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Mit Orwell: Keeping an Eye On You und Orwell: Ignorance is Strength veröffentlicht Daedalic Entertainment auf der Nintendo Switch zwei außergewöhnliche Spiele, die weniger klassische Videospiele als vielmehr interaktive politische Dystopien sind. Beide Titel bedienen sich derselben Grundidee: Ihr sitzt nicht selbst auf der Straße, kämpft oder verhandelt, sondern beobachtet. Ihr sammelt Daten, analysiert Informationen und entscheidet, welche Version der Realität an die Behörden weitergegeben wird. Was zunächst nüchtern und beinahe bürokratisch wirkt, entwickelt sich schnell zu einer der eindringlichsten Spielerfahrungen der letzten Jahre.


In Orwell: Keeping an Eye On You übernehmt ihr die Rolle eines staatlichen Ermittlers innerhalb eines allumfassenden Überwachungssystems. Über private Nachrichten, E-Mails, Social-Media-Profile, Polizeidatenbanken und persönliche Notizen setzt ihr nach und nach ein Bild der überwachten Bürger:innen zusammen. Ziel ist es, eine sich anbahnende Terrorismus-Bedrohung aufzudecken. Doch das Spiel macht früh deutlich, dass Informationen niemals neutral sind. Ihr entscheidet selbst, welche Details ihr weiterleitet – und welche ihr bewusst zurückhaltet. Dabei gibt es keine klaren Hinweise darauf, was richtig oder falsch ist. Das System lobt euch nicht, es tadelt euch nicht. Stattdessen zeigt es die Konsequenzen eurer Entscheidungen in aller Ruhe auf.


Gerade diese Zurückhaltung ist die größte Stärke des Spiels. Jede Entscheidung fühlt sich endgültig an, weil sie nicht rückgängig gemacht werden kann. Menschen geraten ins Visier der Behörden, verlieren ihre Freiheit oder werden zu Verdächtigen, nur weil ihr einen Chatverlauf oder einen alten Forenbeitrag für relevant haltet. Gleichzeitig lernt ihr die Figuren immer besser kennen, erfahrt von ihren Ängsten, ihren politischen Überzeugungen und ihren Beziehungen. So entsteht ein ständiger innerer Konflikt zwischen Pflichtgefühl, Neugier und moralischem Unbehagen. Keeping an Eye On You zwingt euch dazu, Verantwortung zu übernehmen – und konfrontiert euch mit der Frage, wie viel Sicherheit den Verlust von Privatsphäre rechtfertigt.


Orwell: Ignorance is Strength knüpft inhaltlich und spielmechanisch an den ersten Teil an, erweitert den Ansatz jedoch deutlich. Die Geschichte ist globaler, politischer und weniger persönlich, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Statt eines lokalen Terrorfalls rücken internationale Spannungen, Machtinteressen und mediale Manipulation in den Vordergrund. Ihr überwacht erneut Bürger:innen, Journalist:innen und politische Akteur:innen, doch diesmal geht es weniger darum, „die Wahrheit“ zu finden, sondern darum, welche Wahrheit verbreitet wird.


Der Nachfolger legt einen stärkeren Fokus auf Fake News, Propaganda und die bewusste Verzerrung von Informationen. Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen, Daten selektiv weitergegeben, Narrative gezielt aufgebaut. Besonders beklemmend ist, wie selbstverständlich das Spiel euch dazu bringt, Informationen strategisch zu nutzen, statt sie objektiv zu bewerten. Ignorance is Strength zeigt noch deutlicher als sein Vorgänger, dass Wahrheit formbar ist – und dass Macht nicht nur durch Gewalt, sondern durch Kontrolle von Information ausgeübt wird. Die moralischen Entscheidungen sind komplexer, weniger eindeutig und oft langfristiger in ihren Auswirkungen, was den politischen Anspruch des Spiels zusätzlich unterstreicht.


Auf der Nintendo Switch funktionieren beide Titel erstaunlich gut. Die Menüführung ist klar, die Texte sind gut lesbar, und das ruhige, textlastige Gameplay passt perfekt zum Handheld-Format. Technisch sind die Spiele schlicht gehalten, doch das ist konsequent: Grafik und Sound treten bewusst in den Hintergrund, um Platz für Atmosphäre, Inhalt und Reflexion zu lassen.


Als Gesamtwerk entfalten Orwell: Keeping an Eye On You und Orwell: Ignorance is Strength ihre größte Wirkung. Der erste Teil überzeugt durch seine Nähe zu den Figuren und die unmittelbaren emotionalen Konsequenzen, während der zweite das große politische Bild zeichnet und zeigt, wie leicht sich Meinungen, Wahrheiten und ganze Gesellschaften manipulieren lassen. Zusammen ergeben sie ein düsteres, hochaktuelles Panorama einer Welt, in der Überwachung normalisiert und Moral zur Verhandlungsmasse wird.


Diese Spiele wollen nicht unterhalten im klassischen Sinn – sie wollen verunsichern, provozieren und zum Nachdenken anregen. Wer sich darauf einlässt, erhält zwei eindringliche Erfahrungen, die lange nachwirken und unangenehme Fragen stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.