Es gibt Fernsehserien, die ihr Publikum vor allem durch Provokation gewinnen wollen, und solche, die sich hinter einer provokativen Prämisse eigentlich für etwas ganz anderes interessieren: für Identität, Doppelleben, den Preis der Freiheit und die Frage, was ein Mensch ist, wenn er seine Masken ablegt. Secret Diary of a Call Girl, die zwischen 2007 und 2011 auf dem britischen Sender ITV2 ausgestrahlte Dramaserie, gehört mit Sicherheit zur zweiten Kategorie — und One Gate Media bringt nun alle vier Staffeln in einer kompakten deutschen DVD-Box auf den Markt, die dieses zu Unrecht in Vergessenheit geratene Stück britischen Qualitätsfernsehens endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.
Die Vorlage ist so ungewöhnlich wie die Serie selbst. Dr. Brooke Magnanti, eine amerikanisch-britische Forschungswissenschaftlerin, arbeitete zwischen 2003 und 2004, während sie an ihrer Doktorarbeit schrieb, als Londoner Callgirl unter dem Pseudonym Belle de Jour. Sie dokumentierte ihre Erlebnisse anonym in einem Blog, der rasch eine beachtliche Leserschaft anzog — und das Erscheinen dieses Blogs markierte eines der ersten Male, dass ein Internetphänomen zu einem echten Massenmedien-Durchbruch wurde. Aus den Einträgen entstanden ab 2005 Bücher, zunächst The Intimate Adventures of a London Call Girl, in denen Belle ihre Erfahrungen ausformulierte und schilderte, wie sie zur Callgirl geworden war. Erst 2009, als sie befürchtete, von einem Ex-Freund öffentlich enttarnt zu werden, offenbarte Magnanti ihre wahre Identität. Diese Geschichte hinter der Geschichte — eine Wissenschaftlerin, die jahrelang ein Doppelleben führte und darüber schrieb, ohne erkannt zu werden — verleiht der Serie eine zusätzliche Dimension der Authentizität, die man beim Schauen stets im Hinterkopf behalten sollte.
Die Serienadaption, geschrieben von Lucy Prebble, war der erste eigenproduzierten Drama des Senders ITV2 und folgt Hannah Baxter, die tagsüber ein unauffälliges Leben führt und nachts als hochpreisige Escortdame namens Belle die exklusivsten Wünsche ihrer Londoner Klientel erfüllt. Das klingt nach seichter Erotik-Unterhaltung, ist aber in Wirklichkeit eine kluge Charakterstudie, die sich mit den Widersprüchen einer Frau beschäftigt, die beide Welten liebt und an beiden leidet.
Das Herzstück der Serie ist Billie Piper in der Titelrolle — und hier kann man gar nicht genug Lob verteilen. Die ehemalige Popsängerin, die einem deutschen Publikum vor allem durch ihre Rolle als Rose Tyler in Doctor Who bekannt sein dürfte und in jüngerer Zeit in Penny Dreadful und Wednesday zu sehen war, liefert eine Performance ab, die weit über das hinausgeht, was das Genre auf den ersten Blick erwarten lässt. Piper erschafft aus Belle eine Figur, die sämtliche Klischeevorstellungen vom ersten Moment an über Bord wirft. Sie ist kein Opfer familiärer Probleme, nicht süchtig, und keineswegs in finanzieller Not — Belle liebt Geld, und Belle liebt Sex, ganz einfach. Gleichzeitig gelingt es Piper, die Risse in dieser selbstsicheren Fassade mit feiner Nuanciertheit herauszuarbeiten: das leise Zögern, wenn Freunde fragen, die wachsende Erschöpfung des ewigen Versteckens, die Sehnsucht nach Normalität, die mit der Lust an der Freiheit des Doppellebens ringt.
Das Titellied der Serie ist ein Auszug aus Amy Winehouses „You Know I'm No Good", das über dem Vorspann erklingt, in dem Belle sich schminkt und anzieht — Detailaufnahmen von urbanem London dazwischengeschnitten. Die Songwahl ist kein Zufall: Wie Winehouses Musik changiert auch diese Serie zwischen Genuss und Melancholie, zwischen Empowerment und dem Bewusstsein um den Preis, den solche Freiheit kostet.
Die Serie erstreckt sich über vier Staffeln mit je acht Episoden im Format von knapp dreißig Minuten — ein Rhythmus, der dem Format des ursprünglichen Blogs entspricht: episodische Begegnungen, anekdotisch zugespitzt, aber durch den roten Faden von Hannahs wachsender innerer Zerrissenheit zusammengehalten. Die erste Staffel, die mit Episodentiteln wie „Belle de Jour", „Zeit ist Geld" und „Die Sexparty" die Grundkoordinaten der Figur absteckt, besitzt noch die Frische einer Entdeckung. Belle führt den Zuschauer direkt in ihre Welt ein, kommentiert ihr eigenes Tun mit trockenem Witz, erklärt Regeln und Rituale des Gewerbes mit der Sachlichkeit einer Unternehmensberaterin. Sie bekennt unverblümt, dass sie von Geld und Sex angetrieben wird, und teilt bereitwillig die Insider-Geheimnisse, die ihr beides sichern — dabei weist sie auch leichtfüßig auf die dunkleren Seiten hin, etwa dass sie einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen an ihre Agentin abgeben muss oder dass professionelle Distanz im Alltag bisweilen harte Disziplin erfordert.
