Sequels haben es schwer. Erst recht, wenn der Vorgänger ein Kulturphänomen war. Als Myst 1993 die Welt der Computerspiele auf den Kopf stellte, schufen Rand und Robyn Miller nicht einfach ein Spiel, sondern eine Erfahrung – eine schweigsame, rätselhafte, atmosphärisch unvergleichliche Reise auf eine verlassene Insel, die Millionen von Menschen in ihren Bann zog. Vier Jahre später erschien mit Riven die Fortsetzung, und sie tat etwas Außergewöhnliches: Sie überbot den Vorgänger. Größer, komplexer, ambitionierter und in seiner Erzählung weitaus reicher als Myst, galt Riven bei vielen Kennern stets als das eigentliche Meisterwerk der Reihe. Nun, fast dreißig Jahre nach dem Original, erscheint das aufwendige Remake von Cyan am 19. Mai 2026 auf der PlayStation 5 – und mit ihm die Chance, eine der bedeutendsten Schöpfungen der Spielegeschichte einer neuen Generation zugänglich zu machen.
Das Ergebnis ist schlicht beeindruckend.
Wer Riven nicht kennt, dem sei zunächst der Kontext gegeben: Das Spiel setzt unmittelbar nach den Ereignissen von Myst ein. Atrus, der rätselhafte Buchschreiber, der die Spielerin oder den Spieler in der Welt von Myst durch seine Aufzeichnungen begleitet hat, bittet um Hilfe. Seine Frau Catherine ist auf der Welt Riven gefangen, einer Inselwelt, die von seinem Vater Gehn kontrolliert wird – einem Mann, der glaubt, ein Gott zu sein, und dessen Herrschaft über Riven eine Insel ins Verderben geführt hat. Die Spielerin, der Spieler, wird allein in diese Welt geschickt, mit einem zerbrochenen Gefängnisbuch als einzigem Werkzeug und keiner anderen Anweisung, als die Lage zu erkunden, zu begreifen und zu handeln. Was folgt, ist eine der dichtesten, vielschichtigsten und konsequentesten Erfahrungen, die das Medium Videospiel je hervorgebracht hat.
Das Remake – ursprünglich im Sommer 2024 für PC und Meta Quest veröffentlicht, nun in seiner vollständigsten und technisch ausgereiftesten Form auf der PS5 – hat die Welt von Riven vollständig neu erschaffen. Nicht restauriert, nicht aufgehübscht: neu erschaffen. Cyan hat jede der miteinander verbundenen Inseln, jeden Mechanismus, jede Höhle, jeden Aussichtspunkt in dreidimensionaler Echtzeit-Grafik aufgebaut, und das Ergebnis ist von einer visuellen Pracht, die einem den Atem verschlägt. Die Farbpalette von Riven – diese Mischung aus verwittertem Stein, rostbraunem Metall, tiefblauem Wasser und dem warmen Licht einer untergehenden Sonne – wirkt in der modernen Umsetzung wie gemalt und gleichzeitig greifbar real. Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen.
Besonders hervorzuheben ist, wie konsequent das Remake die Atmosphäre des Originals nicht nur bewahrt, sondern vertieft. Riven war nie ein Spiel, das seinen Spielerinnen und Spielern etwas erklärte. Es gab keine Karte, keinen Kompass, keine Aufgabenliste. Es gab eine Welt, und es gab die Erwartung, dass man sie versteht. Dieses Prinzip bleibt im Remake vollständig intakt. Wer zum ersten Mal auf Riven landet, wird sich zunächst verloren fühlen – und das ist Absicht. Die Orientierungslosigkeit ist kein Fehler im Design, sondern sein Kern. Riven verlangt, dass man aufhört, nach Anweisungen zu suchen, und beginnt, die Welt als System zu begreifen: Welche Schriftzeichen tauchen immer wieder auf? Welche Maschinen hängen mit welchen anderen zusammen? Was erzählt die Sprache der Dinge, die man findet, über die Menschen, die sie hinterlassen haben?
