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Mozart/Mozart
Miniserie | ARD/ORF, 2025 | Polyband Mediabook


Er ist der Superstar. Sie ist das Nannerl. Diese einfache, bittere Formel hat die Musikgeschichte jahrhundertelang aufrechterhalten – und genau diese Formel will Mozart/Mozart, die sechsteilige ARD/ORF-Eventserie, mit einigem Furor aus den Angeln heben. Seit Dezember 2025 in der ARD-Mediathek und im Ersten zu sehen, erscheint die ambitionierte Produktion nun im edlen Polyband-Mediabook auf Blu-ray – mit umfangreichem Booklet, Autogrammkarten und einer Einladung zum Maskenball. Ein Paket, das den opulenten Geist der Serie bereits von außen transportiert.


Das Konzept: Geschichte umschreiben, mit Absicht


Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim und Chefautor Andreas Gutzeit, der zuletzt mit Sisi für Aufsehen sorgte, entwerfen in Mozart/Mozart kein Historiendrama im klassischen Sinne, sondern ein bewusstes Gegenentwurf-Szenario: Was wäre gewesen, wenn Maria Anna Mozart, die ältere Schwester des Wunderkindes, ihrer Begabung hätte freien Lauf lassen dürfen? Die Antwort, die die Serie gibt, ist so kühn wie unterhaltsam. Wien in den 1780er-Jahren: Wolfgang Amadeus Mozart hat den Zenit seiner Karriere bereits überschritten, gesundheitliche Probleme treiben ihn in Abhängigkeit und Selbstzerstörung. Als er nicht mehr auftreten kann, steht die finanzielle Zukunft der Familie auf dem Spiel – und mit ihr die persönliche Freiheit Maria Annas. In ihrer Verzweiflung greift das Nannerl zu einer radikalen Maßnahme: Sie schlüpft in die Rolle ihres Bruders. Was folgt, ist ein Netz aus höfischen Intrigen, musikalischem Wettstreit und einer unwahrscheinlichen Liebesgeschichte mit Antonio Salieri, der sich Hals über Kopf in sie verliebt.


Das Konzept ist mutig, der Ansatz erfrischend. Die Serie betreibt bewusst historische Fiktion als feministische Richtigstellung – ein „So hätte es sein können"-Szenario, das die Frage stellt, wie viele Genies die Geschichte schlicht übersehen hat, weil sie das falsche Geschlecht hatten.


Die Darsteller: Diverse Besetzung, starke Präsenzen


Im Zentrum steht Havana Joy als Maria Anna Mozart – und sie trägt die Serie mit einer selbstbewussten, kämpferischen Energie, die der Figur genau das gibt, was ihr die Realgeschichte verwehrt hat: Raum. Ihre Darstellung der Nannerl als Frau, die sich zwischen familiärer Pflicht und persönlichem Aufbegehren reibt, ist das stärkste Argument der Serie. Eren M. Güvercin als Wolfgang Amadeus Mozart gibt den strauchelnden Superstar mit spürbarer Ambivalenz: faszinierend und selbstzerstörerisch zugleich, eine Figur, die man nie ganz verurteilen und nie ganz bemitleiden kann. Das Ensemble ist bewusst divers und generationenübergreifend besetzt – Peter Kurth als Vater Leopold, Philipp Hochmair als Kaiser Joseph II. und Verena Altenberger als in Luxus und Unglück schwelgende Marie Antoinette setzen besondere Akzente. Altenberger insbesondere verleiht ihrer Nebenrolle eine schillernde Unberechenbarkeit, die bei jeder ihrer Szenen Eindruck hinterlässt.


Inszenierung und Musik: Klassik trifft Elektropop


Gedreht wurde die Serie an 60 Drehtagen in Lettland und Litauen – Schauplätze, die mit ihrer barocken Architektur und den opulenten Innenräumen überzeugend für das Wien und Salzburg des 18. Jahrhunderts einspringen. Die Ausstattung ist aufwendig, das Kostümbild von Daiva Petrulytė setzt markante visuelle Akzente zwischen historischer Akkuratesse und bewussten modischen Anachronismen, die den popkulturellen Geist der Serie unterstreichen.


