Mit "Doctor Who: Der andere Doktor" bringt Polyband das Weihnachtsspecial von 2008 erstmals in HD-Qualität auf den deutschen Blu-ray-Markt, nachdem es in bisherigen Boxen stets nur als DVD enthalten war. Diese nachträgliche HD-Veröffentlichung ist längst überfällig und gibt Fans endlich die Möglichkeit, David Tennants vorletztes Weihnachtsabenteuer als Zehnter Doktor in angemessener Bildqualität zu genießen.
Die Episode, die ursprünglich unter dem Titel "The Next Doctor" ausgestrahlt wurde, ist ein cleverer narrativer Schachzug von Showrunner Russell T Davies. Sie erschien zu einer Zeit intensiver Spekulationen darüber, wer David Tennant als Doctor nachfolgen würde, und spielt geschickt mit diesen Erwartungen. Der Titel suggeriert eine Multi-Doctor-Geschichte mit Tennants Nachfolger, doch was wir bekommen, ist etwas weitaus Raffinierteres. Der Doktor landet am Heiligabend 1851 im viktorianischen London und trifft dort auf einen Mann, der sich ebenfalls als "der Doktor" bezeichnet, komplett mit eigener Begleiterin, Schallschraubenzieher und sogar seiner eigenen TARDIS. Tennants Doktor glaubt zunächst, einer späteren Inkarnation seiner selbst begegnet zu sein, doch die Wahrheit ist komplexer und emotional berührender.
David Morrissey, der zuvor mit Tennant in der Serie "Blackpool" zusammengearbeitet hatte und tatsächlich als möglicher Kandidat für die Rolle des Elften Doktors gehandelt wurde, liefert eine bemerkenswerte Leistung als Jackson Lake ab. Seine Darstellung changiert geschickt zwischen der Selbstsicherheit eines Mannes, der glaubt, der Doktor zu sein, und den aufblitzenden Momenten der Verwirrung, wenn seine konstruierte Identität ins Wanken gerät. Die Chemie zwischen Tennant und Morrissey ist exzellent. Anstatt in Konkurrenz zueinander zu treten, ergänzen sich die beiden Darsteller perfekt. Tennant schlüpft ungewohnt in die Rolle des Begleiters und genießt sichtlich die Möglichkeit, seinem "Doktor" bei dessen Abenteuern zuzuschauen, während er gleichzeitig sanft dessen Selbstbild in Frage stellt.
Die Episode funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Oberflächlich ist sie ein klassisches Doctor Who-Abenteuer mit Cybermen als Bedrohung, viktorianischer Atmosphäre und einem spektakulären Action-Finale. Dervla Kirwan brilliert als Miss Hartigan, eine der interessantesten Antagonistinnen der Serie. Ihre Darstellung einer Frau, die von der Gesellschaft marginalisiert wurde und nun mit den Cybermen paktiert, um Rache zu nehmen, verleiht der Geschichte eine sozialkritische Dimension. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der sie in einem leuchtend roten Kleid an einer Beerdigung teilnimmt, eine der visuell beeindruckendsten Momente der gesamten Tennant-Ära.
Doch unter der Action-Oberfläche ist "Der andere Doktor" eine zutiefst melancholische Meditation über Verlust, Identität und die Frage, was es bedeutet, der Doktor zu sein. Die Auflösung von Jackson Lakes Identität ist herzzerreißend. Er ist ein Mann, der durch ein traumatisches Erlebnis seine Familie verlor und sich mithilfe einer Cyberman-Infostamp-Technologie eine neue Identität als "der Doktor" konstruierte, um mit dem Schmerz fertig zu werden. Diese Erkenntnis verwandelt die gesamte Episode rückwirkend in eine Geschichte über Trauerbewältigung und die heilende Kraft von Heldentum, selbst wenn dieses auf einer Illusion basiert.
Die emotionale Tiefe zeigt sich besonders in den ruhigeren Momenten zwischen Tennant und Morrissey. Wenn Jackson den Doktor fragt, warum er keine Begleiter mehr hat, und Tennant antwortet, dass sie alle letztendlich gehen und ihm das Herz brechen, wird deutlich, dass diese Episode bewusst als Beginn von Tennants Abschied konzipiert wurde. Der Zehnte Doktor ist hier allein unterwegs, zwischen dem Verlust seiner Begleiterin Donna Noble und seiner bevorstehenden Regeneration, und diese Einsamkeit durchzieht die gesamte Episode wie ein roter Faden.
