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Winter Games (C64) – Retro-Review: Als die Olympischen Spiele noch auf Diskette kamen
Entwickler: Action Graphics


Publisher: Epyx
Plattform: Commodore 64 (Original), später zahlreiche Portierungen
Release: 1985
Medium: 5,25"-Diskette (später auch Kassette)
Genre: Sportspiel, Multi-Event
Spieler: 1-8 (im Wechsel)


Calgary 1988 – Drei Jahre zu früh


Es ist 1985. Der Commodore 64 ist der unangefochtene König der Heimcomputer, die Winter-Olympiade in Calgary liegt noch drei Jahre in der Zukunft, und Epyx hat gerade bewiesen, dass man Sommersport in 64 Kilobyte Arbeitsspeicher packen kann. Die logische Konsequenz? Winter Games – die verschneite Antwort auf den Überraschungserfolg Summer Games.


Und während draußen vielleicht Regen fiel oder die Sonne schien, saßen wir im verdunkelten Kinderzimmer, die Hand am Competition Pro Joystick, und kämpften um virtuelle Goldmedaillen in Sportarten, die die meisten von uns noch nie im echten Leben gesehen hatten.

Willkommen in einer Zeit, als 64KB Speicher genug waren, um Wintersport-Magie zu erschaffen.


Die Zeremonie: Wenn Tauben aus Pixeln bestehen


Wer Winter Games zum ersten Mal startete, wurde mit einer Eröffnungszeremonie belohnt, die für damalige Verhältnisse spektakulär war. Ein Fackelträger erklimmt die Stufen, entzündet das olympische Feuer, und weiße Tauben werden über dem Stadion freigelassen – alles in liebevoll animierten Sprites auf dem C64-Bildschirm.


Dann folgte die Länderauswahl. 18 Nationen standen zur Verfügung – von den USA über die UdSSR bis zu exotischeren Optionen wie Mexiko oder Griechenland. Jedes Land hatte seine eigene Flagge und Nationalhymne (na ja, zumindest eine SID-Chip-Interpretation davon). Die Atmosphäre stimmte, bevor auch nur ein einziger Athlet seine Skier angeschnallt hatte.


Und dann ging es los. Sieben Disziplinen warteten darauf, gemeistert zu werden.


Die Disziplinen: Von Genial bis... Eiskunstlauf


1. Hot Dog Aerials (Freestyle-Ski)
Der perfekte Einstieg. Du rast eine verschneite Rampe hinunter und musst in der Luft akrobatische Figuren vollführen – Flips, Twists, Spreads. Die Steuerung war simpel: Joystick in verschiedene Richtungen, Timing war alles. Und wenn du es schafftest, einen Triple Back Flip mit perfekter Landung hinzulegen? Pure Glückseligkeit.
Damals: Revolutionär. Die Animationen waren flüssig, die Physik fühlte sich richtig an.
Heute: Immer noch ein Spaß. Kurze Sessions, schnelle Erfolgserlebnisse.


2. Biathlon (Langlauf + Schießen)
Die heimliche Perle von Winter Games. Du jagst deine Figur durch wunderschön gezeichnete Winterlandschaften (ja, ich meine tatsächlich "wunderschön" für C64-Standards – schau dir die Bäume und Flüsse an!), und zwischendurch musst du an der Schießstand anhalten und fünf Ziele treffen.
Das Geniale? Dein Herzschlag. Je mehr du gerannt bist, desto stärker schlägt dein Herz – sichtbar als pulsierender Balken am Bildschirmrand. Und mit jedem Herzschlag wackelt dein Fadenkreuz. Du musstest also abwägen: Schnell laufen und dann zittern wie Espenlaub? Oder langsam angehen und Zeit verlieren?
Damals: Absolutes Highlight. Die Landschaften, der Sound des Flusses, die Spannung beim Schießen.
Heute: Funktioniert immer noch perfekt. Biathlon ist der wahre Star dieses Spiels.


3. Skispringen
Timing, Timing, Timing. Du musst im richtigen Moment abspringen, den Joystick im perfekten Rhythmus kreisen lassen (ja, kreisen!), und bei der Landung den richtigen Winkel erwischen. Klingt einfach? War es nicht.
Die Jury bewertet dich nach Weite und Stil – und wenn du Glück hattest, standest du mit 20,0 Punkten für die Haltung da wie ein Held. Wenn nicht, lag dein Athlet im Schnee und fragte sich, warum er nicht beim Eiskunstlauf geblieben ist.
Damals: Frustrierend und befriedigend zugleich. Jeder hatte seine eigene Technik.
Heute: Die Joystick-kreisen-Mechanik fühlt sich antiquiert an, aber der Thrill bleibt.


