Ein Buch, das tröstet, klärt und Mut macht – über das schwierigste aller Themen
Der Tod gehört zum Leben. Das weiß jeder. Und doch schweigen wir. Wir wechseln das Thema, wenn es zu nah kommt. Wir drücken uns um Gespräche, die wir längst hätten führen sollen. Aus Angst. Aus Hilflosigkeit. Aus dem tief verwurzelten Wunsch, das Unvermeidliche noch einen Moment weiter von uns fernzuhalten. Genau in diese Lücke – zwischen dem, was wir wissen müssten, und dem, worüber wir nicht sprechen – tritt das Buch 99 Fragen an den Tod mit einer Klarheit, die überrascht, und einer Wärme, die tröstet.
Zwei Expertinnen und Experten, die wirklich wissen, wovon sie sprechen
Die Autorin und der Autor dieses außergewöhnlichen Werkes sind keine theoretischen Schreibtischgelehrten. Prof. Dr. Claudia Bausewein ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Universität München, Lehrstuhlinhaberin für Palliativmedizin und Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Sie zählt zu den anerkanntesten Palliativmedizinerinnen im deutschsprachigen Raum. Rainer Simader wiederum leitet das Ressort Bildung bei Hospiz Österreich, dem Dachverband aller österreichischen Hospiz- und Palliativeinrichtungen, und hat als Physiotherapeut sowohl im häuslichen Umfeld als auch in einem der weltweit bekanntesten Hospize, dem St. Christopher's Hospice in London, gearbeitet. Beide verbindet jahrzehntelange praktische Erfahrung an der Seite von sterbenden Menschen und deren Angehörigen. Und diese Erfahrung spürt man auf jeder Seite.
Das Konzept: So einfach wie genial
Das Buch verzichtet auf lange Abhandlungen, medizinische Monografien oder philosophische Exkurse. Stattdessen wählen Bausewein und Simader eine Form, die so naheliegend ist, dass man sich fragt, warum es dieses Buch nicht schon viel früher gab: 99 konkrete Fragen, auf die es klare, verständliche, ehrliche Antworten gibt. Fragen, wie sie tatsächlich gestellt werden – von Patienten auf dem Sterbebett, von Töchtern und Söhnen, die nicht wissen, wie sie ihre Eltern begleiten sollen, von Ehepartnern, die plötzlich allein sind, von Menschen, die eine unheilbare Diagnose erhalten haben und nun inmitten einer Flut von Ungewissheit nach einem festen Halt suchen.
Die Bandbreite dieser Fragen ist beeindruckend: Wie gehe ich mit der Nachricht um, dass ich sterben werde? Wann ist ein Hospiz sinnvoll – und was erwartet mich dort? Wie kann Sterben zu Hause gelingen? Kann man den Tod hinauszögern? Woran erkenne ich, dass das Sterben bevorsteht? Tut Sterben weh? Darf ich mit einem sterbenden Menschen lachen – oder vor ihm weinen? Warten Sterbende auf Angehörige, um sich zu verabschieden? Darf ich einen toten Menschen berühren? Wie lange dauert Trauer? Das sind keine abstrakten Fragen. Das sind die Fragen, die uns nachts wachhalten. Die wir uns in leisen Momenten stellen, ohne zu wissen, an wen wir sie richten sollen.
Inhalt, der informiert und berührt
Was das Buch so besonders macht, ist die Kombination aus medizinischer Sachlichkeit und menschlicher Wärme. Bausewein und Simader erklären, was palliative Sedierung bedeutet, wie Schmerzen am Lebensende behandelt werden, welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt und was im Körper tatsächlich passiert, wenn ein Mensch stirbt. Aber sie erklären das nie kalt, nie distanziert. Sie begegnen dem Leser und der Leserin auf Augenhöhe – mit dem Respekt, den ein so ernstes Thema verdient, und mit der Menschlichkeit, die es braucht.
Besonders wertvoll sind jene Antworten, die sich den emotionalen und zwischenmenschlichen Seiten des Sterbens widmen. Darf man weinen? Darf man lachen? Wie redet man mit Kindern über den Tod? Was sagt man, wenn man nichts mehr zu sagen weiß? Hier zeigt das Buch seine vielleicht größte Stärke: Es gibt keine falschen Gefühle. Es gibt kein falsches Verhalten. Es gibt nur Menschen, die mit einer überwältigenden Situation umgehen müssen – und die dabei Begleitung verdienen.
Für wen ist dieses Buch?
Die Antwort ist einfach: für fast alle. Natürlich richtet es sich in besonderer Weise an Menschen, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind – sei es als Betroffene selbst oder als Angehörige. Aber auch für all jene, die einfach vorausdenken möchten – die eine Patientenverfügung verstehen, Sterbebegleitung planen oder sich schlicht mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen wollen – ist dieses Buch eine wertvolle und zugängliche Ressource. Selbst Pflegepersonal, Seelsorgerinnen und Seelsorger oder Ehrenamtliche in der Hospizarbeit werden hier Formulierungen und Antworten finden, die ihnen in ihrer täglichen Arbeit helfen können.
Sprache und Lesbarkeit
Die Sprache ist klar, ruhig und nie reißerisch. Kein unnötiger Fachjargon, keine Verharmlosung, keine Sentimentalität um ihrer selbst willen. Bausewein und Simader schreiben so, wie man sich eine gute Ärztin oder einen guten Therapeuten wünscht: direkt, ehrlich, einfühlsam. Das Frage-Antwort-Format macht das Buch zudem sehr flexibel in der Nutzung – man kann es von vorne bis hinten lesen, aber genauso gut gezielt einzelne Abschnitte aufschlagen, je nachdem, welche Frage gerade brennt.
Ein kleines Manko
Wer tiefgehende medizinethische Debatten oder ausführliche wissenschaftliche Belege sucht, wird dieses Buch vielleicht als zu knapp empfinden. Es ist bewusst kein akademisches Werk, sondern ein Begleitbuch für den Alltag von sterbenden Menschen und denen, die sie lieben. Wer sich aber genau das wünscht – einen klaren, verständlichen Kompass in einer der schwierigsten Lebensphasen – wird nicht enttäuscht sein.
Fazit
99 Fragen an den Tod ist ein Buch, das gebraucht wird. Dringend. In einer Gesellschaft, die den Tod aus dem Alltag verbannt hat, in der Krankheit und Sterben häufig als Tabuthemen gelten, leisten Claudia Bausewein und Rainer Simader mit diesem Werk etwas Mutiges und Wichtiges: Sie sprechen aus, was so viele nicht auszusprechen wagen. Sie geben Antworten, wo bisher Schweigen herrschte. Und sie tun das mit einer Haltung, die das ganze Buch durchzieht: Sterben ist ein Teil des Lebens – und verdient dieselbe Aufmerksamkeit, Fürsorge und Würde wie alles andere auch.
Dieses Buch sollte in keinem Bücherregal fehlen – und noch viel mehr: Es sollte gelesen, verschenkt und als Gesprächsgrundlage genutzt werden. Denn am Ende ist das größte Geschenk, das wir sterbenden Menschen machen können, dieses: dass wir da sind. Dass wir nicht wegsehen. Dass wir sprechen.