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Lucky Luke: Die Grimm Brothers ist ein Comic-Ereignis der besonderen Art: eine von Egmont Ehapa veröffentlichte Hommage an den unsterblichen Cowboy, diesmal nicht aus französisch-belgischer Feder, sondern von zwei der profiliertesten deutschen Comickünstler, die das Genre zu bieten hat. Flix, bekannt für seine witzige Neuinterpretation klassischer Stoffe, und Reinhard Kleist, gefeierter Graphic-Novel-Autor mit einem Händchen für historische Figuren, haben gemeinsam einen Band geschaffen, der ebenso liebevoll wie erfinderisch mit dem Lucky-Luke-Universum spielt.


Die Prämisse ist so simpel wie brillant: Jacob und Wilhelm Grimm, die Väter des deutschen Märchenschatzes, brechen zu einer Lesereise in den Wilden Westen auf und scheitern auf ganzer Linie. Schneewittchen und der Froschkönig verfangen sich im rauen Publikum der Frontier-Saloons schlicht nicht – die Cowboys, Goldsucher und Zocker wollen keine zarten Prinzessinnen und verzauberte Frösche, sie wollen Blut, Schmutz und Abenteuer. Dass Lucky Luke, der Mann, der schneller zieht als sein eigener Schatten, prompt zur Stelle ist, um die Lage zu entschärfen, versteht sich von selbst. Hier setzt die eigentliche Geschichte ein, und sie entfaltet sich mit einem Schmunzeln, das dem Leser die gesamte Lektüre über nicht verlässt.


Der entscheidende Kniff des Plots liegt in der Begegnung der Gebrüder Grimm mit Ma Dalton. Die durchtriebene Mutter der berüchtigten Dalton-Brüder wittert ihre Chance und tischt den naiven Gelehrten aus Kassel eine herzerwärmende Geschichte auf: Die vier Daltons, Joe, William, Jack und Averell, werden zu mustergültigen Helden, zu Männern von Ehre und Charakter, deren Abenteuer das neue Repertoire der amerikanischen Märchen bereichern sollen. Das Publikum in den Saloons liebt es. Die Daltons selbst – und das ist der köstlichste Witz des Bandes – finden die plötzliche Uminterpretation ihres Lebens als tugendhaften Brüder überhaupt nicht zum Lachen. Denn vier gar grimmige Gebrüder, die Zeit ihres Lebens als notorische Verbrecher bekannt waren, können mit einem Imagewandel zum braven Märchenhelden herzlich wenig anfangen. Dass das Spiel mit dem Wort „grimmig" – sowohl als Adjektiv als auch als Anspielung auf die Gebrüder Grimm – den gesamten Band trägt, gehört zu den elegantesten Einfällen des Drehbuchs.


Flix und Kleist gelingt es, die verschiedenen Register des Lucky-Luke-Universums souverän zu bedienen. Die Slapstick-Qualitäten der Dalton-Komik, die stoische Coolness Lukes und die selbstironische Dekonstruktion von Western-Klischees sind allesamt vorhanden und werden um eine weitere Dimension bereichert: die des literarischen und kulturhistorischen Spiels. Die Idee, die Gebrüder Grimm als fish-out-of-water-Figuren in den Wilden Westen zu versetzen, ist an sich schon ein Treffer, aber das Duo nutzt sie, um auch über das Verhältnis zwischen Geschichte und Mythos nachzudenken – denn letztlich haben die echten Gebrüder Grimm ja auch keine Märchen erfunden, sondern vorhandene Volksgeschichten gesammelt, geformt und veredelt. Ma Dalton tut im Grunde nichts anderes. Diese zweite Bedeutungsebene ist kein akademisches Beiwerk, sondern wächst organisch aus dem Humor des Bandes heraus.


Visuell bewegt sich der Band auf hohem Niveau. Kleists Zeichenstil, der in seinen Graphic Novels wie dem gefeierten Johnny Cash-Porträt oder El Borbah immer eine gewisse expressive Wucht mitbringt, fügt sich erstaunlich mühelos in die rondière Formensprache des Lucky-Luke-Universums ein, ohne dabei seinen eigenen Charakter vollständig aufzugeben. Die Panels atmen, die Mimik der Figuren ist treffsicher übertrieben, und die Schauplätze des Wilden Westens – Saloons, staubige Hauptstraßen, Gefängniszellen – werden mit liebevollem Detailreichtum ausgestattet. Wer die Originalserien von Morris und Goscinny kennt, wird sowohl die Verbundenheit mit dem Vorbild als auch die selbstbewusste Handschrift der deutschen Künstler erkennen.


Der Band erweist sich dabei als eine echte Hommage im besten Sinne: nicht servil, sondern kreativ angeeignet. Es gibt echten Lucky-Luke-Witz hier, echter Esprit, echte Herzlichkeit gegenüber den Figuren. Gleichzeitig machen Flix und Kleist keinen Hehl daraus, dass sie Deutsche sind, die über den Wilden Westen schreiben – die Gebrüder Grimm als Protagonisten sind geradezu ein offenes Bekenntnis zu dieser Perspektive. Das ist mutig und gelingt prächtig.
Leicht anmerken lässt sich, dass das Tempo an wenigen Stellen etwas ins Schleppende gerät und einige Gags ihren Effekt durch leichte Überfrachtung einbüßen. Auch wäre an mancher Stelle noch etwas Raum für die Entfaltung der historischen Grimm-Figuren gewesen – die beiden Märchenbrüder bleiben trotz ihrer zentralen Rolle mitunter etwas schematisch. Das sind jedoch Kleinigkeiten gegenüber dem Gesamteindruck, den dieser Band hinterlässt.


Lucky Luke: Die Grimm Brothers ist ein Fest für alle, die den Cowboy aus den Prärien lieben, und zugleich ein Beweis, dass die Figur auch in deutschen Händen brillieren kann. Flix und Kleist haben mit Charme, Witz und echtem Respekt vor dem Stoff einen Band geschaffen, der das Beste aus zwei Welten vereint: die Schelmerei der Dalton-Komik und die Lust am literarischen Spiel. Ein Genuss.