Sovereign Syndicate (PS5) – Review: Steampunk-London trifft auf Tarot-RPG
Entwickler: Crimson Herring Studios
Publisher: Zugalu Entertainment
Plattform: PS5, PS4, Xbox Series X|S, Xbox One, PC
Release: 29. Januar 2025 (Konsolen) | 15. Januar 2024 (PC)
Preis: 19,99 €
Genre: Narrative RPG, Steampunk, Point-and-Click
Getestet auf: PlayStation 5
Ein Minotaurus, eine Escort-Dame und ein Zwerg betreten London
Sovereign Syndicate wirft dich ohne Vorwarnung ins kalte Wasser – oder besser gesagt: in die nebelverhangenen, dampfenden Gassen eines viktorianischen Londons, das es so nie gab. Hier ziehen Luftschiffe durch den Himmel, Zyklopen verkaufen Zeitungen, Werwölfe werden hinter elektrischen Zäunen gefangen gehalten, und ein Minotaurus mit Alkoholproblem versucht verzweifelt, über die Runden zu kommen.
Willkommen in der Welt von Crimson Herring Studios – dem ersten Titel eines ambitionierten Indies, das sich ganz offen von Disco Elysium inspirieren lässt und dabei einen eigenen, faszinierenden Weg findet.
Das narrative Herzstück von Sovereign Syndicate sind seine drei spielbaren Charaktere, deren Schicksale sich im Laufe der rund 15-stündigen Geschichte kunstvoll verweben:
Atticus Daley, der Minotaurus-Illusionist mit einer dunklen Vergangenheit und einem noch dunkleren Schatten über dem Kopf – buchstäblich. Ein Mann am Tiefpunkt, der zwischen Selbsthass und dem verzweifelten Versuch schwankt, sein Leben zu retten.
Clara Reed, eine hochklassige Escort mit scharfem Verstand und noch schärferer Zunge. Sie navigiert durch die Londoner High Society mit einer Mischung aus Charme, Manipulation und der Gewissheit, dass sie nur auf sich selbst zählen kann.
Teddy Redgrave, ein Zwerg und Monsterjäger, der in einer Welt lebt, in der er selbst als "Monster" gilt. Ein Mann auf der Suche nach Gerechtigkeit – oder vielleicht nur nach einem Platz, an dem er hingehört.
Die wechselnde Perspektive zwischen den drei Protagonisten ist mehr als nur ein narrativer Kniff. Jeder Charakter bringt seine eigene Weltsicht, seine eigenen inneren Stimmen und seine eigenen moralischen Dilemmata mit – und genau hier zeigt sich die DNA von Disco Elysium am deutlichsten.
Tarot statt Würfel – Das Herzstück des Gameplays
Vergiss klassische RPG-Mechaniken mit zufälligen Attributspunkten. Sovereign Syndicate geht einen anderen Weg: Deine Fähigkeiten entwickeln sich durch Nutzung weiter – nutzt du Überzeugungskraft, wird sie stärker. Vernachlässigst du Kampf-Skills, verkümmern sie.
Das eigentliche Highlight ist jedoch das Tarot-System. Anstelle von Würfeln ziehst du bei Skill-Checks Karten aus einem Tarot-Deck. Jeder Charakter hat vier Decks (entsprechend den vier Anzügen), die mit seinen individuellen Eigenschaften korrespondieren. Die gezogene Karte wird zu deinem Skill-Wert addiert – ziehst du "Die Welt", hast du automatisch Erfolg, "Der Narr" bedeutet automatisches Scheitern.
Es ist ein cleveres System, das perfekt zur okkulten Atmosphäre des viktorianischen Londons passt. Der Haken? Die Konsequenzen von gescheiterten Checks fühlen sich oft… unbedeutend an. Selten gibt es echte Fail-States oder dramatische Wendungen aufgrund verpasster Würfe. Das nimmt dem System etwas von seinem Gewicht, auch wenn es thematisch brillant ist.
Das Hope-System: Verzweiflung oder Hoffnung?
Ein weiteres interessantes Feature ist das Hope-Meter. Je nach deinen Entscheidungen und Erlebnissen schwankt deine "Hoffnung" zwischen "Verzweifelt" und "Hoffnungsvoll". Das öffnet neue Dialogoptionen und erlaubt es dir, in die emotionale Verfassung deines Charakters einzutauchen.
Es ist ein unterrepräsentiertes Konzept in Rollenspielen, und Sovereign Syndicate nutzt es intelligent. Wenn Atticus am Boden ist, spiegelt sich das nicht nur in Dialogen wider, sondern auch in den Möglichkeiten, die dir zur Verfügung stehen. Ein echter Pluspunkt für Immersion.
Die Welt: Dreckig, detailliert, lebendig
Das alternative London von Sovereign Syndicate ist ein Charakter für sich. Crimson Herring Studios hat eine Welt erschaffen, die gleichzeitig historisch fundiert und fantastisch wild ist. Du begegnest auf Schritt und Tritt Begriffen wie "Dockhound", "Dolly" und "Bobby", die du per Mouse-Over erklärt bekommst – ein smartes Feature, das dafür sorgt, dass du nie verloren bist.
