Review: Directive 8020 – PS5
Entwickler & Publisher: Supermassive Games | Vertrieb: Bandai Namco | Release: 12. Mai 2026 | Plattformen: PS5, Xbox Series X/S, PC | Genre: Interaktiver Horror / Survival Horror | Serie: The Dark Pictures Anthology
Vier Jahre Pause – und dann der Weltraum
Nach dem letzten Dark-Pictures-Titel The Devil in Me im Jahr 2022 hat Supermassive Games vier Jahre lang schweigen lassen. Vier Jahre, in denen man sich offenbar ernsthaft gefragt hat, wohin die Reise gehen soll. Die Antwort: zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt. Mit Directive 8020 verlässt die Anthologie erstmals den Erdboden und wagt sich in den Weltraum – ein Schritt, den viele Fans der Reihe seit Jahren herbeigesehnt haben. Ob der Sprung ins All gelungen ist, ist allerdings eine etwas differenzierter zu beantwortende Frage.
Die Geschichte: Alien trifft The Thing – und das ist keine Kritik
Die Erde stirbt. Die Zeit der Menschheit läuft ab. Als letzte Hoffnung gilt Tau Ceti f, ein Planet zwölf Lichtjahre entfernt. Das Kolonieschiff Cassiopeia macht sich auf den Weg – doch nach einem Absturz auf dem Zielplaneten wird der Crew schnell klar, dass sie dort nicht allein ist. Eine außerirdische Lebensform ist in der Lage, Crewmitglieder zu imitieren, ihnen buchstäblich die Gestalt zu stehlen und als perfekte Kopie weiterzuleben. Niemand weiß, wem man noch vertrauen kann. Und während die Besatzung unter diesem Verdacht zunehmend auseinanderbricht, läuft die Zeit.
Die Inspirationsquellen sind dabei denkbar offensichtlich: Ridley Scotts Alien und John Carpenters The Thing sind unverkennbar Pate gestanden, ergänzt um eine Prise des philosophischen Weltuntergangshorrors aus Event Horizon. Das ist keineswegs ein Vorwurf – beide Filme gehören zu den Meisterwerken des Genres, und Supermassive setzt ihre DNA mit Respekt und Geschick ein. Wer beide Klassiker liebt, wird die Anspielungen und Parallelen genießen. Wer sie nicht kennt, bekommt trotzdem einen dichten, atmosphärischen Sci-Fi-Horror serviert, der auf eigenen Beinen steht.
Der Titel des Spiels ist dabei keine willkürliche Zahlenfolge: Er lehnt sich an die reale NASA-Direktive 8020.7G an, die sich mit der Kontrolle biologischer Kontaminationen bei Raumfahrzeugen befasste – ein kleines, cleveres Detail, das dem Ganzen eine zusätzliche thematische Schicht verleiht.
Die Charaktere: Erwachsener als je zuvor
Wer die Dark-Pictures-Reihe kennt, ist es gewohnt, eine Handvoll mehr oder weniger unsympathischer Teenager und junger Erwachsener durch den Horror zu steuern, die durch ihre eigene Dummheit und ihr Ego zum Teil selbst zum Problem werden. Directive 8020 bricht mit dieser Tradition. Die fünf spielbaren Charaktere sind ausnahmslos Erwachsene, ausgebildete Fachleute, die ihre Situation mit einer gewissen Würde und Reife begegnen. Angeführt wird das Ensemble von Brianna Young, gespielt von Lashana Lynch (Captain Marvel), und Thomas Carter, verkörpert von Danny Sapani (Black Panther) – beide liefern starke, glaubwürdige Performances ab.
Der Verzicht auf Teenager-Drama und Klischee-Machismo ist erfrischend und gibt den Charakteren eine ganz andere Qualität. Man hängt an ihnen, weil sie sympathisch und menschlich sind – nicht weil man auf ihre Demontage wartet. Das macht die Momente, in denen das Spiel mit ihrem Schicksal spielt, umso wirkungsvoller.
Gameplay: Vertraute Formel, sinnvoll erweitert
Directive 8020 folgt dem bewährten Dark-Pictures-Prinzip: Man steuert mehrere Charaktere durch eine verzweigte Geschichte, trifft Entscheidungen, die permanente Konsequenzen haben, und besteht Quick-Time-Events, die über Leben und Tod entscheiden können. Stirbt ein Charakter, bleibt er tot. Das sorgt auch im Jahr 2026 noch für echte Spannung, weil man nie sicher sein kann, wer den Abspann erlebt.
