Mit „Torso" widmet sich Wicked Vision im Rahmen der Italo Movie Collection einem der einflussreichsten Werke des italienischen Giallo-Kinos, und die Wahl könnte kaum passender sein. Als Nummer zwei der Reihe erscheint Sergio Martinos 1973er-Regiearbeit nun erstmals in einer aufwendigen 4K-Restauration, abgetastet vom Original-Kameranegativ, und mit einer Fülle an Bonusmaterial, die dem Kultstatus des Films in jeder Hinsicht gerecht wird. Dass sich sogar Quentin Tarantino und Eli Roth öffentlich als Bewunderer dieses so sleazigen wie kompromisslosen Films bekennen, spricht für sich und macht deutlich, welchen Nachhall „Torso" bis in die Gegenwart des internationalen Horrorkinos entfaltet hat.
Handlung: Terror in der Universitätsstadt und auf dem Land
Die Geschichte spielt in einer italienischen Universitätsstadt, in der ein maskierter Serienmörder sein blutiges Unwesen treibt. Seine Opfer sind junge Kunstgeschichtsstudentinnen, die er zunächst mit einem charakteristischen Halstuch erdrosselt, ehe er ihre Leichen mit einer Säge zerstückelt. Angesichts der wachsenden Zahl an Opfern beschließen Jane und ihre drei Freundinnen, der Stadt und der lauernden Gefahr zu entfliehen, und ziehen sich in eine abgelegene Landvilla zurück. Dort jedoch müssen sie feststellen, dass die vermeintliche Sicherheit nur trügerisch ist, denn der Terror hat sie in die Isolation der ländlichen Idylle begleitet. Martino nutzt diesen Szenenwechsel geschickt, um aus der urbanen Hektik des ersten Teils in eine klaustrophobische, von Einsamkeit und wachsendem Misstrauen geprägte zweite Hälfte überzugehen, die zu den prägendsten Sequenzen des gesamten Giallo-Genres zählt.
Sergio Martino – Wegbereiter zwischen Giallo und Slasher
Sergio Martino gehört zu den prägendsten Regisseuren des italienischen Genrekinos der Siebzigerjahre und hat mit Werken wie „Der Schwanz des Skorpions" oder „Alle Farben der Dunkelheit" den Giallo entscheidend mitgeprägt. Mit „Torso" gelang ihm dabei mehr als nur ein weiterer Beitrag zum Genre: Der Film gilt vielen Kennern als eine der frühesten Wegbereiter des amerikanischen Slasherfilms, der erst Jahre später mit Werken wie „Halloween" seinen internationalen Durchbruch feiern sollte. Martinos Inszenierung verbindet die für den Giallo typische stilisierte, oft opernhafte Bildsprache mit einer rohen, unmittelbaren Brutalität, die dem Film seine besondere Stellung in der Genregeschichte sichert. Besonders die zweite Hälfte, in der die Spannung fast ausschließlich über Blicke, Stille und die Angst vor dem Unsichtbaren erzeugt wird, zeigt Martino als einen Regisseur, der weit mehr im Repertoire hatte als reine Effekthascherei.
Die Besetzung: Ein internationales Ensemble des Genrekinos
Suzy Kendall, die bereits mit Dario Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" zur Ikone des Giallo-Genres avanciert war, verkörpert mit Jane die zentrale Figur des Films und bringt jene Mischung aus Verletzlichkeit und wachsender Entschlossenheit mit, die für die „Final Girls" des Genres charakteristisch werden sollte. Tina Aumont ergänzt das Ensemble mit einer Präsenz, die dem Film eine zusätzliche europäische Klasse verleiht, während Luc Merenda, eines der bekannten Gesichter des italienischen Kriminalfilms jener Jahre, seiner Rolle eine bemerkenswerte Ambivalenz verleiht. John Richardson, dem internationale Genrefans nicht zuletzt aus zahlreichen Horror- und Abenteuerproduktionen ein Begriff ist, sowie Roberto Bisacco runden die Besetzung ab und tragen zu jenem Klima allgegenwärtigen Misstrauens bei, das den Film über weite Strecken trägt. Gerade das Zusammenspiel der Darsteller sorgt dafür, dass bis zur Auflösung nie ganz klar wird, wem man eigentlich vertrauen kann.
Bild- und Tonrestaurierung: Ein Kraftakt für Sammler
Diese Veröffentlichung sticht besonders durch ihre technische Sorgfalt hervor. Die 4K-Restauration wurde direkt vom Original-Kameranegativ abgetastet und liefert damit die bislang beste verfügbare Bildqualität des Films, ergänzt durch neues HDR und Dolby Vision, die der ohnehin markanten, von grellem Sonnenlicht und tiefen Schatten geprägten Bildsprache Martinos zusätzliche Tiefe verleihen. Verantwortlich für die aufwendige Bild- und Tonrestaurierung zeichnet LSP-Medien, deren Arbeit sich in jeder Einstellung bemerkbar macht. Besonders hervorzuheben ist zudem die deutsche Tonspur: Erstmals liegt „Torso" komplett in deutscher Sprache vor, wobei die seinerzeit geschnittenen und daher unsynchronisiert gebliebenen Szenen eigens neu vertont wurden. Für Sammler und Fans, die den Film bislang nur in lückenhafter deutscher Fassung kannten, ist dies ein entscheidender Mehrwert, der die Investition in diese Edition allein schon rechtfertigt.
