Die Wildgänse kommen – Super 8 Review (UFA, 4 x 110m + Trailer 30m)
Originaltitel: The Wild Geese
Regie: Andrew V. McLaglen
Jahr: 1978 (Kino) / ca. 1979-1980 (Super 8-Release)
Darsteller: Richard Burton, Roger Moore, Richard Harris, Hardy Krüger
Super 8-Vertrieb: UFA-Büscher-Film, Essen
Format: 4 Rollen à 110 Meter (Color/Ton) + Trailer 30m
Gesamtlaufzeit: Ca. 60 Minuten (von ursprünglich 134 Min.)
Damaliger Preis: Ca. 600 DM für den kompletten Vierteiler
Bildformat: Cinemascope-Format (teilweise mit "wanderndem Balken")
Als der Krieg ins Wohnzimmer kam
Es ist schwer zu beschreiben, was es bedeutete, 1980 diesen UFA-Vierteiler zum ersten Mal auf die heimische Leinwand zu projizieren. Da saßen wir – mein Vater am Eumig Mark S 810, ich daneben mit dem Programmheft in der Hand – und zum ersten Mal rauschten echte Fallschirmjäger durch unser Wohnzimmer.
Die Wildgänse kommen war nicht irgendein Film. Es war der Film, den man im Fotofachgeschäft im Schaufenster stehen sah und bei dem man sofort wusste: Das wird teuer. Vier Rollen à 110 Meter. Plus Trailer. Über 50 Minuten pure Action mit Burton, Moore und Harris. Und – das war das Besondere – eine Produktion, die UFA exklusiv in Eigenregie herausbrachte. Kein Ken-Films-Import aus Amerika, keine Piccolo-Konkurrenz. Nur UFA.
Die Frage war nie ob man sich diesen Film kaufte. Die Frage war nur wann.
Die Hüllen: Buchhüllen mit Krieg
Die Verpackung allein war schon ein Statement. Vier große Buchhüllen mit Filmplakaten in knalligen Farben – Richard Burton im Vordergrund, Explosionen im Hintergrund, Fallschirmspringer am Himmel. Auf jeder Hülle prangte die Rollennummer.
Und dann noch der Trailer – 30 Meter pure Werbung, die man sich natürlich vor dem eigentlichen Film zeigte, um die Stimmung zu heizen. "Sie fliegen wie die Vögel, sie kämpfen wie Schakale!" Herrlich übertrieben. Herrlich 70er.
Die Hüllen rochen nach frischem Kunststoff und Offsetdruck. Und wenn man sie ins Regal stellte, zwischen "Das Imperium schlägt zurück" und "Zombie", dann wusste jeder Besucher: Hier wohnt ein ernsthafter Super 8-Sammler.
Der Inhalt: Krieg, Verrat und Männerfreundschaft
Für diejenigen, die den Film nicht kennen (was 1980 kaum jemand war, denn der Film lief monatelang in den Kinos): Ein britischer Bankier heuert 50 Söldner an, um einen gestürzten afrikanischen Präsidenten aus Rebellenhand zu befreien. Die Mission? Himmelfahrtskommando. Die Bezahlung? Astronomisch. Die Moral? Fragwürdig.
Colonel Faulkner (Richard Burton in Bestform) führt das Kommando, unterstützt von Lieutenant Fynn (Roger Moore – ja, der damalige James Bond!) und Captain Janders (Richard Harris). Dazu gesellt sich Pieter Coetzee (Hardy Krüger), ein südafrikanischer Soldat, der die gesamte Produktion später bereuen sollte.
Was folgt, ist pure 70er-Action: Fallschirmabsprung, nächtlicher Überfall auf eine Kaserne, dramatische Befreiung – und dann der Verrat. Der Auftraggeber lässt die Truppe im Stich. Kein Flugzeug holt sie ab. Sie müssen sich zu Fuß durch feindliches Gebiet kämpfen. Und Menschen sterben. Viele Menschen.
Die Super 8-Fassung kondensiert 134 Minuten auf etwa 60 – und dabei passiert etwas Faszinierendes: Der Film wird härter. Kürzer. Schneller. Alle emotionalen Zwischentöne werden rausgeschnitten, übrig bleibt ein gnadenloser Actionfilm, der von einer Explosion zur nächsten hastet.
Ist das besser als das Original? Nein. Aber es ist anders. Und in gewisser Weise ehrlicher – denn genau so wurde dieser Film damals wahrgenommen: als Männer-Ballerei-Kino mit Starbesetzung.
Die technische Qualität: UFA auf dem Höhepunkt – und am Tiefpunkt
Hier wird es kompliziert. Denn Die Wildgänse kommen ist ein Paradebeispiel für die ganze Bandbreite dessen, was UFA konnte – und was sie nicht konnte.