Supermassive hat das Entscheidungssystem dabei sinnvoll weiterentwickelt. Ein neues Menü zeigt an, wann sich die Handlung durch eine Wahl verzweigt, und ermöglicht es, bei Bedarf zu diesem Punkt zurückzuspringen – eine clevere Lösung, die die Narrativstruktur transparenter macht, ohne den Nervenkitzel zu untergraben. Eine optionale Hilfsanzeige informiert zudem darüber, wie viele Charaktere in einer Episode hätten sterben können – gut für alle, die ihr Durchspielen optimieren oder gezielt alle Enden erkunden möchten.
Neu und spielprägend ist das Schleich-Gameplay: Viele Passagen erfordern lautloses Vorgehen, um den Aliens auszuweichen, die die Gestalt von Crewmitgliedern angenommen haben. Das erzeugt in den ersten Stunden echte Beklemmung und passt hervorragend zum Paranoia-Thema des Spiels. Allerdings ist es auch die größte Schwachstelle des Titels: Das Stealth-System wiederholt sich im Spielverlauf zu häufig, läuft sich nach einigen Stunden tot und verliert zunehmend seinen Schrecken. Hier hätte mehr Abwechslung gutgetan.
Der Couch-Koop-Modus bleibt erhalten und funktioniert wie gewohnt: Entweder weist man jedem Spieler einen festen Charakter zu oder gibt den Controller an festgelegten Momenten weiter, wobei alle abwechselnd verschiedene Figuren übernehmen. Der zweite Modus ist dynamischer und chaotischer – ideal für Gruppen, die gemeinsam schlechte Entscheidungen treffen wollen. Einziger Wermutstropfen: Der Online-Koop-Modus war zum Release noch nicht verfügbar und soll per kostenlosem Update nachgeliefert werden.
Atmosphäre & Technik: Ein Augenschmaus
Technisch zeigt Directive 8020 auf der PS5, was Unreal Engine 5 in den Händen von Supermassive leisten kann. Die Cassiopeia ist eine der bedrückendsten, atmosphärisch dichtesten Spielumgebungen, die die Reihe je hervorgebracht hat – klaustrophobische Gänge, flackerndes Notlicht, das Knarzen des Schiffsrumpfs. Auf dem PS5 Pro mit PSSR-Unterstützung sieht das Spiel auch im Performance-Modus beeindruckend aus, und auch auf der Standardkonsole bleibt die Bildqualität überzeugend. Die Ladezeiten sind minimal, was den Erzählfluss kaum unterbricht.
Die Sprachausgabe und das Motion Capture sind auf einem hohen Niveau, das man von Supermassive gewohnt ist – Lynch und Sapani tragen die emotionalen Szenen mit spürbarer Überzeugung, und der restliche Cast steht ihnen kaum nach.
Wiederspielwert & Spielzeit
Eine Partie durch Directive 8020 dauert rund neun Stunden – etwas länger als die meisten Vorgänger. Die verzweigte Erzählung und die vielen möglichen Überlebensszenarien laden zum erneuten Durchspielen ein, auch wenn der Enthusiasmus für einen zweiten Durchlauf nicht ganz so stark ausgeprägt ist wie etwa bei House of Ashes. Wer alle Enden sehen möchte, alle Charaktere am Leben halten oder gezielt töten will und die Verbindungen zum restlichen Dark-Pictures-Universum aufdecken möchte – versteckte Relikte aus Man of Medan, Little Hope, House of Ashes und The Devil in Me warten auf Entdeckung – bekommt deutlich mehr Stunden aus dem Titel heraus.
Fazit
Directive 8020 ist die Frischzellenkur, die die Dark-Pictures-Anthologie gebraucht hat. Das Sci-Fi-Setting sitzt wie maßgeschneidert, der Charakter-Cast ist der reifste und überzeugendste der Reihe, und die Paranoia-Mechanik rund um das gestaltenwandelnde Alien entwickelt zur Spielmitte hin eine echte Sogwirkung. Das wiederholende Stealth-Gameplay und ein leicht vorhersehbarer Einstieg sind die größten Schwachstellen – aber sie reichen nicht aus, um den guten Gesamteindruck zu trüben. Wer Alien, The Thing und interaktive Horrorspiele mag, bekommt hier eines der stärksten Angebote der Reihe. Und wer die Dark Pictures noch nie gespielt hat: Das hier ist ein sehr guter Einstiegspunkt.