Ausstattung und Verpackung
Das Mediabook kommt mit einem Wendecover ohne Logo daher, das den Fokus ganz auf das Artwork legt und damit besonders bei Sammlern gut ankommen dürfte. Ergänzt wird die Ausstattung durch ein exklusives, 28-seitiges Booklet mit einem Essay von Christoph N. Kellerbach, das dem Film eine fundierte kritische und historische Einordnung zuteilwerden lässt und die Bedeutung von „Torso" innerhalb der Giallo-Tradition sowie seinen Einfluss auf das spätere Slasher-Kino beleuchtet.
Die Extras im Detail
Der Umfang des Bonusmaterials dieser Edition ist außergewöhnlich und dürfte selbst anspruchsvollste Giallo-Enthusiasten zufriedenstellen. Auf der 4K-Ultra-HD-Disc finden sich neben dem italienischen Originaltrailer gleich zwei umfangreiche Audiokommentare: einer mit den Filmwissenschaftlern Prof. Dr. Marcus Stiglegger und Dr. Kai Naumann, die den Film in seinen historischen und ästhetischen Kontext einordnen, sowie ein zweiter mit der renommierten Genre-Expertin Kat Ellinger, die eine internationale, angelsächsisch geprägte Perspektive auf das Werk beisteuert.
Die zusätzliche Blu-ray präsentiert dieselben beiden Audiokommentare erneut und ergänzt sie um ein umfangreiches Interviewprogramm, das kaum eine Facette der Produktion unberücksichtigt lässt. In „All the Colors of Terror" kommt Regisseur Sergio Martino selbst zu Wort und gibt Einblicke in seine Arbeitsweise und die Entstehung des Films. „The Discreet Charm of the Genre" widmet sich im Gespräch mit Darsteller Luc Merenda dessen Erinnerungen an die Dreharbeiten, während „Dial S for Suspense" mit Co-Autor Ernesto Gastaldi die Entstehung des Drehbuchs beleuchtet und tiefere Einblicke in die narrative Konstruktion des Films liefert. Besonders reizvoll ist „Women in Blood", ein Interview mit Filmemacherin Federica Martino, der Tochter Sergio Martinos, die eine ganz persönliche, familiäre Perspektive auf das Werk ihres Vaters einbringt. Mit „Saturating the Screen" kommt zudem Buchautor Mikel J. Koven zu Wort, der den Film aus akademisch-kulturwissenschaftlicher Sicht einordnet. Abgerundet wird das Interviewprogramm durch ein Q&A von Sergio Martino anlässlich des Abertoir International Horror Festivals aus dem Jahr 2017, das einen direkten, ungefilterten Austausch mit dem Regisseur dokumentiert.
Für Sammler und Komplettisten von besonderem Interesse dürfte zudem der alternative Vor- und Abspann der sogenannten Joseph-Brenner-Fassung sein, jener US-Verleihversion, die sich in einigen Details vom italienischen Original unterscheidet. Ergänzt wird dies durch diverse weitere Vor- und Abspannsequenzen sowie italienische und englische Inserts, die die unterschiedlichen internationalen Fassungen des Films dokumentieren. Mit „Mord im Sumpf" ohne Nachtfilter erhalten Zuschauer zudem die Möglichkeit, eine zentrale Szene in ungefilterter Form zu betrachten, was gerade für an der Restaurierungsarbeit interessierte Fans einen spannenden Vergleich ermöglicht. Abgerundet wird das umfangreiche Paket durch den italienischen Trailer, den US-Trailer, verschiedene TV-Spots sowie Radio-Spots, die zusammen ein umfassendes Bild der damaligen Vermarktung des Films zeichnen.
Fazit
„Torso – Die Säge des Teufels" ist ein Schlüsselwerk des italienischen Giallo-Kinos, das mit Sergio Martinos stilsicherer Inszenierung, einem hochkarätigen internationalen Cast und seiner historischen Bedeutung als früher Wegbereiter des Slasherfilms bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat. Wicked Vision liefert mit dieser Veröffentlichung als zweitem Teil der Italo Movie Collection eine technisch herausragende, mit größter Sorgfalt restaurierte Fassung, die durch ihre erstmals komplette deutsche Synchronisation sowie ein außergewöhnlich umfangreiches und kenntnisreiches Bonusprogramm besticht. Für Giallo-Fans und Sammler des italienischen Genrekinos ist diese 4K-Edition ohne jede Einschränkung Pflicht.