Die fünf großen Gebiete, die du im Laufe der Geschichte immer wieder besuchst, sind vollgepackt mit NPCs, Sidequests und versteckten Details. Von den ärmlichen Docklands bis zu den prunkvollen Anwesen der Oberschicht – die soziale Kluft ist greifbar, und das Spiel scheut sich nicht, die dunkleren Seiten der Industrialisierung zu zeigen.
Allerdings: Die begrenzten Schauplätze können sich gegen Ende etwas repetitiv anfühlen. Die Größe der Gebiete ist beeindruckend, aber wenn du zum fünften Mal durch dieselben Straßen läufst, fehlt manchmal die Abwechslung.
Schreiben auf höchstem Niveau
Wenn es einen Bereich gibt, in dem Sovereign Syndicate uneingeschränkt glänzt, dann ist es das Schreiben. Die Dialoge sind witzig, bissig und voller Subtext. Jeder Charakter hat eine unverwechselbare Stimme – sowohl die Protagonisten als auch die unzähligen NPCs, die die Welt bevölkern.
Die inneren Monologe – eine direkte Hommage an Disco Elysium – sind exzellent umgesetzt. Deine Charaktereigenschaften sprechen mit dir, kommentieren deine Entscheidungen und versuchen dich in verschiedene Richtungen zu lenken. Dabei erreicht das Spiel nicht ganz die philosophische Tiefe seines Vorbilds, aber es ist verdammt nah dran.
Besonders beeindruckend: Die Art, wie NPCs auf dein Geschlecht, deine Rasse und dein Auftreten reagieren. Als Minotaurus wirst du anders behandelt als als Mensch. Als Clara öffnen sich Türen, die für Atticus verschlossen bleiben – und umgekehrt. Das macht Wiederholungsdurchgänge interessant.
Die Kritik: Längen und verpasste Chancen
So sehr Sovereign Syndicate vieles richtig macht, hat es auch seine Schwächen. Die größte davon ist das Pacing. Das Spiel nimmt sich Zeit – viel Zeit – um seine Geschichte aufzubauen. Das ist nicht per se schlecht, führt aber zu Momenten, in denen die Handlung ins Stocken gerät.
Der größte Kritikpunkt: das Ende. Nach 15 Stunden sorgfältigem Weltaufbau fühlt sich der Abschluss überstürzt und unbefriedigend an. Es ist klar, dass Crimson Herring Studios hier eine Fortsetzung plant, aber das macht das abrupte Ende nicht weniger frustrierend.
Außerdem: Combat-Fans aufgepasst – dieses Spiel ist nicht für euch. Sovereign Syndicate ist durch und durch ein narratives Erlebnis. Es gibt keine großen Kämpfe, kein Loot-Management, keine Dungeons. Wenn du nach Action suchst, bist du hier falsch.
Technisch solide auf PS5
Die Konsolen-Portierung ist Crimson Herring Studios gut gelungen. Das Spiel läuft flüssig auf der PS5, die Ladezeiten sind minimal, und die Controller-Steuerung funktioniert überraschend gut für ein Point-and-Click-RPG.
Die Grafik ist im isometrischen Stil gehalten – hübsch, aber nicht atemberaubend. Die wahre Stärke liegt in der Atmosphäre: dem Nebel, den Dampfmaschinen, den Gaslampen und den detaillierten Charakterporträts. Der Soundtrack untermalt das Geschehen dezent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Ein Hinweis: Das Spiel ist textlastig. SEHR textlastig. Wenn du keine Lust auf stundenlange Dialoge und innere Monologe hast, wird dich Sovereign Syndicate schnell ermüden.
Das Fazit
Sovereign Syndicate ist ein beeindruckendes Debüt von Crimson Herring Studios. Es ist ein Spiel, das weiß, was es sein will, und dieses Ziel mit Selbstbewusstsein verfolgt. Die Kombination aus Steampunk-Setting, griechisch-mythologischen Kreaturen und viktorianischer Gesellschaftskritik ist einzigartig, und die Charaktere bleiben lange nach dem Ende im Gedächtnis.
Ja, das Pacing hat Probleme. Ja, das Ende ist schwach. Ja, die Entscheidungen könnten mehr Gewicht haben. Aber trotz dieser Schwächen ist Sovereign Syndicate eine Empfehlung für alle, die narrative Tiefe über alles andere stellen.
Es ist kein perfektes Spiel – aber es ist ein wichtiges. Es zeigt, dass das Genre noch Raum für neue Stimmen hat, und dass Indies mit Herz und Ambition Erlebnisse schaffen können, die mit AAA-Titeln mithalten.
Für 19,99 € bekommst du eine dichte, intelligente Geschichte mit unvergesslichen Charakteren. Und manchmal reicht das mehr als genug.