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Tamako Love Story – Blu-ray Review (Polyband)


„Ich habe noch nie ernsthaft über die Zukunft nachgedacht." Dieser schlichte, fast erschreckend ehrliche Satz fasst Tamako Kitashirakawas innere Welt besser zusammen als jede lange Beschreibung es könnte. Mit Tamako Love Story hat Kyoto Animation im Jahr 2014 einen Kinofilm vorgelegt, der auf der Fernsehserie Tamako Market aufbaut, ihr aber in Ton, Tiefe und emotionaler Reife weit überlegen ist. Auf Blu-ray veröffentlicht von Polyband, landet dieser zarte, leise Liebesfilm nun im heimischen Wohnzimmer – und er hat das Zeug, dort lange nachzuwirken.


Eine Geschichte des Stillstands im Fluss der Zeit


Die Handlung ist denkbar schlicht: Die Schule nähert sich ihrem Ende, und mit ihm der Abschluss eines Lebensabschnitts, den Tamako und ihre Freunde gemeinsam verbracht haben. Während alle anderen von ihrer Zukunft sprechen – Studium, Umzug, neue Wege –, hält Tamako am Vertrauten fest. Sie möchte im Mochi-Laden ihrer Familie bleiben, in der Einkaufspassage, in der sie aufgewachsen ist. Diese Verwurzelung ist keine Faulheit und keine Unreife; sie ist ihr Wesen. Doch genau darin liegt der Schmerz: Wer bleibt, sieht die anderen gehen. Und wer nie über eine Zukunft jenseits des Bekannten nachgedacht hat, steht plötzlich vor der Frage, ob er überhaupt eine hat.


In dieses stille Dilemma tritt Mochizou Ooji, Tamakos Kindheitsfreund und heimlicher Verehrer. Auch er muss eine Entscheidung über seine Zukunft treffen – und diese Entscheidung hängt, so viel wird früh klar, unmittelbar mit Tamako zusammen. Der Film entwickelt diese Konstellation ohne Eile, ohne künstliche Dramatik, fast dokumentarisch in seiner Beobachtung alltäglicher Gesten und Blicke. Ein Bild, das zu lange gehalten wird. Eine Hand, die nicht ausgestreckt wird. Ein Geständnis, das im Halse stecken bleibt, und dann – endlich, vielleicht zu spät, vielleicht genau rechtzeitig – doch noch herausbricht.


Masaaki Yuasa trifft Kyoto Animation


Regisseur Naoko Yamada (A Silent Voice, Liz and the Blue Bird) beweist auch hier ihr außergewöhnliches Gespür für Körpersprache als emotionaler Sprache. In Tamako Love Story kommunizieren die Figuren weniger durch das, was sie sagen, als durch das, wie sie sich bewegen, zögern, wegschauen oder stillhalten. Füße auf Pflasterstein, Finger an Türrahmen, Schultern, die sich leicht heben – Yamada macht diese Kleinigkeiten zu einem ganzen inneren Universum. Wer aufmerksam schaut, erlebt einen Film über Kommunikation und ihre Grenzen, über das Scheitern von Worten dort, wo die Emotion zu groß geworden ist.
Kyoto Animations Animationsarbeit ist auf gewohnt hohem Niveau: Die Einkaufspassage, die schon in Tamako Market Heimeligkeit ausstrahlte, wirkt hier in der sattbunten Blu-ray-Qualität noch lebendiger. Das Licht, das durch Markisenstoffe fällt, der Dunst eines frühen Morgens, die Farbtemperaturen, die je nach emotionaler Lage der Szene kippen – all das ist handwerklich brillant. Gleichzeitig bleibt der Film stilistisch ruhig, fast minimalistisch, was perfekt zur Geschichte passt. Hier wird nichts überinszeniert. Der Score von Masakatsu Takagi ergänzt das zurückhaltend und schön.


Mehr als ein Liebesfilm


Auf den ersten Blick wirkt Tamako Love Story wie ein klassisches Shōjo-Romance-Konstrukt: Mädchen bemerkt Gefühle, Geständnis, Schluss. Doch der Film ist klüger, als er zunächst scheint. Er handelt genauso von Freundschaft, von der Angst vor Veränderung und dem Schmerz des Aufwachsens, der nicht im Aufbruch liegt, sondern im Zurückbleiben. Tamakos Freundinnen – insbesondere Midori, deren eigene unterdrückte Gefühle dem Film eine zusätzliche Komplexität verleihen – sind keine Beiwerk, sondern Teil eines dichten emotionalen Geflechts. Die Traurigkeit, die den Film grundiert, ist universell: Irgendwann endet die Schulzeit. Irgendwann verstreut sich die Gruppe. Diese Banalität, mit so viel Wärme erzählt, ist das eigentliche Herz des Films.


Die Blu-ray von Polyband


Polyband liefert eine solide Veröffentlichung ab. Das Bild ist scharf, farbtreu und tut der Animationsarbeit von KyoAni alle Ehre. Als Bonusmaterial liegt das kurzweilige Feature „Dera von der Südseeinsel" bei, das den exzentrischen sprechenden Vogel Dera in einem eigenen kleinen Abenteuer zeigt – eine willkommene, leichte Ergänzung für Fans der Fernsehserie. Dazu gibt es Clean Opening und Clean Ending, also die Vor- und Abspannsequenzen ohne eingeblendeten Text, ideal für alle, die die schlichte Eleganz dieser Sequenzen ungestört genießen wollen. Mehr Bonusmaterial wäre wünschenswert gewesen – etwa ein Making-of oder Interviews –, doch was vorhanden ist, ergänzt den Film angemessen.


Fazit


Tamako Love Story ist ein Film, der seinen Zuschauer nicht überwältigt, sondern behutsam einnimmt. Er ist kurz (knapp 83 Minuten), er ist leise, er ist schön – und er trifft mit einer Präzision, die erst beim zweiten Nachdenken vollständig spürbar wird. Naoko Yamada gelingt das Kunststück, das Große im Kleinen zu zeigen: Ein Geständnis auf einem Schulkorridor als eine der bewegendsten Szenen des Anime-Jahrzehnts. Wer empfänglich ist für Filme, die Stille als Erzählmittel einsetzen, die keine einfachen Antworten geben und die im Alltag das Außergewöhnliche entdecken, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Die Polyband-Blu-ray ist eine würdige Heimkino-Fassung eines kleinen Meisterwerks.