Tales of Berseria entführt uns in das Heilige Midgand-Imperium, ein mächtiges religiöses Königreich, das einen riesigen Inselkontinent beherrscht. Menschen und übernatürliche Geistwesen – die sogenannten Malakhim – leben hier Seite an Seite, doch eine mysteriöse Seuche namens Daemonblight bedroht die fragile Ordnung, indem sie Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt und in Monster verwandelt.
Im Zentrum dieser düsteren Welt steht Velvet Crowe, ein junges Mädchen aus einem kleinen Dorf. Ihr Leben verläuft ruhig, bis die Scharlachrote Nacht alles zerstört: Ihr Bruder wird von ihrem eigenen Schwager Artorius geopfert, und Velvet selbst wird in einen Daemon verwandelt und für drei lange Jahre in einem Turm gefangen gehalten. Was folgt, ist eine Geschichte der Rache – aber auch eine der Zerrissenheit, des Zweifels und der menschlichen Abgründe.
Narrativ bewegt sich Tales of Berseria auf einem Niveau, das man in JRPGs selten antrifft. Das Spiel scheut sich nicht, echte Dunkelheit zu zeigen, religiöse Dogmen zu hinterfragen und seine Figuren mit echter moralischer Komplexität auszustatten. Man jubelt, man weint – und man denkt noch lange nach dem Abspann darüber nach, wer hier eigentlich Held und wer Schurke ist.
Charaktere – Eine unvergessliche Crew
Was Tales of Berseria von anderen Teilen der Serie – und von JRPGs im Allgemeinen – abhebt, ist seine Besetzung. Die Gefährten, die sich Velvet auf ihrer Reise anschließen, folgen ihr nicht aus Idealismus oder blindem Heldenmut, sondern aus handfestem Eigeninteresse. Jeder hat seine eigene Agenda, seine eigenen Wunden und seine eigenen Grenzen – das sorgt für Reibung, Tiefe und eine Gruppendynamik, die wirklich glaubwürdig wirkt.
Die exzentrische Magierin Magilou stiehlt mit ihrem schrägen Humor regelmäßig die Show, doch es ist Velvet selbst, die das Spiel trägt. Gebrochen, wütend und dennoch von einer stillen Zärtlichkeit durchzogen, ist sie eine der eindrucksvollsten JRPG-Protagonistinnen seit Jahren. Das exzellente Synchronsprechen verleiht ihr und dem gesamten Cast noch einmal zusätzliches Gewicht.
Kampfsystem – Tief, aber auch überwältigend
Das Linear Motion Battle System kehrt mit einigen Anpassungen zurück: Kämpfe laufen in Echtzeit ab, man bewegt sich frei auf dem Schlachtfeld und versucht, Gegner durch gezielte Schlagkombinationen zu betäuben. Jeder Charakter verfügt über einen Soul Gauge, der beim Einsatz von Skills verbraucht wird – und der richtige Umgang damit ist entscheidend für den Kampferfolg.
Das System ist schnell, fühlt sich befriedigend an und bietet eine beeindruckende Vielfalt an Fähigkeiten und Kombinationsmöglichkeiten. Charaktere lassen sich sogar mitten im Kampf wechseln, was strategische Tiefe schafft. Allerdings besteht die Gefahr, sich im eigenen Regelwerk zu verlieren: Noch zur Spielmitte tauchen neue Tutorials auf, weil das System so viele Schichten besitzt. Nicht alle davon fühlen sich sinnvoll an – und gelegentlich wirkt das Ganze eher verwirrend als befreiend.
Erkundung & Dungeons – Gemischte Gefühle
Die Spielwelt selbst bietet optisch eine willkommene Vielfalt: riesige Tempel, schneebedeckte Landschaften, feurige Vulkangebiete und belebte Städte, die sich alle deutlich voneinander unterscheiden. Die Erkundung macht Freude – zumindest bis man die Dungeons betritt.
Denn die sind, um es offen zu sagen, eine der größten Schwächen des Spiels. Graue, monotone Korridore, simpelste Rätsel und eine Länge, die selten gerechtfertigt scheint. Dazu kommt häufiges Backtracking durch bereits bekannte Gebiete, das den Spielfluss spürbar bremst. Hier zeigt Tales of Berseria deutlich, dass es seinerzeit kein AAA-Budget hatte – und daran hat sich durch das Remaster nichts geändert.
Das Remaster – Mehr Lebensqualität als echter Grafiksprung
Wer auf einen dramatischen visuellen Sprung hofft, wird enttäuscht. Grafisch unterscheidet sich die Remastered-Version kaum vom Original von 2016. Dank des zeitlosen Kunststils sieht das Spiel zwar noch immer gut aus – aber ein echtes Makeover hat es nicht erhalten.
Was die neue Version hingegen wirklich besser macht, sind die technische Performance und die Quality-of-Life-Verbesserungen. Auf der PS5 läuft das Spiel in höherer Auflösung, absolut flüssig und mit deutlich schnelleren Ladezeiten – in einigen Fällen werden Ladebildschirme durch ein simples Ein- und Ausblenden ersetzt.
Praktische Neuerungen umfassen außerdem einen direkt verfügbaren Grade Shop mit Boni wie erhöhten Erfahrungspunkten, einen Wegpunkt-Marker auf der Karte, eine Retry-Option nach normalen Kämpfen, das Aufheben von Items ohne Spielpause sowie visuelle Icons, die neue Ausrüstung und Skills kenntlich machen. Das meiste davon lässt sich optional abschalten, wenn man das ursprüngliche Spielgefühl bevorzugt.
Der Elefant im Raum: Braucht es dieses Remaster?
Hier liegt das eigentliche Problem. Die PS4-Version von Tales of Berseria ist bereits auf modernen Konsolen spielbar und im Angebot für einen Bruchteil des Preises erhältlich. Wer das Original bereits kennt, wird nur wenig Neues vorfinden – die grafischen Verbesserungen sind kaum wahrnehmbar, und neuer Inhalt fehlt gänzlich.
Für 40 Euro wirkt das Paket dünn. Wer das Spiel jedoch noch nie gespielt hat, bekommt hier die beste und komfortabelste Version eines außergewöhnlichen JRPGs – inklusive aller DLCs und mit sinnvollen Komfort-Verbesserungen, die den Einstieg erleichtern.
Fazit
Tales of Berseria Remastered ist ein Remaster mit gespaltener Identität. Das Fundament – eine mutige, emotionale Geschichte, ein charismatischer Cast voller Antihelden, ein komplexes Kampfsystem und ein wunderschöner Kunststil – ist nach wie vor herausragend. Doch als Remaster bleibt die Neuauflage hinter ihrem Potenzial zurück.
Für Neulinge ist es ohne Frage die beste Art, dieses besondere Spiel zu erleben. Für alle anderen stellt sich schlicht die Frage, ob der erneute Kauf wirklich nötig ist.