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Baby Boom (1987) – Filmreview & Blu-ray von One Gate Media


Regie: Charles Shyer | Drehbuch: Nancy Meyers & Charles Shyer | Laufzeit: ca. 110 Minuten | FSK: 6 | Blu-ray-Release: 30. April 2026


Der Terminkalender und das Chaos


Es gibt Filme, die so untrennbar mit ihrer Entstehungszeit verbunden sind, dass sie wie Zeitkapseln wirken – und dennoch etwas erzählen, das weit über ihre Epoche hinausgeht. Baby Boom von 1987 ist so ein Film. Er riecht nach Schulterpolstern, Reagan-Ära und dem Mantra, dass Frauen karrierebesessen sein dürfen – solange sie dabei irgendwie noch alles andere hinbekommen. Und doch fragt er, was damals wie heute eine unbequeme Frage bleibt: Was ist Erfolg, und wer darf ihn definieren? One Gate Media bringt diesen warmherzigen Klassiker nun am 30. April als frische Blu-ray-Neuauflage auf den deutschen Markt – ein willkommener Anlass zur Wiederbegegnung.


Die Geschichte: Ein Kind verändert alles


J.C. Wiatt ist das, was man in den Achtzigern eine Powerfrau nannte. Spitzname: Tiger Lady. Sie ist Unternehmensberaterin in Manhattan, verdient sechsstellig, wohnt in der richtigen Ecke der Stadt und führt eine Beziehung mit Steven, der genauso karrierefixiert ist wie sie selbst. Kinder? Kein Thema. Kein Platz im Terminkalender, kein Platz im Kopf.


Dann stirbt eine entfernte Verwandte – und hinterlässt J.C. das Einzige, was in keinen Kalender passt: ein vierzehn Monate altes Mädchen namens Elizabeth. Was folgt, ist eine der amüsantesten Spiralen des Achtziger-Kinos. Das Baby krempelt J.C.s durchgetaktetes Leben Stück für Stück um. Steven verschwindet, weil er sich keinen Kinderlärm vorstellen kann. Der Chefsessel rückt in weite Ferne. Die Wohnung platzt aus den Nähten. Und kurzerhand landet J.C. mit Elizabeth und einer Portion trotzigen Überlebenswillens in einem verfallenen Farmhaus in Vermont, wo Hühner über das Grundstück staksen und der Klempner zum häufigsten Besucher wird.


Was wie ein klassischer Fall von sozialem Abstieg aussieht, entpuppt sich langsam als etwas anderes: als Chance. Aus Apfelmus wird ein Unternehmen. Aus Erschöpfung wird Verwurzelung. Und aus dem charismatischen Dorftierarzt Dr. Jeff Cooper wird möglicherweise mehr, als J.C. je geplant hatte.


Der Film balanciert dabei geschickt zwischen zwei Tonlagen. Die erste Hälfte in New York ist bissige Satire auf den Yuppie-Kapitalismus: schnell, trocken, mit dem richtigen Schuss Selbstironie. Die zweite Hälfte in Vermont wechselt ins Märchenhafte – weicher, wärmer, eindeutig weniger scharf. Einige Kritiker haben darin einen Widerspruch gesehen, eine Absage an den feministischen Anspruch der Eröffnungssequenzen. Das ist nicht ganz falsch, aber es greift zu kurz. Baby Boom behauptet nicht, dass Frauen in die Natur gehören statt ins Büro. Er behauptet, dass J.C. – diese eine konkrete Frau – herausfinden muss, was ihr Leben bedeuten soll. Und das ist eine Frage, die sich jede Generation neu stellt.


Die Hauptdarsteller


Diane Keaton als J.C. Wiatt


Diane Keaton ist dieser Film. Ohne sie wäre Baby Boom eine nette Idee ohne Seele – mit ihr ist er ein kleines Meisterwerk der Komödienkunst. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war Keaton bereits Oscar-Preisträgerin und durch ihre Zusammenarbeit mit Woody Allen zur Ikone geworden. Hier zeigt sie, dass sie weit mehr kann als die verhuschte Neurotikerin, als die sie manchmal abgestempelt wurde.


J.C. Wiatt ist Keatons Annie Hall gegengestellt: wo Annie unsicher tastete, geht J.C. mit Ellenbogen voran. Und doch – das ist Keatons Meisterleistung – bleibt unter dieser Oberfläche aus Entschlossenheit und Karrierepanzerung ein echter Mensch sichtbar. In den frühen Szenen, in denen sie das Baby hält wie ein ungewolltes Gepäckstück und mit immer größer werdenden Augen die eigene Überforderung verwaltet, ist sie zum Brüllen komisch. In den späteren Momenten, wenn die Fassade bröckelt und echte Erschöpfung und Einsamkeit durchscheinen, trägt sie den Film in eine andere Tiefe.