4. Speed Skating (Eisschnelllauf)
Zwei Läufer, zwei Bahnen, ein Ziel: 250 Meter so schnell wie möglich. Du musstest den Joystick rhythmisch hin- und herbewegen, um Geschwindigkeit aufzubauen – und dabei aufpassen, nicht zu überpacen, sonst war die Ausdauer dahin.
Damals: Simpel, aber effektiv. Perfekt für schnelle Matches gegen Freunde.
Heute: Funktioniert, aber gehört zu den schwächeren Disziplinen.


5. Figure Skating (Eiskunstlauf)
Und hier... hier verlor Winter Games viele seiner Fans.
Zwei Minuten lang musstest du eine frei wählbare Choreografie aus sieben verschiedenen Figuren zusammenbauen, jede Figur konnte dreimal ausgeführt werden. Klingt kreativ? War es auch. Aber die Steuerung? Ein Albtraum.
Die Jury gab Noten von 0,0 bis 6,0 – und es war fast unmöglich, hohe Wertungen zu bekommen, weil das Timing so brutal präzise sein musste. Und das Schlimmste? Es gab zwei Eiskunstlauf-Disziplinen (die zweite hieß "Free Skating" und war im Grunde dasselbe in grün).
Damals: Universell gehasst. Wenn man im Turniermodus spielte, übersprangen alle die Eiskunstlauf-Events.
Heute: Immer noch frustrierend. Einige Dinge altern nicht – sie bleiben einfach nervig.


6. Bobsled (Bobfahren)
Die schnellste Disziplin. Du rasen eine eisige Bahn hinunter, musst in Kurven lenken und dabei Geschwindigkeit halten. Zu viel lenken? Du verlierst Zeit. Zu wenig lenken? Du crasht in die Bande.
Damals: Spektakulär. Die Geschwindigkeit fühlte sich echt an.
Heute: Kurz, intensiv, macht immer noch Laune.


Multiplayer: Die wahre Stärke


Hier entfaltete Winter Games seine wahre Magie. Bis zu acht Spieler konnten gegeneinander antreten – und das war 1985 ein absolutes Verkaufsargument. Stell dir vor: Acht Freunde, ein C64, und alle warten darauf, dass der eine Typ endlich mit dem verdammten Eiskunstlauf fertig wird.


Die Punktevergabe war klar: Gold = 5 Punkte, Silber = 3, Bronze = 1. Am Ende gewann, wer die meisten Punkte hatte. Und wenn du einen Weltrekord knacktest? Dein Name wurde auf dem "World Records"-Bildschirm verewigt – zumindest bis die Diskette formatiert wurde oder dein kleiner Bruder das Spiel überschrieb.


Es war die ultimative Party-Game-Erfahrung der 80er.


Die Technik: Epyx zaubert mit 64KB


Lass uns ehrlich sein: Winter Games sah für 1985 verdammt gut aus.


Die Sprites waren groß, detailliert und flüssig animiert. Die Hintergründe – besonders beim Biathlon – waren kleine Kunstwerke. Die Farbpalette des C64 wurde optimal genutzt, und die Animationen (vom Skispringer in der Luft bis zum Bob in der Kurve) waren beeindruckend.


Und dann war da der Sound. Der SID-Chip des C64 wurde hier gefeiert. Jede Nation hatte ihre eigene Hymne, die Soundeffekte waren punktgenau (das Swoosh der Skier, das Crack der Gewehrschüsse, das Rauschen des Flusses beim Biathlon), und selbst die Jubelrufe der Zuschauer klangen gut.


Ein besonderes Lob verdient der Fastloader von Epyx. Die Games-Reihe lud unglaublich schnell – ein Detail, das jeder zu schätzen wusste, der sonst fünf Minuten auf andere C64-Spiele warten musste.


Die Kritik: Was fehlte


So sehr wir Winter Games liebten – es war nicht perfekt.


