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Rezension: The Holy Boy
Regie: Paolo Strippoli
Blu-ray: Busch Media Group


Italiens Folk-Horror-Comeback – eindringlich, düster und verstörend schön


Es gibt Filme, die einen lange nach dem Abspann nicht loslassen. The Holy Boy von Paolo Strippoli ist so ein Film. Der Italiener, der sich bereits mit A Classic Horror Story (2021, Netflix) und dem atmosphärischen Regendrama Flowing (2022) als aufregender neuer Name im europäischen Genrekino etabliert hat, legt mit diesem Werk sein bislang reifes und ambitioniertestes Projekt vor. Der Film feierte seine Weltpremiere außer Konkurrenz beim 82. Filmfestival von Venedig und wurde anschließend unter anderem beim BFI London Film Festival gezeigt – eine Einordnung, die bereits andeutet, womit man es hier zu tun bekommt: nicht mit purem Horrorfilm-Klamauk, sondern mit ernstem, arthouse-nah produziertem Genrekino, das weit mehr im Sinn hat als bloßes Schockieren.


Das Tal der Lächeln – eine Prämisse, die unter die Haut geht


Das abgelegene norditalienische Bergdorf Remis besteht aus kaum mehr als einer Durchgangsstraße, einer Schule, einer Taverne und den niedrigen Häusern einer ungewöhnlich zufriedenen Gemeinschaft. Kein Streit, keine sichtbare Not, kein Schmerz. Genau hierher verschlägt es den emotional zerstörten Sportlehrer Sergio, gespielt von Michele Riondino, der nach einem nicht näher benannten traumatischen Erlebnis einen Neuanfang sucht. Er kommt als gebrochener Mann in ein Dorf voller strahlender Gesichter – und dieser Kontrast allein ist bereits zutiefst verstörend.


Das Idyll ist natürlich trügerisch, und Sergio merkt es schnell. Das Geheimnis hinter der kollektiven Heiterkeit der Dorfbewohner trägt einen Namen: Matteo. Der seltsame, introvertierte 15-Jährige mit einem auffälligen Streifen Albinismus an Schläfe, Augenbraue und Wimpern besitzt eine übernatürliche Gabe: Wer ihn umarmt, verliert seinen Schmerz. Nicht das Gedächtnis – die Erinnerung bleibt –, aber der emotionale Stachel wird herausgezogen. Bei regelmäßigen, kirchlich organisierten Zeremonien umarmt Matteo die Dorfbewohner nacheinander, nach einem strengen Zeitplan, koordiniert von seinem Vater Mauro als eine Art Geschäftsführer des familiären Wunderkindes, unterstützt vom örtlichen Priester Don Attilio. Was wie ein Wunder aussieht, ist in Wirklichkeit systematische Ausbeutung eines Kindes – religiös verbrämt, sozial akzeptiert und ökonomisch verwertet.


Sergio erkennt das. Und als er versucht, Matteo aus seiner aufgezwungenen Rolle zu befreien, nimmt das Geschehen einen unumkehrbaren und verheerenden Lauf.


Strippoli als Regisseur: Ein Stilist mit Gespür für Spannung


Was Strippoli hier leistet, ist handwerklich bemerkenswert. Er nimmt sich Zeit – fast zwei Stunden Laufzeit –, lässt die Bedrohung langsam wachsen, schichtet Unbehagen über Unbehagen, ohne vorschnell auf Schockmomente zu setzen. Diese Geduld wird belohnt: Wenn die Eskalation kommt, trifft sie mit voller Wucht, weil das Fundament sorgfältig gelegt wurde. Kameramann Cristiano Di Nicola und Szenenbildner Marcello Di Carlo nutzen die beeindruckenden Schauplätze in der Region Friaul-Julisch Venetien – konkret gedreht wurde im Bergdorf Sappada – mit großem Gespür. Holzschwere alpine Innenräume, eine eigentümliche Dorfkirche, die zugleich als Gemeindehalle fungiert, karge Winterlandschaften: Die Kulisse atmet Isolation und verdrängte Wahrheit. Intensive Weitwinkelaufnahmen erzeugen eine klaustrophobische Enge, die auch in den weitläufigen Außenszenen nicht ganz weicht. Der Score von Federico Bisozzi und Davide Tomat tut sein Übriges: Er unterlegt das Geschehen nicht mit plakativer Horrormusik, sondern mit einer feinen, fast liturgisch anmutenden Unruhe, die sich tief ins Bewusstsein des Zuschauers schleicht.


Das Ergebnis ist ein Film, der visuell wie aus einem Guss wirkt und eine unverkennbare Handschrift trägt – eisig, bedrohlich, von stiller Schönheit und unterschwelliger Gewalt durchzogen.


Der Holy Boy selbst: Die Entdeckung des Films


Wer The Holy Boy gesehen hat, vergisst vor allem eines nicht: Giulio Feltri in der Titelrolle. Der Newcomer liefert eine Leistung ab, die weit über sein Alter hinausgeht. Seine enigmatische Präsenz als das archetypische seltsame Kind der Schulklasse – mit androgyner Sensibilität, silbergrau durchzogenen Haaren und einem Blick, der immer zu viel zu wissen scheint – ist schlicht fesselnd. Strippoli schreibt die Figur des Matteo mit großer Sorgfalt: Hier ist nicht nur ein übernatürlich begabter Junge, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der unter seiner Rolle leidet, der Freundschaft sucht, der sich nach einem normalen Leben sehnt und der an seiner eigenen Queerness zu tragen hat. Als isolierter schwuler Teenager, der von seinem Schwarm gemobbt und von seinem Vater instrumentalisiert wird, trägt Matteo das emotionale Gewicht des gesamten Films – und Feltri bewältigt das mit einer Natürlichkeit, die einem den Atem verschlägt. Die Coming-of-Age-Dimension ist es letztlich, die den Film über den Genre-Durchschnitt hinaushebt und ihm eine emotionale Substanz verleiht, die wirklich schmerzt.


