Rezension: Jacob Eder – Jenseits der Staatsräson. Erinnerung, Antisemitismus und der Nahostkonflikt in Deutschland
Droemer Verlag, 304 Seiten, 22,00 Euro
Ein Buch zur richtigen Zeit
Es gibt Bücher, die man sich früher gewünscht hätte. Jacob Eders "Jenseits der Staatsräson" ist eines davon. Nach den Terroranschlägen der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 trat in Deutschland an vielen Stellen Antisemitismus offen zutage – in Worten und Taten. Was folgte, war eine Debatte, die Deutschland in vielen Teilen überforderte: Wie hält man Solidarität mit Israel aufrecht, wenn die Bilder aus Gaza auf den Straßen demonstrierende Massen mobilisieren? Wie erklärt man Antisemitismus in einer Einwanderungsgesellschaft, in der nicht alle die gleiche Geschichte mitbringen? Und wie steht es wirklich um das deutsche Versprechen des "Nie wieder"?
Jacob Eder, Zeithistoriker und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Barenboim-Said Akademie in Berlin, liefert auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Aber er stellt sie mit einer Schärfe und historischen Tiefe, die dem Thema angemessen ist.
Der Autor und sein Hintergrund
Eder ist kein unbeschriebenes Blatt. Seine Doktorarbeit über das Verhältnis von bundesrepublikanischer und US-amerikanischer Holocaust-Erinnerung, an der University of Pennsylvania entstanden und mehrfach ausgezeichnet, erschien 2020 auf Deutsch unter dem Titel "Holocaust-Angst". Bereits damals analysierte er, wie westdeutsche Akteure versuchten, das Deutschlandbild im Ausland zu steuern und die Erinnerung an den Holocaust zu kontrollieren. Mit "Jenseits der Staatsräson" weitet er diese Perspektive in die Gegenwart aus und zieht eine bittere Bilanz.
Besonders bemerkenswert ist die institutionelle Position des Autors: Die Barenboim-Said Akademie bildet junge Musikerinnen und Musiker vorwiegend aus dem Nahen Osten aus. Eder ist also täglich mit jenem interkulturellen und internationalen Spannungsfeld konfrontiert, über das er schreibt. Das verleiht seinem Buch eine besondere Glaubwürdigkeit, die über rein akademische Expertise hinausgeht.
Die zentrale These: Vom Weltmeister zum Versager
Der Untertitel des Buches lautet im Klartext: "Wie der Holocaust-Erinnerungsweltmeister im Kampf gegen Antisemitismus versagt." Das ist eine harte Diagnose, und Eder belegt sie sorgfältig. Seine Grundthese ist, dass Deutschland sich in seiner Selbstwahrnehmung als mustergültige Erinnerungsnation zu bequem eingerichtet hat. Dabei hat die Politik weitgehend ignoriert, wie sich die Gesellschaft im Laufe der Jahrzehnte verändert hat: Der biografische Abstand zum Holocaust wächst, die Bevölkerung ist durch Einwanderung deutlich heterogener geworden, und das kollektive Gedächtnis, das einst von Zeitzeugen und deren Nachkommen getragen wurde, löst sich zunehmend auf.
Das ist der Kern des Buches: Deutschland hat eine Erinnerungskultur aufgebaut, die institutionell beeindruckend ist, aber zunehmend an der gesellschaftlichen Realität vorbeigeht. Gedenkstätten wurden errichtet, Gedenktage eingeführt, Mahnmale gebaut. Doch die Gesellschaft, die diese Rituale vollzieht, hat sich grundlegend verändert. Menschen, deren Familien aus der Türkei, dem Nahen Osten, aus Afrika oder Osteuropa eingewandert sind, teilen nicht automatisch die deutsche Nachkriegserzählung. Sie bringen eigene Geschichten, eigene Traumata, eigene politische Bezüge mit.
Erinnerung ohne Wirkung
Erinnerung allein, so Eders Befund, schützt nicht vor Geschichtsvergessenheit und Revisionismus. Dieser Gedanke klingt zunächst einfach, ist aber eine schwerwiegende Anklage. Er bedeutet: All die Millionen Euro, die in Gedenkstätten, Bildungsprogramme und Institutionen geflossen sind, haben ihr eigentliches Ziel – die Bekämpfung von Antisemitismus – verfehlt oder zumindest nicht ausreichend erreicht.
Eder zeigt, wie die deutsche Erinnerungspolitik in eine Art rituellen Selbstbezug verfallen ist. Man erinnert, weil man erinnern muss. Man gedenkt, weil das Gedenken zur staatlichen Pflicht geworden ist. Aber die Verbindung zwischen diesem institutionalisierten Gedenken und dem tatsächlichen Bewusstsein in der Bevölkerung ist brüchiger geworden, als die politisch Verantwortlichen wahrhaben wollen. Das Gedenken hat sich selbst genug, und genau das ist das Problem.
Das Problem des internationalen Kontexts
Ein besonders wichtiger Aspekt des Buches betrifft die internationale Dimension. Eder argumentiert überzeugend, dass die deutsche Debatte über Antisemitismus lange Zeit zu sehr auf das nationale Erbe fixiert war und den globalen Kontext vernachlässigt hat. Antisemitismus kommt nicht nur aus der deutschen Geschichte. Er speist sich auch aus islamistischen Ideologien, aus antiisraelischen Verschwörungstheorien, aus einem politischen Antizionismus, der die Grenze zum Judenhass oft überschreitet.
Eders These ist deshalb: Nur wenn die deutsche Erinnerungspolitik sich von ihren starren Ritualen löst und anerkennt, dass Debatten über Antisemitismus zwingend auch im internationalen Rahmen geführt werden müssen, kann das Land dem Versprechen des "Nie wieder" wirklich gerecht werden – und sein Verhältnis zu Israel auf einer ehrlicheren Grundlage neu bestimmen.