Das mutigste Element der Produktion ist womöglich der Soundtrack. Komponistin Jessica de Rooij entwickelte gemeinsam mit dem Elektronikduo Ätna eine zeitgenössische musikalische Sprache, die Mozarts Kompositionsgeist in die Gegenwart überträgt: Klassische Strukturen brechen in Synthesizer-Flächen auf, Menuette mutieren zu Elektropop-Momenten. Das ist nicht immer widerspruchsfrei, aber fast immer wirkungsvoll – und es signalisiert unmissverständlich, dass diese Serie kein Museum sein will.


Stärken und Schwächen: Vier starke Folgen und ein müdes Finale


Mozart/Mozart hat das Zeug zu einer turbulenten historischen Komödie – Ansätze dazu sind da, und die ersten vier Episoden entfalten einen Funken sprühenden Rhythmus, der die Serie weit über vergleichbare ARD-Historienproduktionen hebt. Die Prämisse zieht, die Figuren tragen, der Witz sitzt. Auf der Zielgeraden jedoch scheint das Arsenal der Ideen erschöpft: Der Liebesreigen zwischen Nannerl und Salieri wird zusehends formelhaft, der musikalische Wettstreit zwischen den Mozarts verliert an Schärfe, und das Finale verblüfft kaum noch. Was mit Verve und Originalitätswillen begann, mündet in ein erwartbares Auflösungsritual.


Die historischen Freiheiten der Serie haben im deutschsprachigen Raum hitzige Debatten ausgelöst – Historiker und Mozartkenner haben sich ausgiebig beschwert, dass an der Produktion so gut wie keine historischen Fakten stimmten. Das ist fair beobachtet, geht aber am Anliegen der Serie vorbei. Mozart/Mozart hat nie beansprucht, ein Dokumentarfilm zu sein. Wer Akkuratesse sucht, ist falsch abgebogen. Wer unterhaltsames, pointiertes Gegenentwurfs-Kino sucht, das eine vergessene Frau in den Mittelpunkt der Weltgeschichte stellt, findet hier sechs kurzweilige Episoden, von denen vier wirklich zünden.


Das Polyband Mediabook


Polyband hat der Serie eine Heimkino-Ausgabe geschenkt, die dem opulenten Geist der Produktion gerecht wird. Das edle Mediabook kommt mit einem umfangreichen Booklet, das Hintergrundinformationen zu Figuren, historischen Vorlagen und zur Entstehung der Serie liefert, sowie mit Autogrammkarten der Hauptdarsteller und – als charmantes Sammlerstück – einer stilisierten Einladung zum Maskenball. Technisch präsentiert sich die Blu-ray auf gewohnt hohem Niveau: Die üppige Farbpalette der Ausstattung, das warme Kerzenlicht der Barockkulissen und die sorgfältig gestalteten Kostüme kommen in HD-Qualität mit echter Tiefe zur Geltung. Wer die Serie bereits gestreamt hat, wird den Unterschied in der Bildschärfe und Farbbrillanz schätzen. Als besonderes Ausstattungsmerkmal enthält die Ausgabe außerdem eine Hörfilmfassung – ein Zeichen für die inklusive Ausrichtung der Veröffentlichung, die der Barrierefreiheit auf erfreuliche Weise Rechnung trägt.


Fazit


Mozart/Mozart ist eine Serie voller guter Ideen, die nicht alle eingelöst werden – aber das, was sie einlöst, tut sie mit Energie, Eigensinn und einer bemerkenswerten Hauptdarstellerin. Havana Joy als Nannerl ist eine Entdeckung, die Musik ein gewagtes Experiment, das mehr gelingt als scheitert, und die Grundfrage der Serie – warum eine Frau mit demselben Talent unsichtbar bleiben musste – eine, die auch nach sechs Episoden nachhallt. Das Polyband-Mediabook ist die angemessene Form für diese ungewöhnliche Produktion: aufwendig, liebevoll gestaltet und mit Extras versehen, die über das Übliche hinausgehen. Kein makelloses Werk, aber ein notwendiges – und ein sehr schönes Stück für das Regal.