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Es gibt Spiele, die Geschichte geschrieben haben. Und dann gibt es Myst. Als Cyan das Rätselabenteuer 1993 auf den Markt brachte, veränderte es die Spielebranche von Grund auf: Jahrelang war es das meistverkaufte PC-Spiel der Welt, es trieb den Absatz von CD-ROM-Laufwerken in die Höhe und bewies, dass Videospiele Kunstwerke sein können – still, rätselhaft, atmosphärisch dicht. Nun, mehr als dreißig Jahre später, findet dieses Kultspiel den Weg auf die PlayStation 5, und mit ihm stellt sich die Frage: Hält ein Klassiker stand, wenn er in die Gegenwart versetzt wird? Die Antwort lautet, mit kleinen Einschränkungen: ja, und wie.


Das Remake, das Cyan ursprünglich 2020 für Meta Quest entwickelte und seitdem schrittweise auf weitere Plattformen gebracht hat, ist kein bloßes Aufpolieren veralteter Grafiken, sondern eine von Grund auf neu aufgebaute Umsetzung des Originals. Die vormals statischen, vorgerenderten Standbilder weichen einer vollständig dreidimensionalen Welt, die man in Echtzeit erkundet. Die Insel Myst, dieser merkwürdige, von Geheimnissen durchtränkte Ort, ist nun ein lebendiger Raum, in dem Licht und Schatten atmen, Wasser sich bewegt und jedes Detail der Umgebung mit einer Sorgfalt gesetzt wirkt, die dem Original alle Ehre macht und es zugleich weit hinter sich lässt. Man spürt, dass die Entwickler nicht einfach ein Produkt renoviert, sondern eine Welt wiedererschaffen haben.


Wer Myst noch nicht kennt – und es gibt Gründe anzunehmen, dass eine neue Generation von Spielerinnen und Spielern genau jetzt, mit dieser PS5-Version, erstmals auf der Insel landet –, dem sei das Grundprinzip kurz erläutert: Man erwacht, ohne Erklärung und ohne Begleitung, auf einer verlassenen Insel. Kein Tutorial, kein Pfeil, der den nächsten Schritt markiert, kein freundlicher NPC, der die Hand hält. Nur die Insel, ihre Gebäude, ihre Bücher, ihre Mechanismen. Und die leise, aber unüberhörbare Aufforderung: schau genau hin. Denk nach. Verbinde. Myst verlangt eine Art von Aufmerksamkeit, die in der heutigen Spielelandschaft selten geworden ist – keine Reflexe, keine Kampfmechanik, kein Zeitdruck, sondern reines Beobachten und Schlussfolgern. Wer sich darauf einlässt, findet ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht.


Die Stärke des Remakes liegt nicht zuletzt darin, wie feinfühlig es diesen Geist des Originals bewahrt, ohne sich in blinder Werktreue zu verlieren. Die Rätsel sind, bis auf kleinere Anpassungen, die das Spiel auch Neueinsteigern zugänglich machen, weitgehend unverändert. Die Geschichte um Atrus und seine beiden Söhne Sirrus und Achenar, erzählt durch Bücher und kurze Videosequenzen, entfaltet sich mit derselben kühlen Intensität wie einst. Was sich verändert hat, ist die Unmittelbarkeit: Statt durch Standbilder zu klicken, bewegt man sich nun frei durch die Welt, und dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen. Myst wird durch die dreidimensionale Umsetzung zu einem anderen Erlebnis – nicht besser oder schlechter, aber näher, körperlicher, eindringlicher.


Auf der PS5 präsentiert sich das Spiel in bestechender technischer Qualität. Die Entwickler von Cyan haben die Möglichkeiten der Hardware mit Bedacht genutzt: Ray-Tracing sorgt in der Flachbild-Variante für naturalistisch wirkende Reflexionen auf Wasseroberflächen und Fensterscheiben, die Performance-Mode-Option ermöglicht flüssige 60 Bilder pro Sekunde, wenn auf bestimmte Grafikeffekte verzichtet wird. Besitzerinnen und Besitzer einer PS5 Pro kommen zudem in den Genuss von PS5-Pro-Enhanced-Optimierungen, die Sichtweite, Laubwerk, Texturen und Nachbearbeitung spürbar verfeinern. Die Implementierung der Unreal Engine TSR-Upscaling-Technologie erlaubt dabei eine Bildqualität, die über das hinausgeht, was reine native Auflösung leisten könnte. Auch der Power-Saver-Modus, der Rendering-Auflösung und Bildrate reduziert, um Energie zu sparen, ist integriert – ein bemerkenswertes Zugeständnis an Nachhaltigkeit, das man sich von mehr Produktionen wünschen würde.


Das herausragende Alleinstellungsmerkmal dieser PS5-Version ist jedoch die Unterstützung des PlayStation VR2. Myst in Virtual Reality zu erleben, ist keine bloße technische Spielerei, sondern eine fundamentale Transformation des Spielerlebnisses. Die Insel, in der man sonst durch einen Bildschirm blickt, umgibt einen plötzlich vollständig. Man steht auf dem Dock und hört das Plätschern des Wassers um sich herum, man tritt in das Raumschiff und blickt staunend an den Wänden hoch, man beugt sich zu einem Mechanismus hinunter und betrachtet ihn aus der Nähe, als würde man tatsächlich die Hand danach ausstrecken. Diese räumliche Unmittelbarkeit verleiht dem ohnehin atmosphärisch starken Spiel eine zusätzliche Dimension, die schwer zu beschreiben, aber unmittelbar erfahrbar ist. Cyan hat dabei bewiesen, dass sie aus früheren VR-Projekten gelernt haben – die Steuerung im VR-Modus ist durchdacht und intuitiv, die Interaktionen mit Hebeln, Büchern und Schaltern fühlen sich befriedigend und natürlich an.


Der DualSense-Controller der PS5 wird solide eingesetzt, wenngleich Myst von seiner Natur her kein Spiel ist, das die haptischen Fähigkeiten des Controllers bis an die Grenzen ausreizt. Es sind die stillen Momente – das leise Vibrieren beim Umblättern einer Seite, das subtile Feedback beim Betätigen eines Mechanismus –, die deutlich machen, dass die Entwickler auch in diesem Bereich mit Sorgfalt gearbeitet haben.


Wer Myst zum ersten Mal spielt, sollte sich auf Geduld einstellen. Das Spiel belohnt keine Ungeduld. Es gibt Rätsel, die Stunden oder gar Tage in Beschlag nehmen können – nicht weil sie unfair wären, sondern weil sie verlangen, dass man die Welt als Ganzes begreift und nicht als Abfolge von zu erledigenden Aufgaben. Wer bereit ist, diesen Pakt einzugehen, wird mit einem der eindringlichsten und eigenständigsten Spielerlebnisse belohnt, die die Geschichte des Mediums zu bieten hat. Und wer das Original kennt, wird mit Wiedersehensfreude und neuem Staunen in eine Welt zurückkehren, die in ihrer modernisierten Form nichts von ihrem rätselhaften Zauber eingebüßt hat.


Myst auf der PS5 ist mehr als ein Remake. Es ist ein Beweis dafür, dass manche Ideen die Zeit überdauern – und dass die richtige technische Umsetzung einem Klassiker neues Leben einhauchen kann, ohne seine Seele zu berühren. Für Neulinge ein außergewöhnlicher Einstieg in ein wegweisendes Werk der Spielegeschichte, für Kenner eine willkommene Rückkehr auf eine Insel, die man nie wirklich verlassen hat.