Strange New Worlds liefert mit seiner vierten Staffel eine der ambitioniertesten und emotional reichhaltigsten Serien, die das Star-Trek-Franchise in den letzten zwei Jahrzehnten hervorgebracht hat. Konsequent in der Charakterentwicklung, mutig in der Erzählstruktur und technisch makellos umgesetzt, festigt diese Staffel den Ruf der Serie als Kronjuwel des modernen Trek.
1. Handlung & Narrativer Bogen
Die vierte Staffel knüpft unmittelbar an die traumatischen Ereignisse des Gorn-Konflikts aus Staffel 2 an und stellt damit einen bislang in der Serie so konsequent nicht gesehenen narrativen Kontinuitätsfaden her. Unter dem Kommando von Captain Christopher Pike – überzeugend und mit stiller Zerrissenheit verkörpert von Anson Mount – kämpft die Besatzung der U.S.S. Enterprise nicht nur mit äußeren Bedrohungen, sondern vor allem mit den inneren Wunden, die der Krieg hinterlassen hat.
Die Gorn bleiben dabei mehr als nur Antagonisten: Sie fungieren als Spiegel einer Galaxie, in der Frieden ein tägliches Ringen und keine selbstverständliche Konstante ist. Die Showrunner nutzen diese Prämisse klug, um philosophische Fragen über Verantwortung, Trauma und institutionelles Versagen innerhalb der Sternenflotte aufzuwerfen – Fragen, die im besten Geiste von Gene Roddenberrys ursprünglicher Vision formuliert sind, jedoch mit einer modernen erzählerischen Schärfe versehen wurden, die der Serie ihr ganz eigenes Profil verleiht.
Besonders hervorzuheben ist die episodische Vielfalt: Die Staffel bewegt sich fließend zwischen packenden Action-Sequenzen, leisen Kammerspiel-Momenten, einem fulminanten Musical-Einschlag in "Hochzeitsglocken-Blues" und klassischen Science-Fiction-Gedankenexperimenten. Diese Bandbreite, die an die besten Zeiten von The Next Generation und Deep Space Nine erinnert, gelingt ohne den Eindruck von Inkohärenz zu erwecken – ein Kunststück, das ausgezeichnetes Drehbuch-Handwerk voraussetzt.
2. Captain Pike und die Rückkehr von James T. Kirk
Das Herzstück der Staffel ist ohne Zweifel die Rückkehr von Captain James T. Kirk, dessen Präsenz die Dynamik der Crew in einer Weise verändert, die sowohl innerhalb der Diegese als auch für den Zuschauer spürbar ist. Die Staffel nutzt diese Konstellation mit großer Intelligenz: Kirk ist kein Konkurrent zu Pike, sondern ein Spiegel – ein jüngerer, impulsiverer Anführer, dessen Führungsstil die kontemplativen Qualitäten Pikes in ein kontrastierendes Licht rückt.
Anson Mount gelingt es, Pike als Figur weiterzuentwickeln, ohne die Glaubwürdigkeit des Charakters zu gefährden. Seine stille Akzeptanz des Schicksals, das ihm in einer visionären Eingebung offenbart wurde, verleiht der Figur eine tragische Tiefe, die auch in der vierten Staffel niemals ausgereizt oder melodramatisch ausgeschlachtet wird. Gleichzeitig ist es gerade diese Würde im Angesicht des Vorherbestimmten, die Pikes Interaktion mit dem ambitionierten Kirk so aufgeladen und sehenswert macht.
Die Einbindung von Kirk gelingt nicht zuletzt deshalb so nahtlos, weil die Autoren die kanonischen Koordinaten des Star-Trek-Universums respektieren, ohne sich sklavisch an sie zu binden. Das Ergebnis ist eine Staffel, die sowohl Puristen als auch Neulinge zufriedenstellt – und das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
3. Die Crew: Charakterentwicklung im Ensemble
Strange New Worlds hat sich von Beginn an durch ein ungewöhnlich ausgewogenes Ensemble-Schreiben ausgezeichnet, und Staffel 4 setzt diesen Standard nicht nur fort, sondern übertrifft ihn in mehreren Episoden deutlich.