Das Positive:
Die Bildqualität (wenn sie gut war) war spektakulär. Einige Szenen – besonders die Nachtaufnahmen beim Fallschirmabsprung – sind gestochen scharf, kontrastreich und nutzen die volle Farbpalette des Super 8-Materials aus. Die Explosionen leuchten orange, der afrikanische Himmel ist tiefblau, die Uniformen sind detailreich. Das sind Momente, in denen man sich denkt: So kann Super 8 also aussehen.
Der Ton ist überraschend gut. Die Magnettonspur trägt die Explosionen, Gewehrsalven und Joan Armatradings legendären Titelsong "Flight of the Wild Geese" mit beeindruckender Präsenz. Natürlich klingt es nicht wie Kino – aber für 1980er Heimkino-Verhältnisse ist es mehr als respektabel.
Das Negative (und das ist das Problem):
Der wandernde Balken. Oh Gott, der wandernde Balken. Weil der Film ursprünglich im Cinemascope-Format gedreht wurde, musste UFA das Bild für Super 8 beschneiden. Das Ergebnis? Schwarze Balken oben und unten – die sich bewegen. Nicht konstant, aber oft genug, dass es auffällt und nervt. Es sieht aus, als würde die Leinwand atmen. Manche Sammler nannten es liebevoll den "tanzenden Briefkastenschlitz".
Bildstand-Probleme. Je nachdem, welche Kopie man erwischte (und UFA hatte eine gewisse Varianz in der Kopierqualität), konnte das Bild seitlich wackeln. Nicht bei allen Rollen gleich stark, aber wenn es auftrat, war es irritierend.
Inkonsistente Schärfe. Rolle 1 und 2 waren oft brillant. Rolle 3 konnte schon etwas matschiger werden. Rolle 4? Glückssache. Manche Kopien waren perfekt, andere sahen aus, als hätte jemand beim Kopierwerk vergessen, den Projektor zu fokussieren.
UFA gab die Kopierung dieser Monumentalfilme (zu denen auch "55 Tage in Peking" und "El Cid" gehörten) in englische Hände – und das merkte man. Während UFA-Eigenproduktionen wie "Alpenglühn im Dirndlrock" oder "Zombie" technisch brillant waren, schwächelten die importierten Mastercopies.
Das Urteil der Community damals? "Kauft man wegen der Quantität, nicht wegen der Qualität." Für 600 Mark bekam man Laufzeit – aber nicht unbedingt Perfektion.
Der Schnitt: Wo ist der Rest?
Von 134 Minuten Laufzeit auf 60 zu kommen, bedeutet: Über die Hälfte des Films fehlt.
Was wurde geopfert? Alles, was keine Action war.
Was blieb? Action. Explosionen. Tote.
Der Schnitt ist professionell gemacht – es gibt keine groben Sprünge oder verwirrende Übergänge. Aber der Film verliert seinen Atem. Er wird zu einem Stakkato aus Gewehrfeuer und Nahkampf. Das ist nicht unbedingt schlecht – es ist nur anders. Ein Actionfilm im Turbomodus.
Interessanterweise funktioniert das bei einem Film wie diesem besser als bei anderen. Die Wildgänse kommen war nie ein subtiles Drama. Es war ein Söldnerfilm mit moralischem Anstrich. Die Super 8-Fassung reißt den Anstrich ab und zeigt den Film, wie ihn viele im Kino erlebt hatten: als spektakuläres, moralisch zweifelhaftes Männerabenteuer.
Der Trailer: 30 Meter pure Werbung
Ein besonderes Highlight war der zusätzlich erhältliche Trailer – 30 Meter Super 8-Werbung, die man sich vor dem Film (oder bei Filmabenden mit Freunden) zeigte.
Der Trailer war ein Meisterwerk der Übertreibung:
Der Trailer allein war schon ein Erlebnis. Und wenn man ihn heute wieder anschaut (was dank Digitalisierungen möglich ist), dann spürt man diese unglaubliche Energie der 70er-Jahre-Filmwerbung. Laut. Überwältigend. Ohne Ironie.
Manche Sammler kauften den Trailer separat, um ihn bei Heimkino-Abenden als "Vorprogramm" zu zeigen. Und ehrlich gesagt? Das machte Spaß. Der Trailer versprach Action – und der Film lieferte.
Die Kontroverse: Söldner, Südafrika und moralische Fragezeichen
Schon 1978 war Die Wildgänse kommen umstritten. Die Dreharbeiten fanden in Südafrika statt – mitten in der Apartheid-Ära. Das südafrikanische Regime unterstützte die Produktion, was zu heftiger Kritik führte.
