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Es gibt Romane, die so tief in die Seele ihres Landes und ihrer Zeit hineinleuchten, dass man lange zweifeln kann, ob sie überhaupt verfilmbar sind. Max Frischs „Stiller" aus dem Jahr 1954 gehört zweifellos dazu. Der große Schweizer Gesellschafts- und Identitätsroman, der die Frage „Wer bin ich wirklich?" mit einer philosophischen Konsequenz verfolgt, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat, war lange ein vermeintlich unverfilmbares Werk – zu sehr im Innenleben seiner Figuren verwurzelt, zu sehr auf den präzisen Rhythmus der Sprache angewiesen, zu komplex in seiner Schichtung aus Gegenwart, Erinnerung und Selbstbetrug. Dass die vorliegende Verfilmung, nun auf Blu-ray bei Arthaus erhältlich, diesen Stoff nicht nur angeht, sondern ihm auf erstaunliche Weise gerecht wird, ist das Verdienst eines Films, der seinen literarischen Vorwurf ernst nimmt, ohne ihn zu illustrieren, und der die großen Fragen des Romans in die Gegenwart übersetzt, ohne sie dabei zu verkleinern.


Die Ausgangssituation ist so einfach wie sie rätselhaft ist. Ein Mann namens James Larkin White wird bei einer Zugreise durch die Schweiz an der Grenze festgenommen. Der Vorwurf der Behörden: Er sei in Wirklichkeit der Bildhauer Anatol Stiller, der vor sieben Jahren spurlos verschwunden ist und der wegen seiner Verwicklung in eine dubiose politische Affäre gesucht wird. White bestreitet dies mit aller Entschiedenheit. Er sei nicht Stiller, er kenne diesen Mann nicht, er habe mit der Schweiz, mit diesem Leben und diesen Menschen nichts zu tun. Und so beginnt ein Verfahren, das weniger einem klassischen Kriminalfall ähnelt als einem kafkaesken Prozess, in dem nicht Schuld oder Unschuld verhandelt werden, sondern die Frage nach Identität selbst – wer jemand ist, wer jemand war und wer jemand sein will.


Was diesen Stoff so unerschöpflich macht, ist die Tatsache, dass Frisch keine einfache Antwort zulässt. Die Frage, ob White tatsächlich Stiller ist, bleibt lange offen und wird vom Film mit kluger Zurückhaltung behandelt. Denn die eigentlich interessante Frage ist nicht die juristische, sondern die existenzielle: Was bedeutet es, jemand zu sein? Kann man eine Identität ablegen wie einen alten Mantel? Kann man sich selbst entkommen – und wenn ja, wohin? Diese Fragen, die Frisch in seinem Roman mit fast schmerzhafter Präzision durcharbeitet, finden in der Verfilmung eine filmische Sprache, die ihnen würdig ist. Die Schweizer Landschaft, in der der Film spielt, ist dabei weit mehr als Kulisse – sie ist Mitakteur, kalt und schön zugleich, unverrückbar und stumm, eine Welt, die keine Ausreden kennt und keine Fluchten erlaubt.


Das Herzstück des Films ist das Spiel seiner beiden Hauptdarsteller, und hier kann man schlicht von Glück sprechen. Albrecht Schuch, der sich in den vergangenen Jahren als einer der vielseitigsten und mutigsten Schauspieler des deutschsprachigen Kinos etabliert hat, trägt die Hauptlast einer nahezu unmöglichen Rolle. Sein White – oder Stiller, je nachdem, wen man fragt – ist eine Figur, die gleichzeitig beharrt und zweifelt, die laut bestreitet und im nächsten Moment durch einen Blick, eine Geste, einen Moment der Stille verrät, dass unter der Oberfläche der Verleugnung etwas liegt, das sich nicht so leicht wegdefinieren lässt. Schuch spielt das mit einer Intensität und gleichzeitigen Ungreifbarkeit, die den Zuschauer in einem permanenten Zustand des Abwägens hält. Man glaubt ihm – und glaubt ihm nicht. Man versteht ihn – und bleibt auf Abstand. Das ist keine Schwäche der Darstellung, sondern ihre eigentliche Leistung.