Spock (Ethan Peck) erhält in "Vier und ein halber Vulkanier" eine der klügsten Folgen, die jemals der Dualität seiner menschlich-vulkanischen Natur gewidmet wurden. Die erweiterten Szenen auf Disc 3 vertiefen die Innenwelt der Figur noch weiter und zeigen, dass die Autoren verstanden haben: Vulkanier sind am interessantesten, wenn sie an den Grenzen ihrer eigenen Philosophie scheitern.
Nyota Uhura (Celia Rose Gooding) wächst in dieser Staffel zur vollwertigen strategischen Stimme der Brücke heran. "Was ist die Sternenflotte?" ist eine in der Trek-Geschichte fast einmalige Episode, in der Uhuras kommunikative und kulturanalytische Fähigkeiten nicht als Beiwerk, sondern als zentrales Handlungsinstrument eingesetzt werden.
Auch Dr. M'Benga (Babs Olusanmokun) und Krankenschwester Chapel (Jess Bush) erhalten substanzielle Entwicklungsbögen, die weit über das bloße Erfüllen ihrer Archetypfunktionen hinausgehen. Die emotionale Spannung zwischen den beiden – durch den Raum-Zeit-Korridor aus Staffel 2 noch komplexer geworden – gehört zu den still wirkungsvollsten Momenten der gesamten Staffel.
4. Einzelne Episoden im Fokus
"Durch die Linse der Zeit" eröffnet die Staffel mit einer konzeptuell wie dramatisch außerordentlich dichten Episode, die die Konsequenzen des Zeitreise-Paradoxons aus einem unerwarteten Blickwinkel beleuchtet. Die entfallene Szene auf Disc 1 hätte dem Finale eine emotionale Qualität hinzugefügt, die ihrem Fehlen deutlich anzumerken ist – ein nachvollziehbarer, wenn auch bedauerlicher Schnitt.
"Hegemonie Teil II" löst einen der meistdiskutierten Cliffhanger der Seriengeschichte ein und tut dies mit einer Handlungsdisziplin, die angesichts der hohen Erwartungen bemerkenswert ist. Die erweiterten Szenen enthüllen einen Dialogstrang, der die politischen Dimensionen des Gorn-Konflikts erheblich bereichert – hier wäre mehr weniger der falsche Ansatz gewesen, und die Produzenten haben die richtige Entscheidung getroffen, dieses Material für die Heimkinoversion aufzuheben.
"Hochzeitsglocken-Blues" ist die mutigste Episode der Staffel: ein weitgehend als Musical angelegtes Kammerspiel, das sämtliche dramatischen Konventionen der Serie für knapp vierzig Minuten außer Kraft setzt. Die erweiterten Fassungen sind aus inhaltlichen wie musikalischen Gründen den Standard-Cuts deutlich vorzuziehen – wer diese Folge bislang nur im Streaming gesehen hat, erlebt hier eine substantiell reichere Fassung.
"Shuttle nach Kenfori" und "Weltraumabenteuerstunden" bilden das episodische Rückgrat der Staffel und verankern das Abenteuer-Grundgefühl von Trek, das die Serie seit ihrem ersten Tag als Markenzeichen trägt. Beide Folgen sind in ihren erweiterten Fassungen signifikant besser: Tempoverluste, die im Streaming stören mochten, erweisen sich auf Blu-ray als bewusste Atempausen, die der emotionalen Dramaturgie zugutekommen.
