Review: Super Meat Boy 3D (PS5)
Entwickler: Sluggerfly / Team Meat | Publisher: Headup Games | Genre: 3D-Präzisionsplattformer | Preis: ca. 25 €
Das Fleisch springt in die dritte Dimension
Manche Ankündigungen fühlen sich an wie eine logische Konsequenz, die man trotzdem nie kommen sah. Super Meat Boy – der kleine blutige Fleischkloß, der Mitte der 2010er Jahre zum Inbegriff des gnadenlosen Indie-Plattformers wurde – macht jetzt den Sprung in die dritte Dimension. Entwickelt von Sluggerfly (bekannt für das schräge Hell Pie) in enger Zusammenarbeit mit Original-Schöpfer Tommy Refenes, ist Super Meat Boy 3D kein billiger Aufguss eines Klassikers, sondern ein ernsthafter Versuch, das Herzstück der Serie – Präzision, Geschwindigkeit, gnadenlose Schwierigkeit – in den 3D-Raum zu übersetzen. Und das Erstaunliche ist: Es funktioniert.
Die ewige Geschichte
Dr. Fetus entführt Bandage Girl. Meat Boy rennt hinterher. Wer eine tiefgründige Handlung erwartet, hat sich beim Genre vertan – und das ist vollkommen in Ordnung. Die Geschichte ist Vorwand, nicht Inhalt, und Super Meat Boy hat das nie anders gehandhabt. Was zählt, ist das Spielgefühl – und das sitzt vom ersten Moment an.
Von 2D zu 3D: Ein Balanceakt
Die größte Frage bei der Ankündigung war: Wie überträgt man einen Plattformer, der auf pixelgenauer 2D-Präzision aufgebaut ist, in einen dreidimensionalen Raum, ohne das Wesentliche zu verlieren? Die Antwort der Entwickler ist klug und konservativ zugleich: Super Meat Boy 3D verzichtet auf eine frei steuerbare Kamera und setzt stattdessen auf festgelegte Kamerawinkel, ähnlich wie Super Mario 3D World. Jedes Level hat einen klar definierten Weg von A nach B, die Kamera folgt automatisch – und das Leveldesign ist so gebaut, dass diese Einschränkung selten als solche wahrgenommen wird.
Das Ergebnis fühlt sich vertrauter an, als man erwarten würde. Meat Boy bewegt sich schnell, klebt an Wänden, springt präzise – und die Steuerung reagiert auf jede Eingabe mit derselben Unmittelbarkeit wie im Original. Die Entwickler haben eng mit Tommy Refenes zusammengearbeitet und dabei sogar identische Werte aus dem Originalspiel übernommen, etwa die Abstände bei Wandsprüngen. Wer Super Meat Boy je gespielt hat, wird sich nach wenigen Minuten wie zuhause fühlen – nur eben in einer Welt, die plötzlich Tiefe hat.
Neue Moves, neue Möglichkeiten
Die dritte Dimension brachte zwangsläufig neue Bewegungsoptionen mit sich. Meat Boy kann nun horizontal Wände entlangrennen, was in vielen Levels nicht nur optionaler Luxus, sondern zwingende Notwendigkeit ist. Dazu gesellt sich ein Luftdash, der Lücken überbrückt und Geschwindigkeit ermöglicht, die man sich im 2D-Original nicht hätte vorstellen können.
Beide Ergänzungen fühlen sich nicht aufgepfropft an, sondern wie natürliche Erweiterungen des vorhandenen Bewegungssets. Der Wallrun insbesondere verlangt Präzision, die das Spiel zunächst nicht explizit erklärt – man lernt sie durch Scheitern. Und Scheitern ist, wie immer, der eigentliche Lernmechanismus dieser Serie.
Leveldesign: Meisterklasse in Grausamkeit
Hier glänzt Super Meat Boy 3D am hellsten. Die Level sind kurz, brutal und oft in einem Atemzug zu scheitern und zu wiederholen. Das Sofortige Respawnen am Levelanfang ist nicht Komfort, sondern Philosophie: Jeder Tod soll eine Lektion sein, keine Strafe. Und anders als in vielen modernen Schwierigkeits-Spielen fühlen sich fast alle Tode verdient an – Fehler des Spielers, nicht des Spiels.