Hardy Krüger distanzierte sich später vom Film, weil der ursprünglich geplante politische Subtext (Kritik am Kolonialismus, Auseinandersetzung mit Söldner-Moral) im Schneideraum einer reinen Actionorgie gewichen war.
Und dann war da noch die Darstellung des schwulen Sanitäters – eine Figur, die selbst nach 70er-Standards als peinliche Karikatur galt, auch wenn der Film ihr am Ende einen "heroischen Tod" gönnte.
Auf Super 8 wurden diese Kontroversen nicht thematisiert. Die UFA-Hüllen zeigten Burton mit Gewehr, Moore im Kampf, Explosionen. Fertig. Man kaufte sich Action, keine politische Diskussion.Heute wirkt das naiv. Damals war es Standard.
Heute: Sammlerwert und Nostalgie
Was ist Die Wildgänse kommen auf Super 8 heute wert?
Monetär: Je nach Zustand zwischen 80 und 150 Euro für den kompletten Vierteiler. Der Trailer separat: 15-25 Euro. Keine Mondpreise, aber auch kein Ramsch.
Nostalgisch: Unbezahlbar.
Dieser Film war für viele Super 8-Sammler der Film. Die erste große Anschaffung. Das erste Mal, dass man einen aktuellen Kinohit im eigenen Wohnzimmer sehen konnte. Und ja, die technischen Mängel nerven. Ja, der wandernde Balken ist ärgerlich. Aber wenn Joan Armatradings Stimme durch die Lautsprecher klingt und die Wildgänse über der afrikanischen Steppe abspringen – dann ist man wieder zwölf Jahre alt und sitzt mit dem Vater vor der Leinwand.
Fazit: Quantität statt Perfektion – aber mit Herz
Die Wildgänse kommen auf Super 8 ist kein perfektes Produkt. Es ist technisch inkonsistent, stark gekürzt und leidet unter Kopierproblemen, die UFA selbst zu verantworten hat.
Aber es ist auch ein Monument der Super 8-Ära. Ein Film, den jeder kannte. Ein Vierteiler, auf den man sparte. Ein Stück Heimkino-Geschichte, das zeigt, wie sehr sich die Menschen damals nach dem sehnten, was heute selbstverständlich ist: Filme zu Hause sehen, wann immer man will.
Die UFA lieferte nicht Perfektion – aber sie lieferte Laufzeit. Und für viele war das genug.
Heute ist dieser Vierteiler ein faszinierendes Relikt. Er zeigt, was Super 8 leisten konnte – und wo die Grenzen lagen. Er erzählt von einer Zeit, in der 600 Mark für einen Film normal waren. Und er beweist, dass Nostalgie nicht immer perfekt sein muss.
Manchmal reicht es, wenn der Projektor surrt, die Leinwand leuchtet und Roger Moore mit einem Gewehr durch die afrikanische Steppe rennt.
Kaufempfehlung heute
Kaufen, wenn du:
Überspringen, wenn du:
Fun Facts
🎬 Produzentenglück: Erwin C. Dietrich, der Co-Produzent, sicherte sich die Super 8-, Video- und TV-Rechte – und machte damit mehr Gewinn als mit der Kinovermarktung.
📽️ Schnellster Super 8-Release: Der Film lief noch im Kino, als UFA den Vierteiler bereits verkaufte. Das war damals spektakulär.
🇩🇪 Deutscher Titel: "Die Wildgänse kommen" stammt von Erwin C. Dietrich persönlich – im Original hieß der Film einfach "The Wild Geese".
🎖️ Mike Hoare: Der militärische Berater des Films war ein echter Söldner und die Vorlage für Richard Burtons Rolle.
💰 Preis-Wahnsinn: 600 DM für einen Film entsprachen damals etwa einem Monatsgehalt eines Auszubildenden.
Abschließende Gedanken
Die Wildgänse kommen auf Super 8 ist kein perfektes Produkt. Aber es ist ein authentisches. Es zeigt, wie Heimkino in den späten 70ern und frühen 80ern funktionierte: teuer, technisch herausfordernd, manchmal frustrierend – aber immer faszinierend.
Wenn du heute eine dieser vier Rollen in die Hand nimmst, die Spule auf den Projektor setzt und das vertraute Surren hörst – dann bist du nicht nur in einem Film. Du bist in einer Zeitmaschine.
Und manchmal, wenn der Balken gerade mal nicht wandert und Roger Moore über die Leinwand rennt, dann denkst du: Genau dafür haben wir damals 600 Mark bezahlt.
Und es hat sich gelohnt.