5. Bildqualität & Ton
Die Blu-ray-Präsentation von Paramount überzeugt auf dem gewohnt hohen Niveau. Die Enterprise und ihre Umgebungen werden in einer Bildschärfe und Farbtiefe präsentiert, die den cinematografischen Ehrgeiz des Produktionsteams vollständig zur Geltung bringt. Besonders die Raumschlachten – technisch ohnehin zu den aufwendigsten in der Geschichte der Trek-TV-Produktionen gehörend – profitieren vom physischen Medium erheblich: Streaming-Artefakte entfallen vollständig.
Der Ton liegt in DTS-HD Master Audio vor und nutzt die räumliche Tiefe moderner Surround-Systeme mit großer Souveränität. Jeff Russo und sein Komponistenteam haben für diese Staffel einen Score vorgelegt, der die ikonischen Originalthemen des Franchise respektiert, ohne in bloße Zitation zu verfallen. Die Musikabmischung ist besonders in den ruhigeren Szenen exemplarisch: Stille und Klang stehen hier in einem Gleichgewicht, das im Streaming schlicht nicht reproduzierbar ist.
6. Bonusmaterial
Das Bonusmaterial dieser Box gehört zu den umfangreichsten und inhaltlich substanziellsten, die Paramount je für eine Trek-Staffel zusammengestellt hat.
Die entfallene Szene zu "Durch die Linse der Zeit" ist ein Muss für alle, die die Episoden-Dramaturgie vollständig erfassen möchten. Die erweiterten Szenen zu "Hegemonie Teil II" bieten politische und diplomatische Dialogpassagen, die das Worldbuilding der Staffel auf eine Weise vertiefen, die die 45-Minuten-Episodenform des Streamings nicht zugelassen hätte. Bei "Hochzeitsglocken-Blues" drängt sich die Frage auf, warum die zusätzlichen musikalischen Nummern überhaupt gekürzt wurden – die Extended-Cut-Fassung ist eine wesentlich kohärentere und bewegendere Episode.
"Neue Welten entdecken" ist ein ausführliches Making-of, das die Entwicklung der Staffel von den ersten Writers-Room-Sitzungen bis zur Postproduktion begleitet. Die Interviews sind erfrischend offen und gehen weit über das übliche Promotionsmaterial hinaus. "Persönliches Logbuch" ermöglicht im Format von Videodiarien einzelner Crewmitglieder einen intimen Einblick in den Set-Alltag – mit einer Authentizität, die in aufwendig produzierten Making-of-Formaten selten zu finden ist.
"Virtuelle Visionäre" und die "VFX-Flüge" bieten zusammen einen der umfangreichsten Einblicke in moderne TV-VFX-Produktion, der je auf einer Trek-Heimkinoveröffentlichung zu finden war. Die zwei Gag Reels schließlich bestätigen, was Fans seit Staffel 1 vermuten: Das Ensemble ist nicht nur eines der talentiertesten, sondern auch eines der charmantesten der Trek-Geschichte.
7. Fazit
Star Trek: Strange New Worlds – Staffel 4 ist ein Meisterwerk des modernen Science-Fiction-Fernsehens. Die Serie hat mit dieser Staffel endgültig bewiesen, dass sie mehr ist als eine nostalgisch aufgeladene Prequel-Übung: Sie ist eigenständiges, charaktergetriebenes Erzählkino, das zufällig im Star-Trek-Universum angesiedelt ist – und gerade deshalb so wirkungsvoll funktioniert.
Die Blu-ray-Box von Paramount ist die ideale Präsentationsform für dieses Material. Das physische Medium tut der Bildsprache gut, das Bonusmaterial ist außerordentlich reichhaltig, und die erweiterten Fassungen mehrerer Episoden machen diese Veröffentlichung für alle Trek-Enthusiasten zur unverzichtbaren Ergänzung ihrer Sammlung.
Wer Strange New Worlds noch nicht gesehen hat: Beginne mit Staffel 1 und arbeite dich vor. Wer die Serie bereits liebt: Diese Box ist Pflicht. Und wer das Franchise für tot erklärt hatte: Lass dich von Staffel 4 widerlegen. Auf zu neuen Welten – in bestmöglicher Bildqualität.