Russell T Davies' Drehbuch ist gespickt mit cleveren Insider-Witzen für langjährige Fans. Die Erklärung von Jacksons TARDIS-Akronym ("Tethered Aerial Release Developed in Style") für seinen Heißluftballon ist ebenso charmant wie seine Verwendung einer Dampfmaschine als "sonischen Schraubenzieher". Diese Momente hätten leicht ins Alberne kippen können, doch Davies und Regisseur Andy Goddard halten die Balance zwischen Humor und Ernst.
Allerdings ist die Episode nicht ohne Schwächen. Das Finale mit dem gigantischen Cyber-King, einem riesigen dampfbetriebenen Roboter, der durch London stapft, ist visuell beeindruckend, wirkt aber konzeptuell etwas over-the-top, selbst für Doctor Who-Verhältnisse. Die CGI-Effekte, die von The Mill produziert wurden, sind für 2008 beachtlich, doch die schiere Absurdität eines Transformers-artigen Cyberman-Kolosses über dem viktorianischen London bricht mit dem ansonsten eher geerdeteren Ton der Episode. Auch die Tatsache, dass ein derart massives Ereignis keine historischen Konsequenzen zu haben scheint, wird nur mit einem Schulterzucken abgetan, was selbst für Doctor Who-Standards etwas nachlässig wirkt.
Die Nebencharaktere bleiben leider unterentwickelt. Rosita, gespielt von Velile Tshabalala als Jacksons Begleiterin, bekommt kaum eigene Szenen und bleibt eine eher blasse Figur, die hauptsächlich existiert, um die Doktor-Begleiter-Dynamik zu spiegeln. Dies ist bedauerlich, da mehr Tiefe hier der Episode zusätzliche emotionale Resonanz hätte geben können.
Technisch markiert diese Episode einen Wendepunkt. Sie wurde noch in Standardauflösung gedreht und für diese Blu-ray-Veröffentlichung hochskaliert, während alle folgenden Specials bereits in HD produziert wurden. Die Bildqualität ist dennoch eine deutliche Verbesserung gegenüber den DVD-Versionen, auch wenn scharfe Augen den Unterschied zu den nativen HD-Episoden bemerken werden. Der DTS-HD 2.0 Sound sowohl in deutscher als auch englischer Sprache ist klar und dynamisch, wobei Murray Golds weihnachtliche Orchestermusik besonders profitiert.
Was "Doctor Who: Der andere Doktor" letztendlich zu einem wichtigen Teil von Tennants Vermächtnis macht, ist seine thematische Funktion innerhalb der Specials-Reihe, die zu seiner Regeneration führt. Die Episode erinnert uns daran, dass David Tennants Zeit begrenzt ist, und beginnt den langen, schmerzhaften Abschied, der sich über die folgenden Specials ziehen wird. Sie zeigt auch, dass das Erbe des Doktors größer ist als die Person selbst. Jackson Lake mag nicht wirklich der Doktor gewesen sein, doch er verkörperte dessen Ideale von Mut, Mitgefühl und dem Kampf für Gerechtigkeit. Tennants letzte Zeile zu ihm, "Jackson, wenn irgendjemand der Doktor sein musste, bin ich froh, dass du es warst", ist eine berührende Anerkennung dessen.
Als eigenständige Episode ist "Der andere Doktor" solides, wenn auch nicht außergewöhnliches Doctor Who. Die Prämisse ist clever, die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern exzellent, und die viktorianische Weihnachtsatmosphäre ist liebevoll inszeniert. Doch im Kontext von Tennants gesamter Ära und besonders seiner Abschiedsspecials erhält die Episode zusätzliches Gewicht. Sie ist der Beginn des Endes, die erste Andeutung, dass selbst der energiegeladene, scheinbar unverwundbare Zehnte Doktor sterblich ist. Für Fans, die diese emotionale Reise noch einmal nachvollziehen möchten, ist die Blu-ray-Veröffentlichung von Polyband eine willkommene Ergänzung, die diesem unterschätzten Special endlich die technische Würdigung gibt, die es verdient.