Nextgengamersnet
Games, Movies and more
 
 
 


Ein Grill. Zwei Grills. Eine Gesellschaft, die sich daran entzündet. „Extrawurst" ist eine dieser seltenen deutschen Komödien, die sich trauen, dorthin zu gehen, wo es wirklich wehtut – in die Vereinssitzung, in den Freundeskreis, in die gutbürgerliche Mitte, die sich für aufgeklärt hält und dabei nicht merkt, wie viele ihrer Reflexe alles andere als aufgeklärt sind. Marcus H. Rosenmüller, bekannt für Volkskomödien mit Substanz, inszeniert das erfolgreiche Theaterstück als Kammerspiel mit Kinoformat – und trifft damit einen Nerv, der in der deutschen Gesellschaft noch lange nicht verheilt ist.


Vom Theaterstück zur Leinwand


Die Vorlage ist ein Bühnenwerk, und das merkt man – im besten Sinne. Die Handlung spielt sich überwiegend in einem einzigen Raum ab, die Figurenkonstellation ist überschaubar, und die Dramaturgie lebt von Eskalation und Wortwitz statt von Schauplatzwechseln und Actionsequenzen. Rosenmüller gelingt es, diese Bühnennähe nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu nutzen: Die Enge des Raumes spiegelt die Enge der Gedanken wider. Die Kamera beobachtet, verfolgt, schwitzt mit – und lässt den Figuren genug Raum, sich selbst zu demontieren.


Die Kinoadaption atmet, ohne die theatralische Schlagfertigkeit des Originals zu opfern. Wer das Stück kennt, wird die Übertragung als gelungen empfinden. Wer es nicht kennt, merkt gar nicht, dass hier eine Bühnenvorlage zugrunde liegt.


Das Ensemble – ein Glücksfall


Der eigentliche Star von „Extrawurst" ist das Ensemble, und selten hat ein deutscher Film eine derart präzise besetzte Riege aufgeboten.


Hape Kerkeling als Vereinsvorsitzender Heribert ist eine Offenbarung. Er spielt den Mann, der glaubt, alles im Griff zu haben, mit einer jovialen Gemütlichkeit, hinter der sich purer Opportunismus verbirgt. Kerkeling verzichtet auf jeden Slapstick-Reflex und liefert stattdessen subtile Komik – ein Zucken hier, eine Pause dort, ein Lächeln, das einen Tick zu lange hält. Man lacht über Heribert, aber man erkennt ihn auch. Das ist die unangenehme Qualität seiner Darbietung.


Christoph Maria Herbst als Werbetexter Torsten ist das Gegenstück: laut, selbstgewiss, immer mit dem richtigen Progressivitätsvokabular bewaffnet – und dabei so blind für seine eigene Überheblichkeit wie nur möglich. Dass Herbst und Kerkeling hier zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera standen, ist kaum zu glauben. Die beiden spielen gegeneinander wie ein eingespieltes Duo, das den jeweils anderen instinktiv kennt. Ihre Szenen zusammen gehören zu den stärksten des Films.


Friedrich Mücke als ehrgeiziger Vize Matthias gibt dem Film seinen politischen Unterton: der Karrierist, dem das Thema egal ist, solange er dabei gut aussieht. Anja Knauer als Torstens Frau liefert den moralischen Auslöser der Geschichte mit ruhiger Überzeugung, und Fahri Yardim – als muslimischer Doppelpartner, um dessen kulinarische Bedürfnisse sich der gesamte Wahnsinn dreht – spielt seine undankbare Rolle als Projektionsfläche aller anderen mit entwaffnender Würde und trockenem Humor.


Der Stoff, aus dem Debatten sind


Was „Extrawurst" so sehenswert macht, ist seine Weigerung, eine einfache Seite zu haben. Es gibt hier keinen erleuchteten Helden und keine Schablonen-Schurken. Jede Figur ist gleichzeitig Täter und Opfer ihrer eigenen Weltanschauung. Der Atheist, der Religion grundsätzlich für rückständig hält. Der Gutmensch, dessen Toleranz aufhört, wo es unbequem wird. Der Pragmatiker, dem Frieden mehr bedeutet als Gerechtigkeit. Der Konservative, der seine Ressentiments in Vereinsstatuten verpackt.


Rosenmüller und das Drehbuch lassen alle Figuren ausreden – und lassen sie dabei alle gleichzeitig scheitern. Das ist mutig und kluger Komödienstoff. Die Lacher sitzen fest, aber sie hinterlassen ein leises Unbehagen, weil man sich ertappt fühlt. Irgendeine dieser Figuren sitzt in jedem von uns. Welche das ist, muss jeder selbst herausfinden.


Das Thema – Integration, religiöse Rücksichtnahme, kulturelle Identität – ist dabei so aktuell wie eh und je. „Extrawurst" hat nichts von seiner Brisanz verloren und wirkt an keiner Stelle didaktisch oder belehrend. Der Film vertraut seinem Publikum, selbst zu denken. Das ist mehr, als viele deutsche Komödien leisten.


Die Blu-ray von Studiocanal


Studiocanal liefert eine solide Blu-ray-Veröffentlichung. Das Bild ist klar und kontrastreich – für ein überwiegend in Innenräumen spielendes Kammerspiel mehr als ausreichend. Der Ton transportiert die dialogintensive Komödie sauber und ohne Verluste.


Das Bonusmaterial ist überschaubar: Ein Making Of gewährt Einblicke in die Entstehung des Films und die Zusammenarbeit des Ensembles – gerade die Begegnung zwischen Kerkeling und Herbst ist hier aufschlussreich und unterhaltsam. Der Kinotrailer rundet das Paket ab, ist für sich genommen aber naturgemäß kein Kaufargument.


Wer sich ein üppiges Special-Feature-Paket mit Audiokommentaren, Deleted Scenes oder ausführlichen Interviews erhofft, wird enttäuscht. Die Blu-ray ist funktional und sauber, aber kein Liebhaberprodukt für Filmsammler, die Wert auf Extras legen. Für den Film selbst ist das Format jedoch absolut angemessen.


Fazit


„Extrawurst" ist eine der ehrlichsten deutschen Komödien der letzten Jahre – unbequem, treffsicher und mit einem Ensemble besetzt, das man so schnell nicht vergisst. Rosenmüller gelingt die Übertragung des Theaterstoffs mit Leichtigkeit und Instinkt, und Kerkeling sowie Herbst beweisen, dass ihre erste gemeinsame Leinwandarbeit längst überfällig war.


Die Blu-ray von Studiocanal ist eine empfehlenswerte Anschaffung für alle, die einen Film suchen, der zum Lachen bringt und gleichzeitig zum Nachdenken zwingt. Das Bonusmaterial hätte üppiger ausfallen dürfen – aber der Film selbst rechtfertigt jeden Cent.