Nextgengamersnet
Games, Movies and more
 
 
 


AUSVERKAUFT IN DER HÖLLE


Rock'n'Roll stirbt nie – auch nicht in der ewigen Verdammnis


Die Prämisse ist so simpel wie teuflisch gut: Ein Musiker, der einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, steckt für alle Ewigkeit in einem Konzert fest, das niemals endet. Die Bühne brennt, die Menge besteht aus Dämonen, und die einzige Waffe ist eine verfluchte Gitarre. Devil Jam, das neue Action-Roguelite für die PlayStation 5, braucht keine langen Erklärungen. Es braucht nur drei Akkorde und die Wahrheit. Und die Wahrheit lautet: Das hier macht süchtig.


DAS KONZEPT: WENN FAUST AUF VAMPIRE SURVIVORS TRIFFT


Devil Jam bedient sich bei einer der erfolgreichsten Spielideen der letzten Jahre: dem sogenannten Bullet-Heaven-Prinzip, das Vampire Survivors 2022 zum Massenphänomen gemacht hat. Der Spieler bewegt seine Figur durch Arenen, während Angriffe automatisch feuern und die Hauptaufgabe darin besteht, Projektilen auszuweichen, Feinde zu erledigen und dabei immer mächtiger zu werden. Dieses Grundgerüst ist erprobt, beliebt und von unzähligen Spielen bereits aufgegriffen worden. Was Devil Jam innerhalb dieses Rahmens leistet, ist jedoch keine bloße Kopie, sondern eine Neuinterpretation mit eigenem Charakter und eigener Seele.


Die Gitarre als zentrale Spielmechanik ist mehr als ein ästhetischer Einfall. Riffs und Akkorde übersetzen sich in verschiedene Angriffsarten, die sich je nach gewählten Upgrades grundlegend verändern. Ein Run kann sich anfühlen wie ein kalkuliertes Heavy-Metal-Gewitter, der nächste wie ein chaotisches Punk-Konzert, bei dem alles aus den Nähten platzt. Diese Varianz ist das Herzstück des Spiels und sein überzeugendster Trumpf.


DAS GAMEPLAY: DREI MINUTEN ODER DREISSIG


Devil Jam funktioniert nach der klassischen Roguelite-Logik: Ein Run beginnt, die Hölle öffnet ihre Tore, Dämonenschwärme strömen herein, und wer stirbt, fängt von vorne an. Zwischen den Wellen bietet das Spiel eine Auswahl an Upgrades an, die von einem illustren Ensemble höllischer Verbündeter angeboten werden: teuflische Gestalten mit Namen, Persönlichkeiten und ganz eigenen Philosophien des Chaos, die dem Spieler mal einen explodierenden Bassline-Angriff schenken, mal eine Aura aus schreienden Riffs, die alle Feinde in einem Radius verbrennt.


Diese Upgrades sind der eigentliche Spielplatz. Devil Jam lebt von der Frage: Was passiert, wenn ich das kombiniere? Wenn die feuerspeiende Lick-Attacke auf den Upgrade trifft, der jeden Kill in ein Gitarrensolo verwandelt, das selbst wieder Feinde trifft? Die Antwort ist meistens spektakulär und manchmal schlicht unlesbar vor lauter Chaos auf dem Bildschirm, was wiederum seinen eigenen berauschenden Reiz hat.
Die Arenen sind tightly designed, wie es im Originaltext heißt, und das stimmt. Sie sind nicht riesig, nicht offen, nicht frei erkundbar. Sie sind Käfige. Bühnen. Rings. Das passt zur Metapher des ewigen Konzerts hervorragend: Man kommt nirgendwo hin, man überlebt, man schlägt zurück, man schreit in den Höllenlärm hinein. Die Enge ist keine Schwäche, sondern eine Designentscheidung mit Konsequenz.


DAS SETTING: ÄSTHETIK ALS ARGUMENT


Optisch ist Devil Jam eine Wucht. Die Entwickler haben einem konsequenten Stil verschrieben: grelle Flammenfarben, tiefschwarz konturierte Dämonensilhouetten, Bühnenlichter in Höllenrot und Schwefelgelb, alles pulst im Takt der Musik. Die Bildrate auf der PS5 ist makellos stabil, selbst wenn dutzende Projektile und Feinde gleichzeitig den Screen bevölkern. Wer auf dem OLED-Fernseher spielt, wird die satte Farbpalette des Spiels als eigenes Erlebnis zu schätzen wissen.


