Es gibt Momente in der Geschichte des Comics, die über das Medium selbst hinauswachsen und zu kulturellen Ereignissen werden – Momente, in denen zwei Welten aufeinanderprallen, die eigentlich niemals hätten aufeinandertreffen dürfen. Der Band „Superman gegen Spider-Man", ursprünglich 1976 in den USA erschienen und 1979 in Deutschland auf den Markt gekommen, ist genau ein solcher Moment. Panini bringt diesen Meilenstein der Comicgeschichte nun in einer prachtvollen Großformatausgabe zurück – und zeigt damit einmal mehr, dass wahre Klassiker keine Verfallsdaten kennen.
Das Projekt war in seiner Zeit ein verlegerisches Wunder. Marvel und DC, die beiden großen Rivalen des amerikanischen Comicmarktes, die sich jahrzehntelang mit spitzen Ellenbogen um Leser, Talente und Regalfläche gestritten hatten, taten sich zusammen, um ihre jeweiligen Flaggschiffe in einem einzigen Abenteuer zu vereinen. Auf der einen Seite Superman, der Letzte Sohn Kryptons, die Lichtgestalt der DC-Welt, seit 1938 das Urbild des Superhelden schlechthin. Auf der anderen Seite Spider-Man, Peter Parkers weit weniger makelloser Netzschläger aus dem Marvel-Universum, der seit 1962 mit Selbstzweifeln, Geldsorgen und dem schweren Erbe seiner Verantwortung kämpft. Zwei Konzepte von Heldentum, zwei Verlagskulturen, zwei Kosmologien – und mittendrin ein Team aus Autoren und Zeichnern, das aus dieser Unmöglichkeit ein Lesefest geschaffen hat.
Das Drehbuch stammt von Gerry Conway, einem der produktivsten und einflussreichsten Comicautoren der Siebzigerjahre, der zu dieser Zeit bereits durch bahnbrechende Arbeiten an Spider-Man – darunter der berühmte Tod von Gwen Stacy – sowie an diversen DC-Titeln bekannt war und damit der ideale Kandidat für ein Crossover war, das beide Universen gleichermaßen respektieren und verstehen musste. Conway entwickelt eine Geschichte, die zwar in ihrem Grundgerüst klassisch und geradezu archetypisch ist, dieses Gerüst aber mit Verve und echtem Gespür für die Eigenheiten seiner Figuren ausfüllt. Im Zentrum steht ein teuflisches Komplott, das die gesamte Erde in Gefahr bringt: Lex Luthor, Supermans ewiger Nemesis und einer der großen Bösewichter der Comicgeschichte, schmiedet gemeinsam mit Dr. Octopus, dem achtarmigen Superschurken aus dem Spider-Man-Rogues-Gallery, einen Plan, der beiden Helden gleichermaßen zum Verhängnis werden soll. Es ist die naheliegende und zugleich wirkungsvollste Lösung – wenn schon die Helden beider Verlage aufeinandertreffen, dann müssen auch die Schurken kooperieren, und die Chemie zwischen dem kaltberechnenden, intellektuell hochmütigen Luthor und dem reizbaren, unberechenbaren Octavius ist eine der erfreulichsten Überraschungen der Geschichte.
Bevor es zur Zusammenarbeit der Helden kommt, muss Conway natürlich die Erwartung des Publikums erfüllen, die wohl jeder Leser beim Aufschlagen dieses Bandes mitbringt: Wie schlägt sich Spider-Man gegen Superman? Wie reagiert der Netzspinner auf einen Gegner, der ihm in puncto schierem Krafteinsatz hoffnungslos überlegen ist? Das unvermeidliche Missverständnis, das die beiden zunächst in einen Kampf treibt, wird von Conway mit gutem Instinkt inszeniert – es fühlt sich nicht konstruiert an, sondern ergibt sich organisch aus den Persönlichkeiten der Figuren und der Dramaturgie des Plots. Superman, der Weltverbesserer mit dem unerschütterlichen Glauben an das Gute, und Spider-Man, der chronisch Verdächtige, der vom Boulevardblatt Daily Bugle als Verbrecher diffamierte Außenseiter, tragen ihre Differenzen körperlich aus, bevor der Verstand die Oberhand gewinnt. Es ist ein Kampf, der in jeder Hinsicht das Herz des Bandes bildet und der bis heute zu den diskutierten Momenten der Crossover-Literatur gehört – nicht zuletzt wegen der cleveren Art, wie Conway die Kräfteverhältnisse austariert, ohne dabei einer Seite Unrecht zu tun.
