Zwölf Jahre nach dem überaus erfolgreichen ersten Teil bringt Regisseur Philipp Stölzl die Fortsetzung des mittelalterlichen Abenteuerfilms auf die Leinwand - und nun, mit der Blu-ray-Veröffentlichung über Constantin Film im Vertrieb von Leonine, auch in die Heimkinos. Der Medicus 2 ist ein ambitioniertes, opulent ausgestattetes Historienspektakel mit echten Stärken und einigen strukturellen Schwächen, das dennoch kurzweilig unterhält und das Versprechen des Vorgängers in Teilen einlöst.
Zur Entstehungsgeschichte: Der erste Medicus-Film aus dem Jahr 2013, basierend auf Noah Gordons gleichnamigem Weltbestseller von 1986, war trotz gemischter Kritiken ein riesiger Publikumserfolg. Mehr als dreieinhalb Millionen Zuschauer sahen damals den jungen Rob Cole bei seiner Reise von England in den Orient, um in Isfahan die fortschrittliche arabische Heilkunst zu erlernen. Nun knüpft Stölzl mit einem vollständig eigenständig entwickelten Drehbuch an - nicht etwa als Verfilmung der beiden Folgebände Gordons, sondern als originäre Fortsetzung, verfasst von Jan Berger, Caroline Bruckner, Stewart Harcourt und Stölzl selbst. Das ist eine wichtige Vorabinformation für alle, die mit den Romanen vertraut sind: Die Geschichte des Films geht eigene Wege.
Die Handlung setzt unmittelbar nach dem Ende des ersten Teils ein. Im Jahr 1052 flieht Rob Cole (Tom Payne) zusammen mit seinen Gefährten, darunter den arabischen Ärzten Abu (Malick Bauer) und Izak (Jaouhar Ben Ayed), aus Isfahan. Nach einer stürmischen Seereise, die den Film gleich zu Beginn mit einer packenden Actionsequenz eröffnet, stranden sie in London. Dort will Cole sein in Persien erworbenes medizinisches Wissen verbreiten und die rückständige, auf Aberglauben beruhende Heilkunde des mittelalterlichen Englands herausfordern. Doch die etablierte Ärztegilde unter dem rivalisierenden Physician Hunne (Aidan Gillen) sieht ihre wirtschaftliche Machtstellung bedroht und sperrt dem Medicus und seinen Gefährten die Tätigkeit in der Stadt. Als jedoch König Knut (Liam Cunningham) persönlich an Cole herantritt, um Hilfe für seine von Wahnvorstellungen und Depressionen geplagte Tochter zu erbitten, öffnet sich Rob eine neue Tür - in die Welt der Seelenheilungen und der menschlichen Psyche, eine Herausforderung, für die die Medizin seiner Zeit keinerlei Antworten bereithält. Dazu kommen die Intrigen des Königshauses, in die auch Mercier (Emily Cox) als undurchsichtige Gattin des Königs verstrickt ist.
Der thematische Kern - die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen im mittelalterlichen England - ist das Mutigste und Interessanteste, was der Film zu bieten hat. Dass ein Arzt des 11. Jahrhunderts beginnt, Seelenleiden nicht als Teufelswerk, sondern als behandelbare Zustände zu begreifen, ist dramaturgisch fruchtbarer Boden. Und tatsächlich gelingt es dem Film in der ersten Hälfte, dieses Potenzial anzuzapfen und dem Zuschauer das Gefühl zu geben, Zeuge eines echten gedanklichen Aufbruchs zu sein. Leider verliert das Drehbuch diesen medizinischen Faden in der zweiten Hälfte zunehmend aus den Augen und verlagert das Gewicht auf politische Intrigen und Figurenkonflikte, die nicht alle gleich gut entwickelt sind.
