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BLACK CAT: DIE FREUNDLICHE KATZE AUS DER NACHBARSCHAFT


Felicia Hardy ist eine der schillerndsten Figuren im Marvel-Universum — zu gut für die Unterwelt, zu durchtrieben für die Helden, zu charmant für beides. Seit ihrer Einführung 1979 bewegt sich die Black Cat in jenem reizvollen Graubereich, in dem Moral verhandelbar ist und Schmuck schwerer wiegt als Gewissen. Dass sie nun nach Jahren als Unterstützungsfigur eine neue Soloserie erhält, war überfällig. Dass diese Serie in die Hände von G. Willow Wilson gelegt wurde, ist ein Glücksgriff erster Güte.


Wilson, die durch ihre bahnbrechende Arbeit an Ms. Marvel und zuletzt Poison Ivy bei DC in die erste Reihe der amerikanischen Comicautorinnen aufgestiegen ist, kennt ihre Heldinnen. Sie weiß, wie man aus einer Figur, die das Marvel-Universum bislang primär als Anhängsel Spider-Mans wahrgenommen hat, eine eigenständige Protagonistin formt, ohne deren Kernwesen zu verbiegen. Der Ausgangspunkt ist so einfach wie wirkungsvoll: Spider-Man verhält sich nach einer brutalen Auseinandersetzung mit dem Superschurken Hellgate merkwürdig. Sein Netzschwingergerät funktioniert nicht mehr so wie es soll — und Felicia Hardy, die mehr als einmal das Herz des Netzschwingerhelden gestohlen hat, entscheidet kurzerhand, dass es an der Zeit ist, selbst als Heldin einzuspringen.


Was folgt, ist eine herrlich lebendige Superheldenserie auf Straßenniveau, die konsequent auf New Yorks Unterbecken setzt: die Unterwelt, die Dächer, die zwielichtigen Verbindungen zwischen Verbrecherbossen und Vigilanten. Tombstone und Sandman liefern bedrohliche Widersacher aus dem klassischen Spider-Man-Rogues-Gallery-Kanon, während ein Vampir und interstellare Schmuggelware für jene absurde Würze sorgen, die das Marvel-Universum immer dann am besten kann, wenn es sich selbst nicht ganz so ernst nimmt. Dazwischen taucht Daredevil auf — ebenfalls ein Grenzgänger zwischen Gesetz und Eigenjustiz — und die Begegnung der beiden zeigt, dass Wilson die Dialektik moralischer Graubereiche mit souveräner Leichtigkeit beherrscht.


Was den Band besonders auszeichnet, ist Wilsons Ton. Die Serie ist witzig, ohne albern zu werden, spannend, ohne atemlos zu hetzen, und emotional ohne sentimentale Schwere. Felicia Hardy als Figur profitiert enorm von einer Autorin, die sie weder zur strahlenden Heldin läutert noch in ihrer Diebinnennatur festnagelt, sondern den Widerspruch zwischen beidem als dramaturgischen Motor nutzt. Ist ihr Sinneswandel echt? Kalkuliert? Beides gleichzeitig? Wilson lässt diese Frage mit bemerkenswerter Eleganz offen — und das ist präzis richtig so, weil Felicia Hardy nur dann funktioniert, wenn man ihr nie ganz sicher sein kann.


Gleb Melnikov, der zuletzt an Amazing Spider-Man und Robin gearbeitet hat und dort seine Qualitäten unter Beweis stellte, liefert Zeichnungen von bestechender kinetischer Energie. Seine Panels haben eine natürliche Bewegungslogik — Verfolgungsjagden über Dächern, Kampfchoreographien auf engem Raum, die fließenden Bewegungsabläufe einer Figur, die körperliche Eleganz als Erkennungszeichen trägt. Felicia Hardy in Melvikov Händen ist immer in Bewegung, selbst wenn sie still steht. Farblich taucht Kolorist Brian Reber die Seiten in ein nächtliches Palette aus Blau, Schwarz und dem ikonischen Weiß des Katzenkostüms — ein Look, der die Street-Level-Atmosphäre konsequent durchhält, ohne in trübe Düsternis abzugleiten.


Die Covergestaltung von Altmeister Adam Hughes, der Felicia Hardy über Jahrzehnte geprägt hat wie kaum ein anderer Zeichner, rundet das visuelle Paket stilvoll ab.


Panini bündelt die ersten fünf Hefte dieser neuen Soloserie in einem handlichen Sammelband, der ideal als Einstiegspunkt funktioniert — sowohl für langjährige Spider-Man-Leser als auch für Neu-Einsteiger, die diese Figur noch nicht kennen. Das Vorgehen zahlt sich aus: Fünf Hefte sind genug, um den neuen Status quo zu etablieren, die wichtigsten Antagonisten einzuführen und Felicia in einer Situation zu hinterlassen, die neugierig auf mehr macht, ohne das Gesamt-Handlungskonstrukt bereits zu überfrachten.


Für eine Figur, der das Marvel-Universum lange nicht zugetraut hat, allein auf einem Cover zu stehen, ist diese Serie eine überfällige Rehabilitation. Wilson und Melnikov beweisen, dass die freundliche Katze aus der Nachbarschaft kein zweites Violino im Orchester des Netzschwingers braucht. Sie hat längst ein eigenes Instrument.