Der Soundtrack verdient ein eigenes Kapitel. Ein Spiel, das auf dem Konzept der verdammten Rockmusik aufgebaut ist, muss mit seiner Musik liefern, und Devil Jam liefert. Die Tracks sind energetisch, gitarrenlastig und wissen genau, wann sie eskalieren müssen. Das Sounddesign unterstützt das Spielgefühl auf eine Weise, die man erst bemerkt, wenn man kurz den Ton abstellt: Plötzlich fehlt etwas Entscheidendes. Das ist ein Kompliment.


DIE HÖLLISCHEN VERBÜNDETEN: CHARAKTERE MIT PERSÖNLICHKEIT


Eine angenehme Überraschung sind die dämonischen Upgradegeber, die zwischen den Runs und Wellen auftauchen. Devil Jam hat sich die Mühe gemacht, diesen Gestalten echte Persönlichkeiten zu geben: sarkastische Teufel, großspurige Dämonen, melancholische Unterweltsgestalten. Die kurzen Dialogzeilen, die ihre Angebote begleiten, sind mit trockenem Humor verfasst und verleihen dem Spiel eine narrative Schicht, die über das reine Mechanik-Erleben hinausgeht. Man freut sich auf bestimmte Verbündete, man hat Favoriten, man lacht gelegentlich laut auf. Für ein Genre, das narrativ oft spartanisch bleibt, ist das eine echte Stärke.


Der Protagonist selbst bleibt bewusst stumm und konturlos, was ebenfalls funktioniert: Er ist eine Projektionsfläche, ein Archetyp des zum Scheitern verurteilten Rockstars, der sich mit seiner Verdammnis arrangiert hat. Das Spiel kommentiert diese Figur durch seine Welt und seinen Humor, nicht durch Cutscenes oder Dialoge.


SCHWÄCHEN: NICHT JEDER RIFF SITZT


Devil Jam ist kein makelloses Spiel, und bei ehrlicher Betrachtung zeigen sich einige Stellen, an denen der Lack abblättert. Der Umfang der Arenen ist, zumindest in der vorliegenden Version, noch überschaubar. Wer viele Stunden investiert, wird feststellen, dass die Schauplätze sich schneller wiederholen, als man es sich wünscht. Hier wäre mehr Abwechslung willkommen, mehr Bühnen, mehr Schauplätze in der dämonischen Bandbreite der Hölle, mehr musikalische Settings. Das Potential ist vorhanden, die Ausschöpfung noch nicht vollständig.


Auch die Balance der Upgrades ist nicht immer ausgewogen. Manche Kombinationen erweisen sich als so dominant, dass der Run zur Formsache wird, andere Pfade führen hingegen in frustrierende Sackgassen, die sich weniger nach riskantem Glücksspiel anfühlen als nach unverdientem Pech. Roguelites leben von der Illusion der Fairness, auch wenn sie nie vollständig fair sind. Diese Illusion bricht in Devil Jam gelegentlich sichtbar auf.


Der Einstieg kann zudem härter sein als nötig. Neue Spieler, die mit dem Genre nicht vertraut sind, werden in den ersten Runs wenig Orientierung finden. Das Tutorial ist knapp bemessen, die Lernkurve entsprechend steil. Wer durchhält, wird belohnt. Wer nach zwei Runs aufgibt, hat vielleicht nie verstanden, was das Spiel eigentlich kann.


FAZIT: VERDAMMT NOCHMAL GUT


Devil Jam ist eine der frischesten Interpretationen des Bullet-Heaven-Genres seit geraumer Zeit. Die Idee des ewigen Höllengigs trägt mehr als erwartet: als Gameplay-Metapher, als ästhetisches Konzept, als Rahmen für einen schwarzhumorigen Blick auf Ruhm, Verdammnis und das Schweigen zwischen zwei Akkorden. Das Spiel hat Stil, hat Rhythmus, hat Biss. Es hat auch seine Schwächen, und es ist noch nicht ganz das, was es sein könnte. Aber es ist schon jetzt eines dieser Spiele, bei dem man nach einer Stunde hochschaut und nicht glaubt, dass so viel Zeit vergangen ist.


Rock'n'Roll, so die alte Weisheit, kann dich nicht töten. In Devil Jam tötet er dich andauernd. Und man kommt immer wieder zurück für mehr.