Das größte Kapital des Films ist, wie schon beim Vorgänger, seine visuelle Kraft. Das für eine deutsche Produktion außergewöhnliche Budget - Schätzungen sprechen von rund 20 Millionen Euro - ist auf der Leinwand klar zu spüren. Kameramann Frank Griebe, bekannt aus den Arbeiten mit Tom Tykwer, liefert wuchtige, stimmungsvolle Bilder. Das Production Design von Pater Sparrow und die Kostüme von Julia Szlávik sind auf Hollywood-Niveau, und die Drehorte - hauptsächlich in Ungarn, ergänzt durch Aufnahmen in Köln, Berlin und an der Ostseeküste bei Grömitz - ergeben ein glaubwürdiges, atmosphärisch dichtes mittelalterliches England. Wer den Film auf Blu-ray betrachtet, wird von der Bildqualität profitieren: Das 1080p-Bild im Cinemascope-Format 2,39:1 stellt die Produktionsausstattung eindrucksvoll zur Geltung. Der Ton liegt in Deutsch und Englisch in Dolby Atmos vor - eine vollwertige Heimkino-Präsentation.
Tom Payne knüpft mühelos an seine Leistung von 2013 an und verleiht Rob Cole die nötige Mischung aus Entschlossenheit, Verwundbarkeit und intellektuellem Feuer. Stärker noch als er sind einige der Nebenfiguren: Aidan Gillen als eiskalt kalkulierender Rivale Hunne ist der überzeugendste Antagonist des Films, und Liam Cunningham verleiht dem König eine nachdenkliche Würde, die weit über eine bloße Randrolle hinausgeht. Anne Ratte-Polle als Königin Aemma hinterlässt trotz begrenzter Leinwandzeit einen bleibenden Eindruck. Emily Cox dagegen bekommt als Mercia nicht genug Raum, um der Figur das nötige Gewicht zu geben - eine der verpassten Chancen des Films.
Ein Kritikpunkt, den mehrere Fachkritiken ansprechen und dem man sich kaum verschließen kann: Die Synchronisation leidet. Der Film wurde englischsprachig gedreht und deutsch synchronisiert, und diese Nachbearbeitung fällt im direkten Vergleich mit dem Originaldub merklich hinter die Bildqualität zurück. Wer des Englischen mächtig ist, dem sei die Originaltonspur empfohlen.
Dramaturgisch wiederholt der Film manche Schwächen seines Vorgängers. Zu viele Figuren bleiben an der Oberfläche, zu viele Handlungsstränge werden angedeutet und nicht vollständig zu Ende gedacht. Der unruhige Schauplatzwechsel, der einerseits für Abwechslung sorgt, verhindert andererseits, dass einzelne Momente wirklich atmen können. Das Gefühl der Weitläufigkeit, das das mittelalterliche Setting eigentlich hervorrufen könnte, stellt sich nicht immer ein.
Die Blu-ray von Leonine enthält als Bonusmaterial Interviews mit Cast und Crew, einen Premieren-Clip sowie B-Roll-Material vom Set - kein üppiges Bonusmaterial, aber solide für ein Standard-Release ohne Collector's Edition.
Fazit:
Der Medicus 2 ist ein unterhaltsames, aufwendig produziertes Historienspektakel, das seinen mutigsten thematischen Ansatz - die Entstehung der Psychologie im Mittelalter - leider nicht konsequent genug verfolgt. Als Kinofilm war er ein ordentlicher Publikumserfolg, der Fans des ersten Teils zufriedenstellte. Als Blu-ray bietet Leonine eine technisch ansprechende Heimkinopräsentation mit sehr gutem Bild und Dolby-Atmos-Ton. Wer große Mittelalterspektakel mag, historisch inspirierten Abenteuern zugetan ist und den ersten Teil genossen hat, wird auch mit Teil zwei seine Freude haben. Wer dagegen ein dramaturgisch wasserdichtes Sequel erwartet, das alle Potenziale seines Themas ausschöpft, könnte am Ende etwas unbefriedigt zurückbleiben. Empfehlenswert mit Einschränkungen - aber als Heimkino-Abend ein würdiges Schaustück.