Besonders unvergesslich ist eine Szene, in der J.C. einem völlig Fremden gegenüber ihren Zusammenbruch in Worte fasst – eine komödiantische Klimax, die Keaton mit der Präzision einer Uhrwerkkomikerin aufbaut und in einem vollständigen Ohnmachtsanfall landen lässt. Es ist eine dieser Momente, die zeigen, warum sie für die Rolle eine Golden-Globe-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin (Komödie/Musical) erhielt – ihre erste in dieser Kategorie überhaupt.


Harold Ramis als Steven Buchner


Harold Ramis, dem Kinopublikum bestens bekannt als Dr. Egon Spengler aus Ghostbusters und als Regisseur von Und täglich grüßt das Murmeltier, spielt Stevens, J.C.s Lebenspartner, mit einer ökonomischen Trockenheit, die köstlich ist. Steven ist kein Bösewicht – er ist einfach jemand, der sein Leben exakt so organisiert hat, wie er es für richtig hält, und der keinerlei Absicht hat, daran etwas zu ändern. Wenn er J.C. mitteilt, dass er nicht bereit ist, das Baby zu behalten, tut er das mit der Selbstverständlichkeit eines Managers, der eine Geschäftsentscheidung kommuniziert. Ramis spielt das ohne jeden Überdruck – und das macht es umso treffender.


Sam Shepard als Dr. Jeff Cooper


Sam Shepard, der Pulitzer-Preisträger und Theaterlegende, der im Kino Rollen mit einer erdigen, schweigsamen Männlichkeit belegte, ist als Tierarzt Jeff Cooper das perfekte Gegenstück zu allem, was J.C. aus New York kennt. Er will nichts von ihr – keinen Netzwerkkontakt, keine Karrierestrategie, keine Aufführung von Beeindrucktsein. Er begegnet ihr mit ruhiger Neugier, und genau das bringt sie aus dem Gleichgewicht. Shepard ist sparsam im Ausdruck und umso wirkungsvoller in den Momenten, in denen er spricht. Die Chemie zwischen ihm und Keaton ist glaubwürdig und unverkrampft – zwei Leute, die sich überraschenderweise finden, ohne dass der Film daraus ein Spektakel macht.


James Spader als Ken Arrenberg


In einer kleinen, aber einprägsamen Nebenrolle ist der junge James Spader zu sehen – damals noch am Beginn seiner Karriere, weit vor The Blacklist und den großen Charakterrollen, die ihn später definieren sollten. Er spielt einen aalglatt-ambitionierten Unternehmensmann mit genau dem Maß an unangenehmer Selbstgefälligkeit, das er später in seiner Karriere zu einem Markenzeichen verfeinern würde. Wenige Szenen, große Wirkung.


Regie und Drehbuch


Charles Shyer führte das Regie-Handwerk hier mit sicherem Gespür für komödiantisches Timing, auch wenn sein Instinkt gelegentlich ins Sentimentale kippt. Das Drehbuch, das er gemeinsam mit seiner damaligen Frau Nancy Meyers schrieb, hat die Fingerabdrücke beider deutlich sichtbar: die scharfe Beobachtungsgabe für gesellschaftliche Widersprüche einerseits, die Warmherzigkeit und die romantische Auflösung andererseits. Wer Meyers' spätere Arbeiten – Was Frauen wollen, Etwas anderes als Liebe, Teuflisch verliebt – kennt, erkennt hier ihre Handschrift in ihrer frühen Form.


Der Film ist ehrlich genug, um J.C.s Geschichte nicht als bitteres Opfer zu erzählen: Sie verliert etwas – ihren alten Traum – und gewinnt etwas anderes. Ob das ein feministisches Statement oder ein Zugeständnis an Hollywoodkonventionen ist, darüber lässt sich streiten. Beides ist ein bisschen wahr.


Die Blu-ray von One Gate Media


One Gate Media veröffentlicht Baby Boom am 30. April als Blu-ray-Neuauflage – und bietet damit für Fans und Neuentdecker gleichermaßen die Möglichkeit, diesen Klassiker endlich in zeitgemäßer Bildqualität zu erleben. Zu einem Preis im erschwinglichen Einstiegssegment ist das eine faire und herzlich willkommene Veröffentlichung für einen Film, der es verdient, nicht in der DVD-Schublade zu verstauben.


Fazit


Baby Boom ist kein perfekter Film. Er ist manchmal zu brav, wo er beißender sein könnte, und zu wohlig, wo echte Reibung nötig wäre. Aber er ist aufrichtig – in seiner Komik, in seiner Zuneigung zu seiner Hauptfigur und in seiner Überzeugung, dass das Leben dann interessant wird, wenn Pläne nicht aufgehen. Und er hat Diane Keaton in einer Bestform, die jeden Einwand übertönt.


Wer den Film kennt, freut sich auf die Wiederbegegnung. Wer ihn noch nicht gesehen hat, findet mit der neuen Blu-ray von One Gate Media den perfekten Einstieg.