Diese Rätselphilosophie – man könnte sie ökologisch nennen, weil sie die Rätsel aus der Welt heraus entstehen lässt, statt die Welt als Kulisse für abstrakte Puzzles zu nutzen – ist in Riven vollkommener umgesetzt als in Myst. Und das Remake fügt ihr eine weitere Dimension hinzu: In der vollständig dreidimensionalen Welt fühlen sich die Mechanismen, die Schalter, die riesigen Maschinen noch realer und damit noch rätselhafter an. Man greift im PlayStation-VR2-Modus buchstäblich nach Hebeln, dreht Räder, öffnet Luken – und erlebt dabei die physische Kohärenz einer Welt, die trotz ihrer Fremdartigkeit einer eigenen inneren Logik folgt.
Denn auch Riven unterstützt auf der PS5 vollständig das PlayStation VR2, und wie schon bei Myst gilt: Dieses Spiel in Virtual Reality zu erleben ist keine optionale Ergänzung, sondern eine Erweiterung des Erlebnisses, die man nicht leichtfertig unversucht lassen sollte. Riven in VR bedeutet, in einer der visuell eindrucksvollsten Spielwelten, die je erschaffen wurden, tatsächlich zu stehen. Es bedeutet, die schwindelerregende Höhe der Aussichtsplattformen zu spüren, das Dunkel der Tunnelsysteme mit echtem Raumgefühl zu durchqueren und die grandiosenMaschinen von Gehn aus unmittelbarer Nähe zu bestaunen. Cyan hat die VR-Implementierung mit derselben Sorgfalt betrieben wie alle anderen Aspekte des Spiels: Die Steuerung ist intuitiv, die Übergänge zwischen Spielbereichen sind sanft, und die Bildqualität – auf der PS5 Pro durch verbesserte Basisauflösung zusätzlich gesteigert – ist für ein VR-Erlebnis bemerkenswert.
Technisch bewegt sich das Remake auf demselben hohen Niveau wie die zeitgleich erschienene PS5-Version von Myst. Ray-Tracing-Reflexionen sind in der Flachbild-Variante aktiv, ein Performance-Modus erlaubt wahlweise 60 Bilder pro Sekunde bei deaktivierten Strahlenverfolgungseffekten, und PS5-Pro-Besitzerinnen und -Besitzer profitieren von den Enhanced-Verbesserungen bei Weitsicht, Vegetation, Texturen und Lichtberechnung. Die Implementierung der Unreal Engine TSR sorgt für eine Bildqualität, die auf beiden Konsolenversionen überzeugt. Auch hier unterstützt das Spiel den Power-Saver-Modus – ein Detail, das zeigt, wie durchdacht die gesamte Portierung angegangen wurde.
Ein Wort zur Schwierigkeit, das Neueinsteigern gelten soll: Riven ist anspruchsvoll. Deutlich anspruchsvoller als Myst. Wer das Vorgängerspiel als gelegentlich knifflig empfand, sollte wissen, dass Riven diese Messlatte erheblich anhebt. Es gibt Rätsel, deren Lösung ein vollständiges Verständnis der Welt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner erfordert – Rätsel, die man nicht durch Ausprobieren knackt, sondern nur durch echtes Begreifen. Das kann in Momenten der Erschöpfung frustrieren. Es kann aber auch – und das ist das Versprechen, das Riven seit fast dreißig Jahren hält – zu einem der befriedigendsten Erfolgsgefühle führen, die ein Spiel zu bieten hat. Der Moment, in dem ein großes Rätsel sich fügt, ist in Riven kein kleiner Triumph, sondern eine Erleuchtung.
Riven auf der PS5 ist, schlicht gesagt, die beste Version des besten Spiels, das Cyan je gemacht hat. Es ist ein Werk, das respektiert, fordert und belohnt – das seiner Spielerin, seinem Spieler, auf Augenhöhe begegnet und darauf vertraut, dass Neugier, Geduld und Aufmerksamkeit ausreichen, um eine fremde Welt zu verstehen. In einer Ära, in der Spiele immer häufiger jeden Schritt vorbuchstabieren, ist das nicht nur erfrischend, sondern beinahe revolutionär. Und in seiner PS5-Fassung, mit der technischen Pracht der modernen Hardware und der einzigartigen Tiefe des PlayStation VR2, erfährt dieses Meisterwerk eine Wiedergeburt, die es verdient.