Die zweite Staffel vertieft die emotionalen Konflikte: Episodentitel wie „Belle und die Liebe" oder „Das normale Leben" deuten an, dass die Serie zunehmend das Spannungsfeld zwischen Belles beruflicher Welt und dem Wunsch nach echter Nähe auslotet. Hier gewinnt die Beziehung zu ihrem besten Freund Benjamin, gespielt von Iddo Goldberg (Snowpiercer, Die Odyssee), an Gewicht — eine Freundschaft, die unter dem Druck von Hannahs Geheimnis zu zerbrechen droht. Goldberg ist ein Glücksgriff: Er verleiht Benjamin eine Wärme und Verletzlichkeit, die ihn zum emotionalen Anker der Serie macht.
Die dritte Staffel gewinnt reale Brisanz durch die gleichzeitig laufende öffentliche Debatte um die wahre Identität der echten Belle de Jour — Magnanti enttarnte sich im Herbst 2009, kurz vor der Ausstrahlung dieser Staffel — und spielt bewusst mit metafiktionalen Elementen. „Belle als Bestseller" und „Belles Schreib- und Sexblockaden" greifen das Thema der Öffentlichmachung von Intimitäten auf und spiegeln die reale Geschichte der Autorin auf subtile Weise zurück in die Fiktion. Das ist dramaturgisch besonders geschickt und verleiht diesen Episoden eine Resonanz, die rein fiktionale Stoffe kaum erreichen könnten.
Die vierte und letzte Staffel, die die Fragen von Ehe, Identität und beruflichem Abschluss ins Zentrum rückt, ist inhaltlich die ambitionierteste und erzählerisch vielleicht etwas überfrachtetste der vier. Die Episodentitel — „Belle als Hausbesitzerin und Ehefrau in spe?", „Belle als Escortchefin und Schwiegertochter?" — formulieren die inneren Dilemmata der Figur als offene Fragen, was Hannahs Zerrissenheit präzise auf den Punkt bringt, dramatisch aber gelegentlich auf der Stelle tritt. Gleichwohl gelingt dem Finale eine emotionale Ehrlichkeit, die weit von einfacher Auflösung entfernt ist.
Das Ensemble verdient besondere Erwähnung, und One Gate Media hebt dies zu Recht im Vermarktungstext hervor. Neben Piper und Goldberg begegnet man Gemma Chan (Eternals, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind) in einer frühen Serienrolle, ebenso Ashley Madekwe (Salem, Dr. Death), Callum Blue (heute bekannt aus 9-1-1: Notruf L.A.), Joanna Bobin (Bridgerton) und — in einem bemerkenswert frühen Karriereauftritt — Lily James (Downton Abbey). Die Serie funktioniert rückblickend auch als Who's Who aufstrebender britischer Schauspieltalente jener Jahre.
Zu den inhaltlichen Stärken kommt eine wichtige dramaturgische Entscheidung, die das Format von seiner Konkurrenz unterscheidet: Secret Diary of a Call Girl zeigt die dunkleren Seiten von Belles Arbeit, ohne in die moralisierende Falle zu tappen. Die Serie ist zu klug, um einer solchen Versuchung zu erliegen, und behandelt Prostitution als individuelle Lebensentscheidung, die getrennt vom Privatleben existiert — ohne zu beschönigen und ohne zu verdammen. Belle wird nie zur Heiligen stilisiert, aber auch nie zur Verworfenen degradiert. Diese Haltung der erzählerischen Enthaltsamkeit ist, gerade angesichts der deutschen Rezeptionsgeschichte solcher Stoffe, bemerkenswert.
Die DVD-Box von One Gate Media präsentiert alle 32 Episoden der vier Staffeln sowie Bonus-Webisodes, die seinerzeit als begleitendes Online-Content-Angebot produziert wurden und heute als zeithistorisches Dokument der frühen Webvideo-Ära interessant sind. Die technische Qualität der Bild- und Tonübertragung entspricht dem Produktionsstandard der Originalserie: Die bewusst leicht überbelichtete, weich gezeichnete Optik, die der Serie einen traumhaften, entrückten Look verleiht, kommt auf DVD befriedigend zur Geltung, auch wenn Liebhaber kristallklarer Bildschärfe hier nicht auf ihre Kosten kommen werden — was freilich der ästhetischen Absicht der Macher entspricht. Deutsche Synchronisation und englischer Originalton stehen zur Verfügung.
Alles in allem ist die Komplettbox von One Gate Media ein längst überfälliges Heimkino-Angebot für eine Serie, die zu Unrecht im Schatten ihrer skandalösen Prämisse stand. Secret Diary of a Call Girl ist klüger, menschlicher und charakterlich reicher als ihr Ruf — und Billie Pipers Leistung allein wäre Grund genug, diese Box im Regal stehen zu haben.