Spider-Man 4 – Drei Geschichten, drei Stimmungen, ein Heft
Panini Comics setzt seine aktuelle Spider-Man-Reihe mit Heft 4 fort und liefert dabei etwas, das im modernen Superheldenheft leider seltener geworden ist: echte Abwechslung. Statt einer einzigen fortlaufenden Geschichte präsentiert dieses 64-seitige Heft gleich drei in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und genau darin liegt sowohl der Reiz als auch die kleine Schwäche dieser Ausgabe.
Das Heft basiert auf dem amerikanischen Giant-Size Amazing Spider-Man aus dem Jahr 2025 und versammelt Talente, die für sich genommen bereits Aufmerksamkeit verdienen. Der wohl prominenteste Name im Autorenteam ist Kevin Smith, besser bekannt als Regisseur und Drehbuchautor von Kultfilmen wie Clerks und Dogma sowie als "Silent Bob" aus seinem eigenen Filmuniversum. Smiths Ausflug in die Comicwelt ist nicht neu – er hat bereits in der Vergangenheit mit Daredevil und Green Arrow für Aufsehen gesorgt – und auch hier bringt er seinen charakteristischen Stil mit: Dialoge mit Biss, popkulturelle Referenzen und eine spürbare Zuneigung zum Charakter. Sein Spider-Man redet viel, denkt laut und ist dabei so menschlich und fehlbar wie eh und je. Wer Smith mag, wird seine Geschichte mit einem Lächeln lesen.
Chip Zdarsky, der zweite Autor im Bunde, ist in der Comicwelt längst keine Überraschung mehr. Zdarsky, der durch seine eigene Spider-Man-Laufbahn sowie seine herausragende Daredevil-Serie bekannt ist, beweist auch hier sein Gespür für den Charakter. Seine Geschichte rund um die Realität von Erde-616 bedient klassische Marvel-Konzepte des Multiversums, ohne dabei zu überladen wirken zu wollen. Es ist kurzweilige, solide Marvel-Unterhaltung, die Leser mit etwas Hintergrundwissen besonders ansprechen dürfte.
Al Ewing komplettiert das Autorentrio und bringt als dritter im Bunde jene konzeptionelle Stärke mit, für die er bekannt ist. Ewing denkt Marvel-Mythen gerne von ungewöhnlichen Winkeln aus und auch hier ist sein Beitrag der intellektuell ambitionierteste der drei Geschichten.
Auf der Zeichnerseite überzeugt vor allem Giuseppe Camuncoli, dessen dynamische Linienführung und ausdrucksstarke Panels dem Heft optische Energie verleihen. Camuncoli ist ein erfahrener Spider-Man-Zeichner und man merkt, dass er mit der Figur und ihren Bewegungsabläufen bestens vertraut ist. Mark Buckingham liefert in seiner Geschichte einen stilistisch anderen, etwas weicheren Look, der angenehm von den anderen Teilen des Heftes abweicht. CAFU rundet das Zeichnerteam solide ab.
Inhaltlich bietet das Heft eine angenehme Mischung aus Fan-Service und frischen Ideen. Das Aufeinandertreffen von Spider-Man und den Fantastic Four gehört zu den klassischen Marvel-Begegnungen und funktioniert hier wie erwartet gut – die Dynamik zwischen Peter Parker und den Richards-Geschwistern ist immer dann am besten, wenn sie sowohl die Unterschiede als auch die gegenseitige Zuneigung der Charaktere betont. Der Kampf gegen Electro wiederum zeigt Spider-Man in seinem Element: unter Druck, mit schlechten Karten, aber mit Witz bewaffnet. Die Einführung eines neuen Helden in einer der Geschichten ist ein netter Hinweis darauf, dass das Marvel-Universum weiterhin wächst, wenngleich der Neucharakter in diesem Heft naturgemäß noch wenig Raum bekommt, sich zu entfalten.
Was dieses Heft von einem gewöhnlichen Serienband unterscheidet, ist sein Charakter als Sonderausgabe. Der Giant-Size-Ursprung ist spürbar: Es handelt sich um Geschichten, die für sich stehen und keinen laufenden Leseeinstieg erfordern. Das macht Heft 4 auch für Gelegenheitsleser oder Neueinsteiger zugänglich, die Spider-Man kennen, aber nicht Monat für Monat mitverfolgen. 64 Seiten zum Preis eines regulären Heftes sind dabei ein fairer Deal.
Einzig der Umstand, dass drei Geschichten auf begrenztem Raum unterzubringen sind, führt dazu, dass keine von ihnen wirklich die Tiefe erreicht, die ein ganzes Heft allein ihr hätte geben können. Wer epische Handlungsbögen erwartet, wird hier nicht fündig. Wer aber kurzweilige, handwerklich starke und abwechslungsreiche Spider-Man-Unterhaltung sucht, ist bestens bedient.
Fazit:
Spider-Man 4 von Panini ist ein gelungenes Sonderheft, das mit einem bemerkenswerten Autorenaufgebot und soliden Zeichnungen punktet. Kevin Smith, Chip Zdarsky und Al Ewing bringen je ihren eigenen Tonfall mit, was dem Heft eine lebendige Vielseitigkeit verleiht. Für Spider-Man-Fans und Marvel-Leser, die gerne auch abgeschlossene Einzelgeschichten lesen, ist diese Ausgabe eine klare Empfehlung.