser Atmosphäre schien alles möglich – eine Freiheit, die zugleich verunsicherte, weil sie keine festen Koordinaten mehr kannte.


Doch das Buch verharrt nicht im Rückblick. Spätestens mit den Anschlägen vom 11. September 2001 – einem Einschnitt, der das westliche Selbstverständnis erschütterte – gerät die Leichtigkeit in Bedrängnis. Neue Kriege, autoritäre Bewegungen und globale Krisen erzeugen ein Klima der Unsicherheit. Die Sehnsucht nach Halt, nach eindeutigen Erklärungen und festen Zugehörigkeiten wächst wieder. Petersdorff beschreibt diese Entwicklung ohne kulturpessimistischen Gestus, aber mit spürbarer Sorge: Hat die Leichtigkeit ihre Unschuld verloren? Oder muss sie neu gedacht werden?


Besonders überzeugend ist die essayistische Offenheit des Buches. Petersdorff argumentiert nicht dogmatisch, sondern tastend. Er verbindet persönliche Erinnerungen mit klugen Beobachtungen zur Gegenwart. Dabei zeigt sich seine poetische Herkunft: Die Sprache ist klar und zugleich schwebend, analytisch und doch anschaulich.


„Wir Kinder der Leichtigkeit“ ist kein politisches Manifest, sondern eine feinfühlige Selbstbefragung einer Generation – und darüber hinaus eine Einladung, über das eigene Lebensgefühl nachzudenken. Petersdorff plädiert nicht für eine naive Rückkehr zur Unbeschwertheit, sondern für eine bewusste, reflektierte Form von Freiheit, die sich den Herausforderungen der Gegenwart stellt, ohne in neue Schwere zu verfallen.


So bleibt das Buch als kluger, leiser Beitrag zur Gegenwartsdiagnose in Erinnerung – und als literarisches Plädoyer dafür, die Leichtigkeit nicht preiszugeben, sondern sie unter veränderten Bedingungen weiterzutragen.