Rezension: Rendezvous mit einer Leiche (Der Tod wartet)
Autorin: Agatha Christie | Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Sprecher: Christoph Maria Herbst
Verlag: Hörbuch-Download | ISBN: 9783844556223
Laufzeit: 6 Stunden 46 Minuten | Ungekürzte Lesung
Poirot in der Wüste – ein Kammerspiel aus Tyrannei, Verdrängung und Mord
Agatha Christie ist und bleibt die unangefochtene Königin des Kriminalromans. Ihr Werk umfasst mehr als sechzig Romane, vierzehn Kurzgeschichtensammlungen und einige der berühmtesten Detektivfiguren der Literaturgeschichte. Doch selbst innerhalb dieses reichen Kanons sticht Der Tod wartet – im englischen Original Appointment with Death, erschienen 1938 – als besonders düsteres, psychologisch dichtes Werk heraus. Es ist kein leichter Krimi, kein vergnügliches Rätsel mit angenehmen Verdächtigen. Es ist ein klaustrophobisches Familiendrama mit Mordfall, das tief in die Abgründe menschlicher Manipulation und kollektiv verdrängter Verzweiflung hinabsteigt. Und in der vorliegenden Hörbuchfassung – gelesen von Christoph Maria Herbst – entfaltet es eine Wirkung, die noch lange nach dem letzten gesprochenen Satz nachhallt.
Die Geschichte: Eine Tyrannin und ihre Gefangenen
Alles beginnt mit einem Satz, den Hercule Poirot zufällig belauscht: Du siehst doch ein, dass sie sterben muss! Gesprochen von Raymond Boynton an seine Schwester, in einem Flur des Jerusalemer Hotels. Poirot registriert die Worte, notiert sie in seinem ordentlichen kleinen Geist und wartet ab. Denn er kennt die Familie Boynton, wenn auch nur flüchtig: Mrs Boynton, die Stiefmutter, eine massive, unbewegliche, beinahe monströse Gestalt, die ihre erwachsenen Stiefkinder mit eiserner psychologischer Herrschaft unterjocht. Diese Frau hat die Boynton-Geschwister zu einem Leben in totaler Abhängigkeit konditioniert – unfähig zu Rebellion, zu Flucht, zu echten menschlichen Beziehungen. Sie ist eine Meisterin der emotionalen Kontrolle, und Christie zeichnet sie mit einer Schärfe, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, obwohl – oder gerade weil – die alte Dame kaum spricht und kaum handelt. Ihre bloße Anwesenheit genügt.
Als die Reisegesellschaft weiter nach Petra aufbricht – in die steinrote Felsenwüste Jordaniens, weit ab von der Zivilisation – geschieht das Unvermeidliche. Mrs Boynton stirbt. Scheinbar an einem Herzanfall. Doch Poirot zweifelt, und die Umstände geben ihm recht: Es war Mord. Das Problem: Jedes Mitglied der Familie Boynton hatte ein Motiv. Jedes Mitglied hatte die Gelegenheit. Und Poirot hat nur vierundzwanzig Stunden, um den Fall zu lösen, bevor die Reisegruppe sich auflöst und die Spuren für immer verwischen.
Christie auf der Höhe ihrer psychologischen Meisterschaft
Was Der Tod wartet von vielen anderen Poirot-Fällen unterscheidet, ist der Fokus auf die Psychologie der Opfer. Nicht auf das Opfer selbst – Mrs Boynton ist bereits beim ersten Auftreten mehr Symbol als Mensch –, sondern auf die Menschen, die jahrelang unter ihr gelitten haben. Christie interessiert sich hier brennend für die Frage, was emotionaler Missbrauch mit einem Menschen macht, wie er Persönlichkeiten verformt, Entwicklungen unterbricht und ganze Lebensläufe zerstört. Die Boynton-Kinder sind keine simplen Mordverdächtigen, sondern Porträts emotionaler Verkümmerung: blass, gehemmt, nahezu handlungsunfähig in ihrer eigenen Befreiung – selbst dann noch, als die Tyrannin tot ist. Daneben treten weitere klug eingewebte Figuren auf, darunter eine Psychiaterin und eine engagierte junge Amerikanerin, die als Kontrastpunkte und zugleich als Schlüsselfiguren der Ermittlung dienen.
