Britischer Chaos, gestohlene Herzen und eine Parodie zum Niederknien
Es gibt eine ganz eigene Qualität im britischen Kino und Fernsehen, wenn es darum geht, die Welt der großen Herrenhäuser zu zelebrieren. „Fackham Hall" nimmt diese Tradition – und zerlegt sie mit bösem Vergnügen in ihre Einzelteile. Was dabei herauskommt, ist eine der witzigsten, liebevollsten und handwerklich brillantesten Parodien seit „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug".
Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Eric Noone – ein Taschendieb, liebenswürdig und charmant genug, dass man ihm seine Vergehen kaum übelnehmen kann. Durch List oder schlichte Unverfrorenheit gelangt er zu einer Anstellung in Fackham Hall, einem jener imposanten englischen Herrenhäuser, in denen die Zeit stillzustehen scheint und jeder seinen festgelegten Platz kennt.
Eric kennt seinen Platz nicht – und genau das macht ihn gefährlich und faszinierend zugleich. Rasch arbeitet er sich in der strengen Haushaltshierarchie nach oben, gewinnt Vertrauen, wo er keines verdient, und gerät in eine verbotene Liebesaffäre mit Rose Davenport, der Tochter des Hauses. Was zunächst wie ein gepflegtes Gesellschaftsdrama anmutet, nimmt eine dunklere Wendung, als ein Mord geschieht – und Eric als Hauptverdächtiger dasteht.
Parodie mit Liebe zum Original
Wer „Downton Abbey", „Upstairs Downstairs" oder ähnliche Produktionen kennt und liebt, wird „Fackham Hall" von der ersten Minute an mit einem breiten Grinsen verfolgen. Der Film kennt seine Vorlagen in- und auswendig – und genau das macht seine Parodie so treffsicher. Hier werden keine plumpen Witze auf Kosten des Genres gerissen. Stattdessen arbeitet „Fackham Hall" so, wie es die besten Parodien immer getan haben: Es nimmt die Codes, Klischees und unausgesprochenen Regeln des britischen Kostümdramas vollkommen ernst – und treibt sie dann mit unerbittlicher Konsequenz ins Absurde.
Der Geist von „Airplane!" ist dabei stets spürbar. Wie einst Jim Abrahams und die Zucker-Brüder den Katastrophenfilm mit dessen eigenen Waffen schlugen, so tut es „Fackham Hall" mit dem Herrenhaus-Genre: Die steife Dienerschaft, die unausgesprochenen Klassenunterschiede, die dramatisch geschwellten Brüste des britischen Gesellschaftsdramas – alles wird liebevoll demontiert, ohne je den Respekt vor dem Original zu verlieren.
Humor auf mehreren Ebenen
Was „Fackham Hall" dabei besonders auszeichnet, ist die Dichte und Vielschichtigkeit seines Humors. Wie bei „Airplane!" gibt es Witze, die man erst beim zweiten Sehen entdeckt – im Hintergrund einer Szene, in einer beiläufigen Geste, in einem Satz, dessen Doppeldeutigkeit sich erst eine Sekunde nach dem Hören entfaltet. Wer aufmerksam schaut, wird belohnt. Wer einfach mitlacht, wird ebenfalls belohnt.
Dabei bleibt der Film stets auf der richtigen Seite der Linie zwischen liebevoller Hommage und bösartiger Karikatur. „Fackham Hall" lacht über das Genre – aber es liebt es auch. Und dieses Gleichgewicht ist schwieriger herzustellen, als es aussieht.
Eric Noone – der perfekte Anti-Held im falschen Haus
Eric Noone ist als Figur wie gemacht für dieses Setting. Ein Taschendieb in einem Herrenhaus voller Etikette und unausgesprochener Regeln – das ist Komödie durch Kontrast, und „Fackham Hall" nutzt dieses Potenzial vollständig aus. Sein Aufstieg in der Haushaltshierarchie ist eine einzige herrliche Folge von Missverständnissen, falschen Identitäten und Momenten, in denen das System der feinen englischen Gesellschaft schlicht nicht weiß, wie es mit jemandem wie ihm umgehen soll.
Die verbotene Liebesaffäre mit Rose Davenport spielt dabei gekonnt mit den romantischen Konventionen des Genres – und untergräbt sie im gleichen Atemzug. Rose ist klug genug, um zu wissen, was gespielt wird. Eric ist schlau genug, um es trotzdem zu versuchen. Und das Ergebnis ist eine der witzigsten und gleichzeitig aufrichtigsten Liebesgeschichten, die das Parodiefach zu bieten hat.
Der Mord als Krönung des Chaos
Wenn schließlich ein Mord geschieht und Eric unter Verdacht gerät, erreicht „Fackham Hall" seinen komödiantischen Höhepunkt. Denn nun sind alle Zutaten des britischen Kriminaldramas auf dem Tisch – und der Film wirft sie mit Schwung durcheinander. Die Ermittlungen, die Verdächtigen, die vielsagenden Blicke über den Esstisch: alles vertraut, alles leicht schief, alles wunderbar komisch.
Und doch – und das ist die eigentliche Stärke des Films – verliert die Geschichte dabei nie ihren emotionalen Faden. Was mit Rose, mit Eric, mit der Familie Davenport passiert, interessiert einen wirklich. Die Parodie schließt das Mitfiebern nicht aus. Ganz im Gegenteil.
Die Blu-ray-Edition von Leonine
Leonine legt „Fackham Hall" in einer sorgfältigen Blu-ray-Edition vor. Das Bild profitiert sichtbar vom Format: Die bewusst üppig ausgestatteten Interieurs, die penibel historisch gekleideten Figuren und die malerischen Außenaufnahmen des englischen Landsitzes kommen in hervorragender Auflösung zur Geltung – was den visuellen Witz vieler Szenen erst vollständig entfaltet. Parodie braucht Schärfe, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, und die Leonine-Edition liefert sie.
Fazit
„Fackham Hall" ist das, was nur die besten Parodien sind: ein Film, der sein Sujet so gut kennt, dass er es im Lachen zerlegen kann, ohne es zu zerstören. Wer „Downton Abbey" liebt, wird hier doppelt belohnt – einmal durch die Wiedererkennung, einmal durch die Auflösung. Wer das britische Gesellschaftsdrama noch nie gesehen hat, wird trotzdem prächtig unterhalten. Und wer „Airplane!" zu den größten Komödien aller Zeiten zählt, findet in „Fackham Hall" einen würdigen Nachfolger in Geist und Handwerk.