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Wir sind die Neuen (Blu-ray, OneGate Media) – Review


Wer sagt eigentlich, dass man mit sechzig alt ist? Anne, Eddi und Johannes jedenfalls nicht. Mit Ralf Westhoffs 2014 entstandener Komödie "Wir sind die Neuen" legt OneGate Media nun, gut ein Jahrzehnt nach dem Kinostart, eine neue Standardedition dieses kleinen deutschen Komödien-Juwels vor – Anlass genug, sich den Film noch einmal genauer anzusehen.


Die Ausgangslage ist denkbar simpel und gerade darin liegt ihr Charme: Drei Endfünfziger, einst Wohngemeinschaftsgenossen ihrer Studienzeit, lassen aus finanzieller Not und einer ordentlichen Portion Nostalgie ihre alte WG wieder aufleben. Bis spät in die Nacht am Küchentisch sitzen, Rotwein trinken, über Gott und die Welt philosophieren und dabei die Hits von damals hören – genau so, wie es früher war. Dumm nur, dass im Stockwerk darüber eine waschechte Studenten-WG von heute wohnt, deren Bewohner mit Prüfungsstress, Regelstudienzeit und durchgetakteten Tagesabläufen kämpfen und für nächtliche Gelage denkbar wenig übrighaben. Aus dieser Konstellation entwickelt Regisseur und Drehbuchautor Westhoff, der mit "Shoppen" und "Der letzte schöne Herbsttag" bereits sein Gespür für authentische Dialoge und feine komische Beobachtung unter Beweis gestellt hatte, eine herrlich bissige Generationenkomödie, die ihn selbst noch einmal übertreffen lässt.


Das eigentliche Vergnügen des Films liegt in seiner Verkehrung der Erwartungen. Während man zunächst eine klassische Konstellation vermuten könnte, in der die unbeschwerten Jungen den verstaubten Alten das Fürchten lehren, dreht Westhoff den Spieß bewusst um: Es sind die Sechzigjährigen, die das Leben in vollen Zügen genießen, feiern, Neues ausprobieren und sich ihre Lebenslust bewahrt haben, während die jungen Studenten vor lauter Ehrgeiz und Zukunftsangst das eigentliche Leben dazwischen zu vergessen drohen. Diese pointierte Beobachtung, dass die vermeintlich "Neuen" im Untertitel eben nicht die Jungen, sondern die wiederauferstandene Alt-WG sind, gibt dem Film seinen doppelbödigen Titel und seine eigentliche satirische Schärfe. Das fröhliche Chaos der Alten wirkt dabei durchweg sympathischer als die sterile, durchorganisierte Ordnung der Jungen, die in einer der schönsten Pointen des Films sogar ihre Schuhe in beschrifteten Kartons katalogisieren, an den praktischen Dingen des Alltags aber kläglich scheitern.


Getragen wird das Ganze von einem grandios aufgelegten Schauspielensemble. Gisela Schneeberger gibt die Anne mit sprühender Lebenslust und einem erdigen Pragmatismus, der den Film immer wieder erdet, während Michael Wittenborn als verschusselter Althippie Johannes eine charmante Kläglichkeit entwickelt, die zwischen komisch und anrührend changiert. Heiner Lauterbach wiederum verkörpert mit Eddi eine Lebemannversion des ewigen Sponti-Studenten, der seine eigene Vergangenheit nie ganz hinter sich gelassen hat. Auf der jüngeren Seite müssen sich Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg zwar mit dem undankbareren Part der zunächst freudlos wirkenden Studierenden begnügen, doch auch ihre Figuren erhalten im Verlauf des Films durchaus berührende Tiefe, wenn sich herausstellt, dass jeder von ihnen mit eigenen Krisen kämpft, denen sich die Alt-WGler schließlich mit überraschender Anteilnahme annehmen. So hilft Johannes der verzweifelten Jurastudentin Katharina beim Strukturieren ihres Prüfungsstoffs, Anne macht mit dem bandscheibengeplagten Thorsten Gymnastik, und Eddi vermittelt der von ihrem Partner ausgenutzten Barbara das nötige Selbstbewusstsein. Der Film mündet folgerichtig in einer gemeinsamen, generationenübergreifenden Party, die das eigentliche Anliegen Westhoffs unterstreicht: dass echter Fortschritt nur im Austausch zwischen Alt und Jung gelingen kann.


Westhoffs Drehbuch besticht dabei vor allem durch seinen scharfzüngigen Dialogwitz, der mit großer Leichtigkeit zwischen Pointe und leiser Melancholie wechselt. Hinter der komödiantischen Fassade verstecken sich durchaus ernste Themen wie Altersarmut, auslaufende soziale Sicherungssysteme, hohe Mieten und katastrophale Studienbedingungen – Westhoff nutzt diese gesellschaftlichen Realitäten klugerweise jedoch nicht als moralinsaure Botschaft, sondern als Stichwortgeber für seine Pointen, ohne dabei oberflächlich zu wirken. Es bleibt eine spürbare Melancholie über verpasste Chancen und ein leiser Zweifel der Alten an der Richtigkeit des eigenen Lebensentwurfs, der dem Film über seine reine Unterhaltungsfunktion hinaus eine angenehme emotionale Tiefe verleiht, ohne je ins Sentimentale abzudriften.


Die nun vorliegende Blu-ray-Neuauflage von OneGate Media präsentiert den Film in einer Standardedition im schlichten Softbox-Format mit Wendecover, diesmal ohne FSK-Logo auf der Hülle. Das Bild liegt in ordentlicher 1080p-Auflösung mit AVC-Kodierung vor, der deutsche Ton wurde in DTS-HD Master Audio 5.1 abgemischt, was den pointierten Dialogen und der von Oliver Thiede komponierten Musik angemessenen Raum verschafft. Bonusmaterial sucht man auf der Scheibe vergeblich, was angesichts des insgesamt schlanken Veröffentlichungskonzepts dieser Neuauflage nicht überraschend, aber dennoch schade ist – gerade ein Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten mit einem derart aufgelegten Ensemble hätte sicher seinen Reiz gehabt.


Dass "Wir sind die Neuen" auch über ein Jahrzehnt nach seinem Kinostart noch derart frisch wirkt, liegt an seiner zeitlosen Grundidee: Der Konflikt zwischen Anspruch und Lebensfreude, zwischen ökonomischem Druck und gelebtem Idealismus, betrifft Jung und Alt gleichermaßen und hat in Zeiten weiter steigender Mieten und prekärer Lebensverhältnisse kaum an Aktualität eingebüßt. Westhoff gelingt dabei das seltene Kunststück, eine waschechte Wohlfühlkomödie zu erschaffen, die ihre Themen ernst nimmt, ohne dabei ihren Humor oder ihre Leichtigkeit zu verlieren. Wer deutsche Komödien mit Biss, einem brillant aufspielenden Ensemble und einem warmherzigen Blick auf das Älterwerden schätzt, findet in dieser Neuauflage eine ausgezeichnete Gelegenheit, diesem kleinen Juwel des zeitgenössischen deutschen Kinos eine zweite Chance zu geben – oder es nach Jahren mit ebenso großem Vergnügen wiederzuentdecken.