Paula Beer als Julika, Stillers Frau, ist die andere Achse des Films und gibt ihr eine Tiefe, die über die reine Funktion der Identifikationszeugin weit hinausgeht. Julika ist keine Figur, die einfach einordnet und entscheidet. Sie ist selbst gefangen – in einer Ehe, deren Geschichte sie genauso wenig vollständig versteht wie ihr Mann, in einer Liebe, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet, und in der Unmöglichkeit, einem Menschen gegenüberzustehen und nicht sicher zu sein, ob man ihn kennt. Beer spielt diese innere Zerrissenheit mit einer Zurückhaltung, die umso wirkungsvoller ist, weil sie nie in Auflösung mündet. Auch sie hält die Ambiguität aus – und hält damit den Zuschauer in der Schwebe, wo er hingehört.


Die Konstellation wird durch die Figur des Staatsanwalts erweitert, der seinerseits eine überraschende Verbindung zu dem Verschwundenen unterhält und damit das moralische Koordinatensystem des Films weiter verschiebt. Denn auch er ist keine eindeutige Instanz der Ordnung, sondern ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, eigenen Verstrickungen und eigenen ungelösten Fragen. In seiner Präsenz wird deutlich, dass „Stiller" kein Film über einen einzelnen Menschen in einer Ausnahmesituation ist, sondern über eine Gesellschaft, in der niemand vollständig außerhalb der Verstrickungen steht, die er zu beurteilen vorgibt.


Handwerklich bewegt sich der Film auf hohem Niveau. Die Kameraarbeit nutzt die Schweizer Landschaft und die Enge der Verhörzimmer gleichermaßen klug aus – Weite und Enge, Freiheit und Einschließung, das sind die visuellen Pole, zwischen denen sich die Geschichte entfaltet. Der Schnitt hält das richtige Tempo: langsam genug, um Nachdenken zu ermöglichen, straff genug, um nie in Kontemplation zu versinken. Die Musik ordnet sich dem Film unter, ohne sich aufzudrängen, und lässt den Dialogen und Stille den Raum, den sie brauchen.


Die Blu-ray-Veröffentlichung von Arthaus tut dem Film alle Ehre. Das Label, das seit Jahren für eine sorgfältige Pflege des anspruchsvollen europäischen Kinos steht, präsentiert „Stiller" in einer Bildqualität, die die visuelle Sorgfalt der Produktion vollständig zur Geltung bringt. Kontraste, Farben und Schärfe überzeugen, und auch der Ton ist tadellos abgemischt. Damit ist diese Veröffentlichung nicht nur für den Erstkauf empfehlenswert, sondern auch für alle, die den Film bereits kennen und ihn in bestmöglicher Qualität im Regal haben möchten.


Was bleibt, ist ein Film, der die seltene Fähigkeit besitzt, seinen literarischen Ursprung zu respektieren und gleichzeitig eigenständig zu sein. Er illustriert Frisch nicht, er übersetzt ihn – in Bilder, Blicke, Pausen und eine Atmosphäre, die die Fragen des Romans weiterträgt, ohne auf seine sprachliche Form angewiesen zu sein. Das ist eine Leistung, die im deutschsprachigen Literaturkino alles andere als selbstverständlich ist, und die „Stiller" zu einem der bemerkenswertesten Adaptionsversuche der jüngeren Zeit macht.


Fazit: 

„Stiller" ist anspruchsvolles Kino im besten Sinne – ein Film, der seinen Zuschauern etwas zutraut, der Fragen aufwirft, ohne sie aufzulösen, und der mit zwei herausragenden Hauptdarstellern einen der großen Romane der deutschsprachigen Literatur in die Gegenwart holt. Paula Beer und Albrecht Schuch tragen diesen Film mit einer Energie und Präzision, die man so schnell nicht vergisst. Arthaus hat mit dieser Blu-ray-Veröffentlichung einmal mehr bewiesen, dass sie die richtige Heimat für Filme dieser Art sind. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die Kino als Denkraum schätzen – und für alle, die Frischs Roman lieben und sehen möchten, was eine mutige Verfilmung aus ihm machen kann.