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Der Westen sind jetzt wir – Rezension


Jörg Lau: Der Westen sind jetzt wir. Droemer Verlag.


Es gibt Bücher, die zur richtigen Zeit kommen, und solche, die zur notwendigen Zeit kommen. Jörg Laus Der Westen sind jetzt wir gehört zur zweiten Kategorie. Der langjährige Außenpolitikredakteur der ZEIT legt mit diesem Sachbuch keine nüchterne Bestandsaufnahme vor, sondern einen engagierten, argumentationsstarken Appell: Deutschland muss aufwachen, erwachsen werden und endlich begreifen, dass geopolitische Bequemlichkeit keine Daueroption ist. Das klingt nach bekannter Sonntagsrede – doch Lau gelingt es, diesem Befund Fleisch und Substanz zu verleihen.


Die Diagnose: Jahrzehnte der selbstverschuldeten Unmündigkeit


Der Ausgangspunkt des Buches ist so prägnant wie ernüchternd formuliert: Jahrzehntelang ruhte die deutsche Außenpolitik auf einer stillschweigenden, nie ernsthaft hinterfragten Dreiteilung. Die USA garantierten die Sicherheit, China lieferte Exportmärkte und Wachstum, Russland versorgte Deutschland mit billiger Energie. Dieses Arrangement war bequem, ökonomisch rationalisierbar und politisch einfach zu verwalten – solange es funktionierte. Seit dem 24. Februar 2022 funktioniert es nicht mehr. Lau beschreibt, wie diese Gleichung nicht etwa durch unvorhergesehene Ereignisse zusammengebrochen ist, sondern durch Entwicklungen, die Experten seit Jahren warnend beschrieben hatten und die in Berlin dennoch konsequent ignoriert wurden. Das ist keine milde Kritik, die er hier übt. Es ist eine Abrechnung – und sie ist berechtigt.


Was Lau von vielen anderen Kommentatoren dieser Zeitenwende unterscheidet, ist sein Blick hinter die Kulissen. Als Journalist hat er Außenminister auf Reisen begleitet, Gipfeltreffen beobachtet, Verhandlungskorridore abgeschritten. Er beschreibt, wie außenpolitische Entscheidungen tatsächlich entstehen: nicht durch große Visionen, sondern durch Termindruck, institutionelle Trägheit, Koalitionsarithmetik und das menschliche Unvermögen, auf abstrakte Warnungen mit konkretem Handeln zu reagieren. Diese Einblicke sind das wertvollste Material des Buches. Sie machen aus einem politischen Essay ein lebendiges Dokument der Zeitgeschichte.


Der Westen als Projekt, nicht als Zustand


Der Titel des Buches ist Programm und Provokation zugleich. „Der Westen sind jetzt wir" – das klingt nach Anmaßung, ist aber als nüchterner Befund gemeint. Lau argumentiert, dass die USA unter dem Druck innenpolitischer Polarisierung, wachsender Isolationstendenzen und strategischer Umorientierung Richtung Indopazifik nicht mehr als selbstverständliche Schutzmacht des liberalen Westens betrachtet werden können. Europa – und Deutschland als seine größte Volkswirtschaft – steht damit vor einer Verantwortung, der es sich lange entzogen hat. Der Westen ist, so Lau, kein geografischer Begriff und kein historisches Erbe, das man passiv verwalten kann. Er ist ein politisches Projekt, das aktiv verteidigt und gestaltet werden muss.


Diese These entwickelt Lau mit beachtlicher Klarheit. Er scheut sich nicht, unbequeme Schlussfolgerungen zu ziehen: mehr Verteidigungsausgaben, eine kohärentere europäische Außenpolitik, eine ehrlichere Auseinandersetzung mit den eigenen Abhängigkeiten. Dabei bleibt er kein Hardliner. Diplomatische Kanäle, Gesprächsbereitschaft und die Unterscheidung zwischen Regimes und Völkern spielen in seiner Argumentation eine wichtige Rolle. Was er ablehnt, ist die deutsche Tradition des Appeasement durch Handel und die Illusion, Wandel ausschließlich durch Verflechtung herbeiführen zu können.


Stärken und kleine Schwächen


Laus größte Stärke ist seine Prosa. Er schreibt klar, ohne zu vereinfachen, engagiert, ohne zu polemisieren. Die Kapitel, in denen er konkrete diplomatische Szenen schildert – ein Treffen am Rande eines G7-Gipfels, die Atmosphäre bei bilateralen Gesprächen, die Körpersprache von Staatsmännern unter Druck – lesen sich mit einer Lebendigkeit, die man von einem politischen Sachbuch nicht unbedingt erwartet. Lau ist eben kein Theoretiker, der aus der Distanz analysiert, sondern ein Beobachter, der dabei war.


Gelegentlich würde man sich etwas mehr strukturelle Tiefe wünschen. Die Kapitel zur künftigen Rolle Chinas und zu den Schwellenländern des Globalen Südens, die sich bisher nicht mit der westlichen Werteordnung identifizieren, bleiben etwas knapper, als das Thema verdient hätte. Auch die Frage, wie innenpolitischer Rückhalt für eine mutigere Außenpolitik organisiert werden kann – schließlich ist die Bevölkerung in Deutschland in diesen Fragen tief gespalten –, hätte mehr Raum verdient. Diese Leerstellen sind keine gravierenden Mängel, aber sie zeigen, dass das Buch eher Impuls als Kompendium sein will.


Ein überfälliges Buch zur richtigen Zeit


Der Westen sind jetzt wir ist kein Buch, das alle offenen Fragen beantwortet. Es ist ein Buch, das die richtigen Fragen mit der nötigen Dringlichkeit stellt. In einer Zeit, in der die deutsche Außenpolitik zwischen reflexartiger Zurückhaltung und überforderter Handlungspflicht schwankt, bietet Lau eine intellektuelle Orientierung, die sowohl historisch informiert als auch gegenwartsnah ist. Er erinnert daran, dass Außenpolitik keine Expertendisziplin ist, die man dem Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt überlassen kann, sondern eine demokratische Aufgabe, die öffentlicher Debatte bedarf.


Wer verstehen will, wie Deutschland in die geopolitische Sackgasse der letzten Jahrzehnte geraten ist und welche Weichen jetzt gestellt werden müssen, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Droemer hat mit diesem Titel einen der wichtigsten politischen Sachbuchtexte der jüngsten Zeit verlegt – klar in der Sprache, mutig im Urteil und notwendig in seiner Gänze.