1. Eiskunstlauf ruiniert den Flow
Warum, Epyx, warum zwei Eiskunstlauf-Disziplinen? Eine alpine Ski-Abfahrt hätte das Spiel komplettiert. Stattdessen bekamen wir doppelten Frust.


2. Begrenzte Wiederspielbarkeit im Singleplayer
Sobald du alle Weltrekorde geknackt hattest, gab es wenig Anreiz, alleine weiterzuspielen. Das Spiel lebte vom Multiplayer.


3. Keine echte Lizenz
Die "Epyx Winter Games" hatten keine offizielle IOC-Lizenz. Macht es das schlechter? Nein. Aber es wäre cool gewesen, echte Olympia-Branding zu haben.


Heute spielen: Funktioniert es noch? Absolut. Wenn du einen C64-Emulator wie VICE nutzt (oder tatsächlich noch einen funktionierenden C64 hast – Respekt!), läuft Winter Games problemlos.


Die Steuerung fühlt sich nostalgisch an – vor allem mit einem echten Competition Pro Joystick. Die Grafik hat ihren Charme behalten, und der Sound? Der SID-Chip klingt immer noch fantastisch.


Ja, manche Mechaniken sind veraltet. Ja, Eiskunstlauf ist immer noch frustrierend. Aber als Zeitkapsel? Als Beweis dafür, dass Spielspaß nicht von Polygonzahlen abhängt? Winter Games liefert.


Die Konkurrenz: Was kam danach?


Winter Games war Teil der legendären "Games"-Serie von Epyx:

  • Summer Games (1984) – Der Vorgänger, der alles startete
  • Summer Games II (1985) – Mehr Events, ähnliche Qualität
  • World Games (1986) – Exotische Sportarten aus aller Welt
  • California Games (1987) – BMX, Skateboarding, Surfen – viele halten das für den besten Teil
  • The Games: Winter Edition (1988) – Der Versuch, Winter Games zu toppen (funktionierte nicht wirklich)

Von allen Teilen bleibt Winter Games das solideste Winter-Sportspiel der Ära – auch wenn California Games mehr Stil hatte.


Das Fazit


Winter Games war 1985 eine kleine Revolution. Es bewies, dass der C64 nicht nur Plattformer und Shooter konnte, sondern auch komplexe Sportsimulatoren mit Mehrspielerfokus.


Ja, es hatte Schwächen. Ja, Eiskunstlauf war eine Qual. Aber wenn man mit drei Freunden auf dem Wohnzimmerboden saß, um den Joystick würfelte und hoffte, beim Skispringen nicht zu versagen – dann war Winter Games perfekt.


Es war die Zeit vor Online-Multiplayer, vor DLCs, vor Patches. Du hattest eine Diskette, einen Joystick und bis zu sieben Freunde. Und das reichte.


Heute ist Winter Games ein faszinierendes Relikt. Es zeigt, wie viel Spielspaß in 170 Kilobyte passen kann (ja, das ganze Spiel war kleiner als ein durchschnittliches JPEG heute). Es ist ein Liebesbrief an eine Ära, in der Videospiele noch experimentell, ungeschliffen und voller Charme waren.


Würde ich es heute jemandem empfehlen, der noch nie einen C64 angefasst hat? Vielleicht nicht als erstes Retro-Spiel. Aber für alle, die wissen wollen, wie Multiplayer-Spaß vor Mario Kart funktionierte? Unbedingt.


Winter Games ist mehr als ein Spiel. Es ist ein Zeitzeuge. Und ein verdammt guter dazu.

Fun Facts


🎮 Der Fastloader-Mythos: Epyx' Laderoutinen waren legendär schnell. Manche Spieler dachten, ihre Diskette wäre kaputt, weil das Spiel so verdächtig schnell lud.
🇾🇺 Jugoslawien-Easter-Egg: Winter Games ist vermutlich das einzige Spiel, in dem Jugoslawien als Jury-Nation auftaucht – passend, da die echten Winterspiele 1984 in Sarajevo stattfanden.
📊 Verkaufserfolg: Winter Games verkaufte sich über 500.000 Mal auf dem C64 allein – ein Monster-Hit für die Ära.
🕹️ Joystick-Killer: Die "Joystick-kreisen"-Mechanik beim Skispringen zerstörte unzählige Competition-Pro-Joysticks. Veteranen-Spieler entwickelten Techniken mit Linealen oder Münzen, um den Stick zu schonen.