Was den Band in seiner Wirkung entscheidend trägt, ist die Zeichenarbeit von Ross Andru, der mit Dick Giordano als Inker ein kongenialer Partner zur Seite gestellt bekam. Andru war zu diesem Zeitpunkt einer der routiniertesten Superhelden-Zeichner im amerikanischen Mainstream, bekannt für klare Figurenarbeit, dynamische Actionsequenzen und ein sicheres Gespür für den Rhythmus großer Abenteuercomics. Seine Panels haben eine Selbstverständlichkeit und Zuverlässigkeit, die man von den besten Siebzigerjahre-Comics kennt – keine aufsehenerregenden Experimente, aber eine handwerkliche Solidität, die dem Stoff genau das gibt, was er braucht: Bewegung, Raum, Körperlichkeit. Dick Giordanos Tuschen verleihen Andrus Bleistiftlinien eine elegante Sauberkeit, die das Großformat der Neuausgabe besonders gnädig behandelt. Was in der Originalgröße manchmal unter dem Rauschen des Vierfarbdrucks verschwand, tritt hier mit neuer Klarheit hervor – die Muskulatur der Figuren, die Textur der Kostüme, die architektonischen Hintergründe, die Andru mit bemerkenswerter Akribie ausarbeitet.
Die Entscheidung von Panini, diesen Band im Großformat neu aufzulegen, ist nicht nur eine kommerzielle Entscheidung, sondern eine editorische Würdigung. Das vergrößerte Seitenformat gibt dem Material Atem und erlaubt es dem zeitgenössischen Leser, die Seiten mit einer Aufmerksamkeit zu betrachten, die dem Original in seiner Zeit aus produktionstechnischen Gründen nicht immer vergönnt war. Es ist die angemessene Form für einen Band, der in seiner Entstehung selbst ein Akt der Größe war – größer als die übliche Ausgabe eines Superhefts, größer als das Tagesgeschäft zweier konkurrierender Verlage, größer als die Summe seiner Teile.
Natürlich trägt der Band sein Entstehungsjahr deutlich sichtbar. Wer mit der Erzählsprache und dem visuellen Idiom des amerikanischen Mainstreamcomics der Siebzigerjahre nicht vertraut ist, wird sich zunächst an Konventionen gewöhnen müssen, die heute weitgehend vergessen sind – die ausladenden Erzählerboxen, die exponierten inneren Monologe, die manchmal pathetische Dialogsprache, die mehr der Theaterbühne als dem Alltag zu entstammen scheint. Diese Elemente sind jedoch kein Makel, sondern Teil der historischen Persönlichkeit des Bandes. Sie erinnern daran, dass Comics eine Entwicklungsgeschichte haben, und sie machen die Lektüre zu einer kleinen Zeitreise in eine Ära, in der das Medium noch anders atmete.
„Superman gegen Spider-Man" ist ein Klassiker aus gutem Grund, und Paninis Großformatausgabe tut genau das Richtige: Sie bewahrt, präsentiert, ehrt. Das Abenteuer, das Conway, Andru und Giordano gemeinsam erschaffen haben, hat nichts von seiner Energie verloren – es ist immer noch ein Vergnügen, diese beiden Ikonen aufeinanderprallen und schließlich zusammenwachsen zu sehen, immer noch ein Genuss, Luthor und Octopus bei ihren Ränkespielen zu beobachten, immer noch eine Freude, einen Band in Händen zu halten, der beweist, dass das Unmögliche manchmal gelingt. Für Fans beider Verlage, für Liebhaber der Comicgeschichte und für alle, die wissen wollen, wo das Genre seine langen Schatten herwirft – uneingeschränkt empfehlenswert.