Nevendaar ist zurück – und es sieht nach wie vor düster aus. Mit Disciples: Domination erscheint der fünfte Hauptteil der langlebigen Disciples-Reihe, einer Dark-Fantasy-Strategieserie, die seit jeher für ihre beklemmende Welt und ihr taktisches Rundenkampfsystem bekannt ist. Das Ergebnis ist ein Spiel, das seine Stärken kennt, seine Schwächen aber nicht immer kaschieren kann – und das in einem Markt, der durch Baldur's Gate 3 die Messlatte für das Genre dauerhaft angehoben hat.
Setting & Geschichte
Disciples: Domination ist eine direkte Fortsetzung von Disciples: Liberation aus dem Jahr 2021 und setzt die Geschichte von Königin Avyanna fort, fünfzehn Jahre nach ihrer Herrschaft. Fans des Franchise werden die Welt, den Ton und das emotionale Gewicht sofort wiedererkennen. Wer ohne Vorkenntnisse einsteigt, findet dank gelungener Cutscenes und eingestreuter Hintergrundinformationen aber einen soliden Einstieg.
Fünfzehn Jahre nach der Befreiung Nevendaars hängt das Reich erneut in der Waage. Avyanna zweifelt: Das Gewicht des Throns von Yllian lastet auf ihr, dunkle Träume zeigen ihr, wie sie selbst zu einem der Monster wird, die sie einst bekämpfte. Das ist eine vielversprechende Ausgangslage – leider gelingt es dem Spiel nicht immer, sie konsequent einzulösen. Der Ton wechselt zu häufig zwischen ernstem Drama und überzogener Fantasy-Schwülstigkeit, sodass beide Seiten sich gegenseitig stören. Avyanna selbst bleibt als Protagonistin seltsam konturlos: weder überzeugend als abwesende Herrscherin, die zurückfindet, noch als Anführerin mit echter Autorität. Einige Begleitfiguren stehen ihr dabei deutlich nach – ein loyaler Zwerg, der das Schicksal seines Volkes betrauert, gehört zu den stimmigsten Charakteren des gesamten Spiels.
Gameplay: Drei Säulen, ein gemischtes Bild
Disciples: Domination verbindet isometrische Erkundung in Echtzeit, einheitenbasierte Rundenkämpfe und einen Stadt- und Gesellschaftsaufbau-Meta zu einem rund vierzig Stunden langen Abenteuer. Alle drei Bereiche funktionieren für sich – die Frage ist, wie überzeugend sie zusammenwachsen.
Die Erkundung der Oberwelt läuft flüssig ab, Schnellreisepunkte nehmen der Karte die Monotonie. Allerdings enttäuscht die Beute: Die meisten Fundstücke bieten nur kleine Statusverbesserungen bei ähnlichem Aussehen und ähnlichen Bezeichnungen. Echte Entdeckungsfreude kommt selten auf.
Das Herzstück ist der Kampf. Vor jedem Gefecht gibt es eine Aufstellungsphase: Wer steht vorn, wer bleibt hinten, wer heilt, wer greift an. Das hexagonale Raster macht Positionierung zur echten Überlegung – es reicht nicht, die stärksten Einheiten zu stapeln und zu hoffen. Ein System aus Aktionspunkten strukturiert jeden Zug wie ein kleines taktisches Puzzle. Eine Frontlinie und eine Rücklinie trennen die Formationen: Fronteinheiten sind direkt steuerbar, aber angreifbar; Rückeinheiten agieren automatisch und können erst angegriffen werden, wenn die Front zusammenbricht. Alle Fronteinheiten zu verlieren bedeutet sofortige Niederlage – sorgfältige Planung ist also keine Option, sondern Pflicht.
Allerdings können aufgeblähte Trefferpunkte bei Bossgegnern taktisch eigentlich interessante Begegnungen in zähe Abnutzungsschlachten verwandeln. Wer viele Stunden am Stück spielt, wird die Repetition deutlich spüren.