Das ist ein kluger und wichtiger Gedanke. Deutschland neigt dazu, Antisemitismus primär als deutsches Problem zu behandeln, als eine Art Erbsünde der nationalen Geschichte. Diese Perspektive wird dem Phänomen aber nicht mehr gerecht, wenn ein erheblicher Teil des gegenwärtigen Antisemitismus aus gänzlich anderen kulturellen und politischen Quellen stammt.
Das Verhältnis zu Israel
Ein weiteres zentrales Thema ist das deutsch-israelische Verhältnis. Die sogenannte Staatsräson – die Formel, nach der die Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsräson sei – steht im Titel des Buches, aber das Buch fragt, was diese Formel eigentlich wert ist. Ist sie mehr als eine politische Geste? Wird sie mit Leben gefüllt, wenn es wirklich darauf ankommt?
Eder betrachtet kritisch, wie Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 tatsächlich reagiert hat: die Spannungen in der Kulturszene, die Debatten um Fördergelder und Redefreiheit, die Straßenproteste, die teils offen antisemitische Züge trugen. Das Fazit ist ernüchternd: Die Staatsräson als Bekenntnis hat in der Praxis eine Menge Risse bekommen.
Dabei geht es Eder nicht darum, jeden Kritiker israelischer Politik als Antisemiten zu brandmarken. Sein Argument ist differenzierter: Es geht um die Bereitschaft, Antisemitismus auch dort zu erkennen und zu benennen, wo er unbequem ist – in der eigenen politischen Mitte, in linken Milieus, in religiösen Gemeinschaften, die bisher vor allem als schutzbedürftige Minderheiten wahrgenommen wurden.
Stärken des Buches
Das Buch überzeugt auf mehreren Ebenen. Erstens ist es historisch fundiert. Eder weiß, wovon er spricht, und er belegt seine Thesen mit konkreten Beispielen und Analysen, ohne dabei in akademische Schwerfälligkeit zu verfallen. Zweitens ist es mutig. Es benennt Missstände, die in der deutschen Debatte oft beschönigt oder umgangen werden. Drittens ist es verständlich geschrieben. Eder schreibt als Wissenschaftler, der sein Publikum nicht durch Fachjargon ausgrenzen will. Das Buch ist für eine breite Öffentlichkeit zugänglich, ohne dabei an analytischer Tiefe zu verlieren.
Besonders stark sind die Passagen, in denen Eder zeigt, wie sehr die deutsche Selbstwahrnehmung als vorbildliche Erinnerungsnation von der Außenwahrnehmung abweicht – und wie wenig die rituellen Formen des Gedenkens mit dem gelebten Alltag in einer pluralen Gesellschaft korrespondieren.
Grenzen und Einwände
Kein Buch ist ohne Schwächen, und "Jenseits der Staatsräson" ist keine Ausnahme. Wer eine detaillierte politikwissenschaftliche Analyse oder eine umfassende Bestandsaufnahme der deutschen Antisemitismusforschung erwartet, wird feststellen, dass Eder eher ein engagiertes historisches Essay schreibt als eine akademische Monografie. Das ist keine Kritik im eigentlichen Sinne, sondern eine Einordnung: Das Buch will in die öffentliche Debatte eingreifen, nicht in erster Linie die Forschung vorantreiben.
Manchen Leserinnen und Lesern könnte der Blickwinkel zudem zu stark auf staatliche und institutionelle Akteure gerichtet erscheinen. Die zivilgesellschaftliche Ebene – die vielen Initiativen, Bildungsprojekte und Einzelpersonen, die sich jenseits des staatlichen Rahmens um Antisemitismusprävention bemühen – kommt etwas kurz. Ebenso könnte man fragen, ob die Diagnose des Scheiterns an manchen Stellen nicht zu pauschal ausfällt.
Einordnung und Bedeutung
"Jenseits der Staatsräson" erscheint zu einem Zeitpunkt, da Deutschland dringend eine ehrliche Debatte über seine Erinnerungskultur und seinen Umgang mit Antisemitismus braucht. Die alten Formeln tragen nicht mehr. Die Gesellschaft ist diverser geworden, die Bedrohungen für jüdisches Leben in Deutschland sind komplexer und kommen aus mehr Richtungen als früher.
Eder trägt zu dieser Debatte einen wichtigen Beitrag bei. Er erinnert daran, dass gute Absichten und beeindruckende Institutionen kein Ersatz für kritisches Nachdenken sind. Dass "Nie wieder" nicht nur ein Gedenkritual ist, sondern eine politische Verpflichtung, die täglich neu eingelöst werden muss. Und dass Deutschland, wenn es seinen Anspruch als Erinnerungsweltmeister ernst nehmen will, bereit sein muss, auch die unbequemen Fragen zu stellen – und auszuhalten.
Fazit
"Jenseits der Staatsräson" ist ein notwendiges Buch. Es ist kein leichtes Buch, nicht weil es schwer zu lesen wäre, sondern weil es von einem Land verlangt, das eigene Selbstbild zu hinterfragen. Jacob Eder schreibt mit historischem Wissen, analytischer Schärfe und einer Dringlichkeit, die dem Thema entspricht. Wer verstehen will, warum Deutschland trotz aller Gedenkkultur im Kampf gegen Antisemitismus so oft versagt, sollte dieses Buch lesen. Und wer daran zweifelt, dass es dieses Versagen gibt, sollte es erst recht lesen.
Empfehlung: Unbedingt lesen – besonders für alle, die sich mit der deutschen Erinnerungskultur, dem Nahostkonflikt in Deutschland oder dem Phänomen des modernen Antisemitismus beschäftigen.