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Bevor man das Buch überhaupt aufschlägt, lohnt ein Blick auf die Autorin. Helen McCarthy forscht und schreibt seit 1981 über japanische Popkultur – zu einer Zeit, als das Interesse daran im Westen noch belächelt wurde. Sie gründete das Magazin Anime UK, schrieb über ein Dutzend Bücher zu Anime und Manga, gewann 2010 den renommierten Harvey Award für ihr Werk über Osamu Tezuka und erhielt einen Japan Foundation Award für ihre Verdienste um die Vermittlung japanischer Kultur im Vereinigten Königreich. Mit anderen Worten: Wenn jemand einen „definitiven Guide" zum Manga schreiben kann, dann sie.


Und genau diesen Anspruch löst das Buch ein.


Was das Buch bietet


McCarthy spannt einen beeindruckend weiten Bogen: von den tuschegeschwärzten Bildrollen des mittelalterlichen Japans über den satirischen Kibyōshi des 18. Jahrhunderts bis hin zum milliardenschweren globalen Phänomen des 21. Jahrhunderts. Das Buch ist thematisch organisiert – kein trockenes Geschichtsbuch, das Jahr für Jahr abarbeitet, sondern ein lebendiger Rundgang durch Epochen, Genres und kulturelle Kontexte.


Besonders stark ist McCarthy dort, wo sie Manga nicht isoliert betrachtet, sondern in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen verankert. Zensur im Nachkriegsjapan, die Entwicklung von Genderrollen, die Entstehung von Fan-Kulturen und Doujinshi-Märkten, die Wechselwirkungen mit Film, Fernsehen, Mode und Musik – all das bekommt seinen Platz. Das ist keine oberflächliche Bilderbuchgeschichte, sondern ein ernsthafter Versuch, Manga als Kulturgut mit all seinen Widersprüchen und Ecken zu begreifen.


Die Porträts


Eines der Highlights sind die über 70 Künstlerporträts, die das Buch durchziehen. Große Namen wie Osamu Tezuka, Hayao Miyazaki und Akira Toriyama werden ebenso behandelt wie weniger bekannte Schöpferinnen und Schöpfer, die abseits des Mainstreams bedeutende Arbeit geleistet haben. Das ist keine reine Huldigung der Klassiker, sondern eine echte Erweiterung des Blickwinkels – und genau das macht ein Sachbuch dieser Art wertvoll.


McCarthy schreibt über Tezuka und seine Zeitgenossen mit einer Intimität, die nur aus jahrzehntelanger Beschäftigung entstehen kann. Gleichzeitig verliert sie nie die Leserin oder den Leser aus den Augen, die vielleicht gerade ihren ersten Manga in der Hand halten.


Bildsprache & Aufmachung


Prestel hat das Buch mit der ihm typischen gestalterischen Sorgfalt produziert. Über 300 Abbildungen begleiten den Text – Manga-Seiten, historische Drucke, Vintage-Cover und Fan-Ephemera –, ohne dass das Buch jemals zum reinen Bildband verflacht. Die Abbildungen kommentieren den Text, sie illustrieren nicht nur. Wer das Buch in die Hand nimmt, hält ein Objekt, das man gerne im Regal stehen hat.


Das Großformat erlaubt es außerdem, die abgedruckten Manga-Seiten tatsächlich zu lesen und zu erleben – kein kleines Detail bei einem Medium, dessen Zeichensprache und Seitenkomposition selbst Teil der Botschaft sind.


Für wen ist dieses Buch?


Das ist die entscheidende Frage – und die Antwort ist erfreulich breit. McCarthy schreibt zugänglich und mit echter Begeisterung, ohne dabei ins Populärwissenschaftliche abzugleiten. Wer noch nie einen Manga gelesen hat, bekommt einen fundierten, neugierig machenden Einstieg. Wer die Szene seit Jahren kennt, wird Zusammenhänge entdecken, die ihm neu sind, und Künstlerinnen und Künstler kennenlernen, an denen er bislang vorbeigegangen ist.


Ein kleiner Vorbehalt: Wer eine vollständige Enzyklopädie erwartet – jeden relevanten Titel, jedes Genre lückenlos abgedeckt –, wird feststellen, dass bestimmte Bereiche nur gestreift werden. Manche Nischgenres und speziellere Subkulturen des Manga kommen zu kurz oder fehlen ganz. Das ist jedoch weniger ein Versagen als eine bewusste Entscheidung: Ein Buch, das wirklich alles abdeckt, wäre kein Guide mehr, sondern ein Nachschlagewerk.


Fazit


Manga! – Der definitive Guide ist ein außergewöhnlich gelungenes Sachbuch, das Tiefe und Zugänglichkeit selten gut miteinander verbindet. Helen McCarthy schreibt mit der Autorität einer Pionierin und der Leidenschaft einer echten Liebhaberin des Mediums. Der Prestel-Verlag hat ihr Werk in eine angemessen schöne Form gegossen.


Für alle, die verstehen wollen, warum Manga zu einer der einflussreichsten Erzählformen unserer Zeit geworden ist – und was hinter dem globalen Hype steckt –, ist dieses Buch schlicht die beste Anlaufstelle auf dem deutschen Buchmarkt.