The Day I Became a Bird – Review (PS5)
Entwickler: Hyper Luminal Games | Publisher: Numskull Games | Genre: Narrative Adventure | Erschienen: 16. April 2026
Ein Kinderbuch zum Spielen
Es gibt Spiele, die wollen überwältigen. Mit epischen Schlachten, verästelten Systemen, hundert Stunden Inhalt. Und dann gibt es The Day I Became a Bird – ein Spiel, das euch sanft an der Hand nimmt, euch für eine gute Stunde in eine wunderschön gezeichnete Welt entführt und euch danach mit einem warmen Lächeln zurücklässt. Wer sich auf dieses Versprechen einlässt, findet eines der herzerwärmendsten Spiele des Jahres. Wer Action oder Tiefe erwartet, wird enttäuscht werden.
Die Geschichte: Erste Liebe auf ihre reinste Art
Man spielt Frank, einen etwas unbeholfenen Grundschüler, der an seinem ersten Schultag ein Mädchen namens Sylvia kennenlernt. Sylvia ist jedoch nicht leicht zu beeindrucken – sie interessiert sich für fast nichts außer Vögeln. Sie zeichnet sie, beobachtet sie, und wenn sie spricht, klingt ihre Stimme wie Vogelgesang. Was also tut ein verliebter Junge in dieser Situation? Er wird selbst zum Vogel. Oder zumindest versucht er es – indem er sich ein aufwendiges Vogelkostüm bastelt, Feder für Feder.
Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Ingrid Chabbert und Raúl Nieto Guridi aus dem Jahr 2015, das bereits als Kurzfilm adaptiert wurde. Dieses Fundament merkt man dem Spiel an: Es erzählt mit der Schlichtheit und der emotionalen Ehrlichkeit eines gut gemachten Bilderbuchs. Keine dramatischen Wendungen, keine komplexe Charakterentwicklung – stattdessen die universelle, zarte Erfahrung der ersten Verliebtheit, eingefangen in einem Moment kindlicher Kreativität und Hingabe.
Die Erzählung ist nicht darauf ausgelegt, einen zu Tränen zu rühren oder tiefe Reflexionen auszulösen. Dafür ist sie zu kurz und zu leichtfüßig. Aber sie schafft etwas Subtileres: Sie weckt die Erinnerung an das eigene Kindergefühl, als die Welt noch klein, überschaubar und voller Möglichkeiten war.
Gameplay: Entspannen statt herausfordern
Wer anspruchsvolle Spielmechaniken erwartet, ist hier klar am falschen Ort. The Day I Became a Bird ist eine narrative Erfahrung, die auf Zugänglichkeit setzt – und das in jeder Hinsicht.
Erkundung und Aktivitäten
Frank bewegt sich durch verschiedene Schauplätze: den Schulhof, ein Klassenzimmer, einen Park, die Straße vor seinem Zuhause. In jeder Umgebung gibt es kleine Aufgaben zu erledigen – Blätter sammeln, zerrissene Zeichnungen zusammenflicken, Gegenstände herbeibringen. Die Interaktionen sind bewusst einfach gehalten und setzen auf gelegentliche Quick-Time-Events, etwa das Drehen des linken Analogsticks oder das rechtzeitige Drücken einer Taste. Für jüngere Spieler gibt es sogar einen vereinfachten Modus in den Einstellungen.
Das Herzstück des Sammelns sind die über die Levels verteilten Federn. Einige liegen offen herum, andere erfordern kleine Umwege: eine Wippe mit einem anderen Kind benutzen, Himmelkratzen auf dem Boden spielen oder bestimmte Objekte untersuchen. Es ist kein Muss, alle Federn zu finden, aber für Completionisten bietet die Suche nach ihnen einen kleinen zusätzlichen Anreiz.
Minispiele
Zwischen den Erkundungsphasen schaltet das Spiel auf verschiedene Minispiel-Formate um. Nach jedem Abschnitt gibt es ein einfaches Puzzlespiel, das ein thematisch passendes Bild zusammensetzt. Andere Abschnitte wechseln in einen Endlosspiele-Stil: Frank auf dem Fahrrad, der durch goldene Ringe lenken muss. Die Abwechslung tut dem Spielfluss trotz der kurzen Gesamtlaufzeit gut und verhindert, dass die Erfahrung monoton wird.
Ein kleiner Stolperstein findet sich in einer Zeichnen- und Ausschneide-Sequenz: Die visuelle Benutzerführung ist dort nicht ganz intuitiv und kann kurzzeitig für Verwirrung sorgen. Ein kleiner, verzeihlicher Patzer in einem ansonsten sehr zugänglichen Erlebnis.
Präsentation: Bilderbuch zum Leben erweckt
Hier liegt die größte Stärke des Spiels. Der Kunststil ist atemberaubend – handgezeichnet, weich, voller liebevoller Details. Figuren haben Bleistiftumrisse, manche Objekte sind bewusst unausgemalt gelassen, als wäre man wirklich in einem unfertigen Kinderbuch. Bestimmte Szenen nutzen Licht und Schatten auf eine Weise, die für ein so kleines Spiel überraschend wirkungsvoll ist.
Die Animationen fügen sich nahtlos in diese Ästhetik ein. Besonders die unbeholfenen, stakkatohaften Bewegungen Franks in seinem selbstgebastelten Vogelkostüm sind charmant auf den Punkt – man spürt den Stolz und die Unbeholfenheit des Jungen in jedem Schritt.
Der Soundtrack rundet die Erfahrung stimmungsvoll ab. Die Musik ist zart, verspielt und beschwört genau jenes kindliche Staunen herauf, das das Spiel verkörpern möchte. Kein Ohrwurm-Material für die Dauerwiedergabe, aber im Kontext des Spiels absolut treffend.
Umfang und Zielgruppe
Das Spiel ist in etwa einer Stunde durchgespielt – und das ist der einzige wirkliche Kritikpunkt, den man anbringen kann. Der Abschluss kommt etwas abrupt, und man wünscht sich unweigerlich mehr Zeit in dieser Welt. Eine zweite Runde zur Federn-Komplettierung ist durchaus denkbar, aber auch das streckt die Gesamtlaufzeit nur marginal.
The Day I Became a Bird richtet sich klar an ein breites Publikum: Kinder, die einen sanften Einstieg in Videospiele suchen; Erwachsene, die eine kurze, entspannende Auszeit brauchen; Eltern, die gemeinsam mit ihren Kindern spielen möchten. Als reines Erlebnis für erfahrene Spieler, die nach Tiefe oder Herausforderung suchen, greift es dagegen zu kurz.
Die Deluxe-Edition enthält neben dem Spiel auch den Kurzfilm und ein digitales Artbook – eine schöne Ergänzung für alle, die tiefer in die Welt des Originals eintauchen möchten.
Fazit
The Day I Became a Bird ist kein Spiel, das mit Systemen, Umfang oder Komplexität punktet. Es ist ein spielbares Kinderbuch – liebevoll umgesetzt, visuell bezaubernd und emotional aufrichtig. In einer Branche, die oft auf Spektakel setzt, ist es erfrischend, ein Spiel zu spielen, das einfach nur eine kleine, warme Geschichte erzählen möchte – und das mit großer Anmut tut.
Wer den kurzen Ausflug in Franks Welt genießen kann, ohne auf mehr zu bestehen, findet hier eine echte kleine Perle. Allen anderen sei gesagt: Manchmal braucht man keine hundert Stunden. Manchmal reicht eine.