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Spider-Man: Tödliche Tentakel

Rezension: Spider-Man – Tödliche Tentakel


Zeb Wells, Ed McGuinness, John Romita Jr. u. a. | Panini Comics


Jubiläumsausgaben haben in der Comicwelt einen besonderen Ruf – sie sollen groß sein, bedeutsam, unvergesslich. Mit Tödliche Tentakel rund um die US-Ausgabe Amazing Spider-Man #925 liefert das Kreativteam um Autor Zeb Wells und die Zeichner Ed McGuinness sowie John Romita Jr. tatsächlich ein Paket, das diesen Anspruch zumindest teilweise einlöst.
Im Mittelpunkt steht ein klassisches Duell: Spider-Man gegen Doctor Octopus. Otto Octavius, das schurkische Genie mit den mechanischen Greifarmen, rüstet auf. Seine neuen Hightech-Tentakel sind gefährlicher als je zuvor, und der Konflikt eskaliert schnell, als auch Norman Osborn ins Visier gerät. Wer die langjährige Geschichte dieser Figuren kennt, weiß, dass sich hier gewaltige Spannungsfelder entladen können – und Wells nutzt dieses Potential mit sicherem Gespür für Tempo und Dramaturgie. Die Action-Sequenzen sind wuchtig, dynamisch und mitreißend, ohne dabei in bloßes Spektakel abzugleiten.


Doch Tödliche Tentakel beschränkt sich erfreulicherweise nicht auf das reine Kräftemessen. Eine der reizvollsten Nebenhandlungen dreht sich um J. Jonah Jameson, der ausgerechnet versucht, die alten Tentakelarme von Doc Ock zu bewahren. Das klingt absurd – und ist es auch, auf die beste Art. Solche Momente zeigen, warum Spider-Man als Comicserie seit Jahrzehnten funktioniert: weil sie den Wahnsinn des Superhelden-Alltags mit echter menschlicher Komödie verwebt.


Hinzu kommt die Hochzeit von Randy Robertson und Janice Lincoln, Tochter des Gangsterbosses Tombstone. Was zunächst wie eine nette Randnotiz wirkt, entpuppt sich als überraschend emotionaler Anker des Bandes. Hier schlägt das Herz von Peter Parkers Welt – Freundschaft, Familie, der ständige Versuch, ein normales Leben zu führen, während die nächste Katastrophe bereits vor der Tür wartet. Dass dieser Subplot trotz des actionreichen Rahmens nicht untergeht, spricht für Wells' Fähigkeit, mehrere Erzählstränge gleichzeitig in der Luft zu halten.


Zeichnerisch bietet der Band eine interessante Mischung. Ed McGuinness bringt seinen charakteristisch kraftvollen, rundlich-muskulösen Stil mit, der Fights eine fast cartoonhafte Energie verleiht – das funktioniert hier ausgezeichnet. John Romita Jr., eine lebende Legende des Spider-Man-Comics, steuert Seiten bei, die von Erfahrung und Instinkt geprägt sind. Der Wechsel zwischen verschiedenen Zeichnern, wie bei Jubiläumsbänden üblich, ist spürbar, stört aber den Lesefluss weniger als befürchtet.


Kleine Abstriche gibt es dennoch. Wer nicht bereits mit den laufenden Handlungsfäden von Zeb Wells' Spider-Man-Run vertraut ist, dürfte an mancher Stelle leichte Orientierungslosigkeit verspüren. Einige Subplot-Entwicklungen setzen Vorwissen voraus, das im Band selbst nicht ausreichend aufgebaut wird. Für Einsteiger ist Tödliche Tentakel daher nur bedingt geeignet – als Teil einer laufenden Lektüre hingegen macht der Band vieles richtig.


Insgesamt ist dieser Band ein solides, kurzweiliges Stück Mainstream-Superhelden-Comic mit echten Höhepunkten: einem bösartig gut aufgelegten Doctor Octopus, warmherzigen Momenten abseits der Action und dem verlässlich guten Gespür des Teams für das Wesen dieser Figur, die seit über 60 Jahren Generationen von Lesern begeistert.


Fazit: 

Für Spider-Man-Fans, die Wells' laufenden Run verfolgen, ein lohnender und stimmungsvoller Jubiläumsband. Für Neulinge empfiehlt sich zunächst ein Blick in frühere Sammelausgaben dieser Serie.