Poirot selbst tritt in diesem Roman ungewöhnlich zurückhaltend auf. Er beobachtet, fragt, hört zu – und setzt am Ende die grauen kleinen Zellen in Gang, um aus einem scheinbar unlösbaren Rätsel eine verblüffend schlüssige Wahrheit zu destillieren. Christie lässt ihn dabei bewusst im Hintergrund, was dem Roman eine Atmosphäre verleiht, die mehr an einen psychologischen Thriller als an einen klassischen Whodunit erinnert. Das Whodunit-Element ist natürlich vorhanden und wird am Ende mit der gewohnten Eleganz aufgelöst – aber der eigentliche Sog des Romans kommt aus der Auseinandersetzung mit Schuld, Freiheit und der Frage, wann Notwehr aufhört und Mord beginnt.
Der Sprecher: Christoph Maria Herbst als Glücksfall
Eine ungekürzte Hörbuchlesung steht und fällt mit dem Sprecher. In diesem Fall hat man das denkbar beste Los gezogen. Christoph Maria Herbst – bekannt und geliebt durch seine langjährige Rolle als Bernd Stromberg in der gleichnamigen Erfolgsserie, aber auch als vielseitiger Theaterschauspieler und einer der gefragtesten deutschen Synchronsprecher – ist für dieses Material wie geschaffen. Er bringt mit, was die Geschichte braucht: feine Ironie ohne Überheblichkeit, emotionale Präzision ohne Sentimentalität, und ein breites Spektrum an Stimmen und Tonlagen, das die vielköpfige Reisegesellschaft lebendig und unterscheidbar macht.
Herbsts Poirot ist ein Genuss. Er verleiht dem belgischen Meisterdetektiv jene Mischung aus dezenter Eitelkeit, scharfer Intelligenz und echtem, fast väterlichem Mitgefühl für die Boynton-Kinder, die Christie in ihrer Figur angelegt hat. Die düsteren Momente – und davon gibt es hier mehr als in manch anderem Poirot-Fall – trägt Herbst ohne jede Theatralik, was ihnen umso mehr Gewicht verleiht. Die Laufzeit von knapp sieben Stunden vergeht in einem angenehmen Fluss, ohne je zu ermüden. Wer das Hörbuch auf einer längeren Reise oder in ruhigen Abendstunden konsumiert, wird feststellen, dass die Zeit mit erstaunlicher Geschwindigkeit verrinnt.
Die Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Die Übersetzung von Ursula-Maria Mössner verdient eine eigene Erwähnung. Christie in eine andere Sprache zu übertragen ist keine triviale Aufgabe – ihr Stil verbindet trockene Beobachtungsschärfe, gesellschaftliche Ironie und emotionale Unmittelbarkeit in einer Weise, die leicht verloren gehen kann. Mössner findet einen deutschen Ton, der diese Balance hält: klar und präzise, nie geschwollen, gelegentlich mit einem feinen Lächeln, das man zwischen den Zeilen erahnt. Im Zusammenspiel mit Herbsts Lesung ergibt sich ein Hörgenuss, der dem englischen Original in seiner Wirkung in nichts nachsteht.
Die berühmte Verfilmung
Ein kurzer Hinweis für alle, die den Stoff bereits aus dem Kino kennen: Die bekannteste Verfilmung von 1988 mit Peter Ustinov als Poirot und einem glänzenden Ensemble – Lauren Bacall, Carrie Fisher und Piper Laurie in tragenden Rollen – ist unterhaltsam, weicht aber in einigen wesentlichen Punkten von Christies Vorlage ab und glättet manches, was im Roman noch unangenehm kantig und bewusst verstörend ist. Das Buch – und damit auch das vorliegende Hörbuch – ist in seiner psychologischen Konsequenz die mutigere, tiefgründigere Version des Stoffs. Wer die Verfilmung liebt, sollte die Vorlage kennen. Und wer die Vorlage kennt, wird die Verfilmung mit anderen Augen sehen.
Fazit
Rendezvous mit einer Leiche – Der Tod wartet ist Agatha Christie von ihrer ernstesten, entschlossensten Seite: ein Roman über Macht und Ohnmacht, über psychologische Zerstörung und die komplizierte Moral von Befreiung. Als Hörbuch, eingelesen von Christoph Maria Herbst mit der Leichtigkeit eines geborenen Erzählers und der Tiefe eines erfahrenen Charakterdarstellers, ist es eine Empfehlung ohne jede Einschränkung – für Christie-Fans ebenso wie für alle, die guten, literarisch anspruchsvollen Kriminalhörbüchern gegenüber aufgeschlossen sind.
Autorin: Agatha Christie | Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Sprecher: Christoph Maria Herbst
Laufzeit: 6 Stunden 46 Minuten | Ungekürzte Lesung
ISBN (Download): 9783844556223
Empfehlung: Uneingeschränkt