Die dritte Dimension erlaubt dabei gelegentlich mehrere Wege ans Ziel: eine alternative Plattform, ein geschickt platzierter Dash, der einen nervigen Abschnitt überspringt. Dieses seltene, aber spürbare Gefühl der selbst entdeckten Abkürzung ist einer der befriedigendsten Momente des Spiels – wenn man bemerkt, dass das eigene Chaos plötzlich funktioniert.
Am Ende jeder Welt wartet ein Bosskampf, der das Gelernte auf die Probe stellt. Und wer die reguläre Welt für zu zahm hält, darf sich in den Dark-World-Levels beweisen – Variationen der gleichen Levels mit deutlich gesteigerter Schwierigkeit und mehr Hindernissen, als ein vernünftiger Mensch für nötig halten würde.
Präsentation: Stil mit kleinen Schwächen
Optisch hat Sluggerfly den charakteristischen Look der Serie modernisiert, ohne ihn zu verwässern. Meat Boy selbst wird im Laufe eines Levels sichtbar ramponierter – Knochen werden sichtbar, ein Auge verabschiedet sich – je öfter man stirbt. Das ist typischer Meat-Boy-Humor: makaber, selbstbewusst, ohne Selbstmitleid.
Der Soundtrack liefert metallisch-adrenalinreiche Tracks, die perfekt zum hektischen Chaos passen. Wenn die zwanzigste Säge den zwanzigsten Tod verursacht, sorgt die Musik dafür, dass man trotzdem weiterspielt.
Allerdings gibt es technische Einschränkungen zu vermerken. Gelegentliche Einbrüche der Bildrate in besonders bildschirmfüllenden Passagen dämpfen das ansonsten flüssige Spielgefühl merklich. Und obwohl die fixe Kamera in den meisten Situationen gut funktioniert, gibt es Momente, in denen die Spielfigur hinter einem Objekt verschwindet oder der Blickwinkel schlicht ungünstig ist – Tode, die sich dadurch unfair anfühlen, auch wenn man selbst den Fehler gemacht hat.
Die PS5-Version
Auf der PS5 profitiert das Spiel von schnellen Ladezeiten – bei einem Spiel, das auf Wiederholung ausgelegt ist, kein nebensächliches Detail. Der DualSense wird nicht besonders kreativ eingebunden, liefert aber solides Feedback bei Sprüngen und Einschlägen. Die 60 Frames pro Sekunde halten in den meisten Situationen, schwanken aber in vereinzelten, besonders überfüllten Abschnitten spürbar.
Für wen ist das?
Wer mit Präzisionsplattformern nichts anfangen kann, wer bei wiederholtem Scheitern den Controller wegwirft und nicht zurückkommt – Super Meat Boy 3D ist kein Spiel, das diesen Menschen bekehren wird. Die Serie hat ihre Identität nie versteckt, und das gilt auch hier.
Wer aber weiß, was ihn erwartet, findet einen der überzeugendsten Genre-Vertreter seit Jahren. Den Mut, einen so spezifischen 2D-Klassiker in die dritte Dimension zu überführen, ohne das Wesentliche zu verraten, sollte nicht unterschätzt werden – und Sluggerfly ist dieses Kunststück bemerkenswert gut gelungen.
Fazit
Super Meat Boy 3D ist kein sicheres Spiel für ein breites Publikum. Es ist ein Spiel für Menschen, die Scheitern nicht als Niederlage, sondern als Lernprozess verstehen – die nach dem hundertsten Tod dieselbe Befriedigung aus dem Gelingen ziehen wie beim ersten Versuch. Die dritte Dimension fühlt sich nach einer Erweiterung der DNA an, nicht nach einer Verwässerung. Das Leveldesign ist brillant, die Steuerung präzise, und der Soundtrack treibt einen unnachgiebig vorwärts.
Kleine technische Stolperer und gelegentliche Kameraprobleme nehmen der Erfahrung etwas von ihrer Makellosigkeit. Aber wenn man nach dem fünfzigsten Tod endlich über die Ziellinie stolpert, ist das Gefühl unverändert: purer, unverfälschter Triumph.