Genreeinordnung: Zwischen The Wicker Man und Carrie


Wer nach Referenzpunkten sucht, wird schnell fündig: The Holy Boy bewegt sich irgendwo zwischen dem rituellen Gemeinschaftshorror von The Wicker Man, der Außenseiter-Wut von Carrie und der ethnografisch inspirierten Bedrohlichkeit von Midsommar – ohne dabei jedoch eine bloße Kopie dieser Vorbilder zu sein. Strippoli destilliert diese Einflüsse zu etwas Eigenem, Italienischem, das tief in der Tradition des katholischen Schuld- und Glaubenssystems verwurzelt ist. Die Kirche als Institution der Kontrolle, der Vater als selbsternannter Hüter eines göttlichen Geschenks, das Dorf als geschlossene Gemeinschaft mit eigenen, undurchdringlichen Gesetzen – all das sind keine neuen Motive, aber Strippoli füllt sie mit frischem, schmerzhaftem Leben.


Die eigentliche philosophische Botschaft des Films trifft dabei unerwartet tief: Brauchen wir den Schmerz? Macht uns das Verdrängen von Leid nicht menschenleerer, nicht menschlicher? Was bedeutet Glück, wenn es erkauft ist durch die Ausbeutung eines Unschuldigen? Diese Fragen stellt der Film nicht didaktisch, sondern mit der Beiläufigkeit großen Kinos – und sie hallen nach.


Schwachstellen


Wer absolute Makellosmäßigkeit erwartet, sei gewarnt. Das Drehbuch, das Strippoli gemeinsam mit Jacopo Del Giudice und Milo Tissone verfasst hat, lädt gegen Ende zu viel auf einmal auf. Der Finale verliert sich in einer Aneinanderreihung von Klimaxszenen, die jeweils für sich als Abschluss funktionieren würden, zusammen aber eine leichte Überfrachtung erzeugen. Die Gothic-Raserei überdeckt dabei stellenweise die subtileren thematischen Überlegungen, die den Film in seiner Mitte so stark machen. Auch die Hauptfigur Sergio hat ihre Tücken: Riondino spielt ihn durchgehend mit großer Ernsthaftigkeit, aber der Charakter bleibt über weite Strecken sperrig und schwer zugänglich – was gewollt sein mag, die emotionale Identifikation jedoch erschwert. Das Ungleichgewicht zwischen dem brillant gezeichneten Matteo und dem vergleichsweise blassen Sergio ist spürbar. Das schmälert den Gesamteindruck, ohne ihn jedoch grundlegend zu beschädigen.


Die Blu-ray der Busch Media Group


Die deutsche Blu-ray-Veröffentlichung durch die Busch Media Group ist für Genreliebhaber die Heimkino-Pflichtanschaffung. Das Bonusmaterial fällt überschaubar aus – enthalten sind der Original-Trailer, der deutsche Trailer sowie eine Trailershow – doch gerade für Fans, die den Film einfach in bestmöglicher Qualität besitzen möchten, ist das mehr als ausreichend. Das Wendecover macht das Paket optisch attraktiv und gibt Sammlern die angenehme Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Bildmotiven. Inhaltlich ist das Fehlen einer ausführlicheren Behind-the-Scenes-Dokumentation oder eines Regisseurkommentars ein kleines Manko – Strippoli hätte sicher einiges Interessantes über Konzeption und Entstehung des Films zu sagen gehabt. Technisch jedoch spielt die Veröffentlichung ihre Stärken voll aus: Die alpinen Schauplätze, Di Nicolas atmosphärische Kameraarbeit und die kühle, kontraststarke Bildsprache des Films kommen auf Blu-ray hervorragend zur Geltung. Scharfe Detailzeichnung in den Holztexturen der Innenräume, präzise Wiedergabe der eisigen Außenszenen, ein druckvoller und gleichzeitig nuancierter Ton – wer die Möglichkeiten des Formats zu schätzen weiß, wird nicht enttäuscht.


Fazit


The Holy Boy ist kein Film für jeden. Er ist langsam, er ist düster, er stellt unbequeme Fragen über Ausbeutung, Gemeinschaft, religiösen Fanatismus und den Preis von Schmerzlosigkeit. Aber für all jene, die bereit sind, sich auf ihn einzulassen, wartet ein außergewöhnliches Erlebnis – ein Film, der sich nicht mit schnellem Schrecken begnügt, sondern einen echten, nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Paolo Strippoli beweist mit diesem Werk eindrucksvoll, dass der italienische Horrorfilm keineswegs tot ist, sondern gerade dabei, sich mit frischer Energie neu zu erfinden. Und mit Giulio Feltri hat er eine Entdeckung gemacht, die man so schnell nicht vergisst.


Die Blu-ray der Busch Media Group bringt dieses verstörende, fesselnde und letztlich tief traurige Stück Genrekino nun in angemessener Qualität ins deutsche Wohnzimmer. Eine klare Empfehlung.


Blu-ray: Busch Media Group
Laufzeit: ca. 122 Minuten
Empfehlung: Sehr empfehlenswert – für Freunde des gehobenen Folk-Horrors unbedingt ansehen