Fraktionen & Einheiten
Die Rückkehr der Zwerge als vollwertige rekrutierbare Fraktion ist eine der schönsten Neuerungen. Die vertrauten fünf Fraktionen – Zwerge, Elfen, Untote, Dämonen und das Imperium – bleiben in ihren Grundzügen unverändert, und ihre taktischen Eigenheiten entfalten sich wie von alten Hasen erwartet. Einheiten aus allen fünf Lagern können kombiniert werden, um Trupps mit einzigartigen Fähigkeitssynergien zusammenzustellen.
Das Fraktions-Reputationssystem, bei dem Entscheidungen beeinflussen, wie verschiedene Gruppen auf Avyanna reagieren, verleiht der Welt eine willkommene politische Tiefe – auch wenn diese nicht so weit reicht, wie man sich wünschen würde.
Grafik & Atmosphäre
Die Umgebungen reichen von zerstörten mittelalterlichen Farmlandschaften bis zu zerklüfteten Bergöden. Feine Details wie verwitterte Bauwerke und magische Effekte helfen beim Eintauchen, auch wenn die Artdirektion insgesamt vertraut wirkt und kaum mit Überraschungen aufwartet.
Die atmosphärische Kernstärke der Reihe ist dabei ungebrochen. Nevendaar fühlt sich konsequent bedrohlich an, und der Soundtrack trägt zur Grundstimmung des düsteren Fantasy-Universums stimmig bei. Wer die Serie seit Sacred Lands kennt, wird sich sofort zuhause fühlen – für gut oder schlecht.
Stärken & Schwächen
Was Disciples: Domination gut macht, macht es wirklich gut: Kampf, RPG-Elemente und Diplomatie greifen ineinander und ergeben zusammen ein reichhaltiges, kurzweiliges Erlebnis. Der Wiederspielwert wird durch einen New-Game-Plus-Modus und vier spielbare Klassen für Avyanna – Kriegsmeisterin, Primordialhexe, Heilige Regentin oder Hexenkönigin – solide gestützt.
Die Schwächen sind aber nicht zu übersehen. Das Spiel kann sich langsam, mühsam und grindig anfühlen, und es verändert sich zu wenig gegenüber seinem Vorgänger, um seine Existenz als vollwertiger Nachfolger in jeder Hinsicht zu rechtfertigen. Einige Stimmen in der Community bemängeln, dass Umfang und Ambition eher an ein großes Add-on als an einen eigenständigen fünften Teil erinnern. Technisch ist das Spiel nach mehreren Launch-Patches in ordentlichem Zustand – die gröbsten Stabilitätsprobleme liegen hinter uns.
Fazit
Disciples: Domination ist kein schlechtes Spiel – es ist ein solides, atmosphärisches Dark-Fantasy-Strategie-RPG mit befriedigenden Kämpfen, interessanter Fraktionsdynamik und genug Tiefe, um Fans des Genres für vierzig Stunden zu beschäftigen. Die politischen Entscheidungen fühlen sich bedeutsam an, der schrittweise Aufbau einer beeindruckenden Armee entfaltet seinen eigenen Sog, und Nevendaar bleibt eine packende Welt.
Wer Disciples: Liberation geliebt hat, findet hier eine würdige, wenn auch nicht immer mutige Fortsetzung. Wer das Spiel in Etappen und zwischen anderen Titeln genießt statt es durchzurauschen, bekommt das klar bessere Erlebnis – die Repetition fällt dann weit weniger ins Gewicht.
Wer hingegen auf eine echte Neuerfindung der Reihe hoffte oder zuletzt von Baldur's Gate 3 verwöhnt wurde, wird Domination als das einordnen müssen, was es letztlich ist: ein zuverlässiges, gut gepflegtes Genre-Spiel ohne den einen großen Mut, der es wirklich unvergesslich gemacht hätte.