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Mit „Das gefrorene Licht“ legt die isländische Autorin Yrsa Sigurdardóttir den zweiten Fall um die ebenso eigensinnige wie sympathische Anwältin Dóra Gudmundsdóttir vor. Der Roman verbindet klassischen Kriminalstoff mit psychologischem Tiefgang und einem Hauch von isländischem Schauermärchen – Qualitäten, die in der ungekürzten Hörbuchfassung von Christiane Marx besonders wirkungsvoll zur Geltung kommen.


Die Handlung setzt im Sommer 2006 im Westen Islands ein, auf der kargen Halbinsel Snæfellsnes. Die Architektin eines im Bau befindlichen Wellness-Hotels wird tot am Strand aufgefunden – vergewaltigt und brutal erschlagen, mit Nadeln in den Fußsohlen. Schon dieses verstörende Detail macht deutlich, dass es sich hier nicht um einen routinemäßigen Kriminalfall handelt. Als Dóra Gudmundsdóttir in die Ermittlungen hineingezogen wird, stößt sie rasch auf Ungereimtheiten, die weit über das Offensichtliche hinausgehen. Die Ermordete hatte sich intensiv mit der Geschichte des abgelegenen Landstrichs beschäftigt, insbesondere mit zwei Höfen, die einst auf dem heutigen Hotelgelände standen. Was zunächst wie historisches Interesse wirkt, entpuppt sich nach und nach als Schlüssel zu einem lange verdrängten Familiengeheimnis.


Yrsa Sigurdardóttir versteht es meisterhaft, Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu verweben. Der Kriminalfall entfaltet sich langsam, fast bedächtig, gewinnt aber stetig an Intensität. Dabei setzt die Autorin weniger auf rasante Action als auf Atmosphäre, psychologische Spannung und das schleichende Grauen, das aus alten Schuldverstrickungen erwächst. Besonders gelungen ist die Einbettung isländischer Geschichte und Volksglaubens, die dem Roman eine eigenständige, beinahe unheimliche Note verleihen. Der angekündigte „Spuk“ ist dabei nie plump oder effekthascherisch, sondern bleibt subtil und doppeldeutig – stets offen für rationale wie für übernatürliche Deutungen.


Die Figur der Dóra Gudmundsdóttir überzeugt erneut durch ihre Bodenständigkeit und Menschlichkeit. Sie ist keine klassische Ermittlerin, sondern eine pragmatische Anwältin, die mit gesundem Menschenverstand, Hartnäckigkeit und Empathie vorgeht. Gerade diese Unaufgeregtheit bildet einen reizvollen Kontrast zu den düsteren Ereignissen und macht Dóra zu einer glaubwürdigen Identifikationsfigur.


Ein entscheidender Gewinn dieser Hörbuchausgabe ist die Lesung von Christiane Marx. Mit ruhiger, klarer Stimme und feinem Gespür für Tonfall und Tempo trägt sie die Geschichte über die gesamte Laufzeit von 12 Stunden und 9 Minuten hinweg souverän. Sie differenziert die Figuren dezent, ohne zu überzeichnen, und fängt sowohl die nüchterne Sachlichkeit der Ermittlungen als auch die unterschwellige Bedrohung der Atmosphäre überzeugend ein. Besonders in den ruhigeren, psychologisch dichten Passagen entfaltet ihre Lesung eine eindringliche Wirkung, die den Hörer tief in die kühle, abgelegene Welt Islands hineinzieht.


„Das gefrorene Licht“ ist damit ein Kriminalhörbuch, das weniger durch spektakuläre Wendungen als durch nachhaltige Spannung, dichte Stimmung und ein sorgfältig konstruiertes Geheimnis besticht. Fans skandinavischer Krimis, die Wert auf Atmosphäre, komplexe Figuren und eine intelligente Handlung legen, kommen hier voll auf ihre Kosten. In der Hörbuchfassung des Hörverlags wird Yrsa Sigurdardóttirs Roman zu einem intensiven Hörerlebnis, das lange nachhallt – wie das kalte Licht über einer scheinbar stillen Landschaft, in der die Vergangenheit nie ganz begraben ist.