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Supergirl Anthologie: Die Geschichte des Mädchens aus Stahl (Panini Comics)


Es gibt wenige Figuren im DC-Universum, deren Publikationsgeschichte so wechselhaft, so oft neu erfunden und so eng mit den größten Zäsuren der Verlagsgeschichte verwoben ist wie die von Supergirl. Mit der "Supergirl Anthologie: Die Geschichte des Mädchens aus Stahl" widmet Panini Comics dieser Figur nun einen Prachtband, der ihre Entwicklung von den frühen Silver-Age-Abenteuern bis in die Gegenwart nachzeichnet – und liefert damit gleichzeitig eine kompakte Geschichtsstunde über sieben Jahrzehnte DC-Comics, erzählt aus der Perspektive einer der interessantesten und zugleich am häufigsten neu gedeuteten Superheldinnen des Verlags.


Kara Zor-El: Mehr als nur die weibliche Superman-Variante


Was diese Anthologie von Anfang an klarstellt: Supergirl war nie einfach nur ein weiblicher Abklatsch ihres berühmten Cousins. Zwar teilt Kara Zor-El mit Kal-El nicht nur die kryptonische Herkunft, sondern auch die grundlegende Origin-Struktur – Flucht von einem sterbenden Heimatplaneten, Ankunft auf der Erde, ein Leben zwischen Doppelidentität und Superheldentum –, doch die Geschichten, die um sie herum erzählt wurden, gehen von Beginn an einen eigenen Weg. Hinter der jugendlichen Unbekümmertheit, mit der Kara oft dargestellt wird, verbirgt sich fast immer eine Figur, die von Verlust geprägt ist: der Verlust ihrer Heimat, ihrer Familie, ihres Platzes in einer Welt, die nie ganz die ihre wird. Diese Anthologie macht sich genau diese Spannung zwischen strahlender Superheldin und tragischer Heimatloser zum roten Faden und zeigt, wie unterschiedliche Autoren- und Zeichnergenerationen diesen Kern der Figur immer wieder neu interpretiert haben.


Von 1959 bis heute: Eine Reise durch mehrere Comic-Zeitalter


Der Band beginnt konsequenterweise am Ursprung: mit Kara Zor-Els erstem Auftritt im Jahr 1959, geschaffen von Otto Binder und Al Plastino. Binder, der bereits mit Figuren wie Bizarro und weiten Teilen der klassischen Superman-Mythologie zur Silver-Age-Ära beigetragen hatte, entwarf mit Supergirl eine Figur, die von Beginn an geschickt zwischen jugendlicher Abenteuerlust und der Schwere ihrer Herkunftsgeschichte balancierte. Al Plastinos Artwork wiederum prägte über Jahre hinweg das visuelle Bild der Figur und legte damit den Grundstein für alles, was folgen sollte.


Die Anthologie springt von dort aus durch die verschiedenen Ären der Figur, wobei besonders jener Moment im Mittelpunkt steht, den viele Leser als den prägendsten der gesamten Supergirl-Geschichte bezeichnen würden: ihr Tod im Rahmen von "Crisis on Infinite Earths" im Jahr 1985. Dieser Moment, der Kara Zor-El über Jahre aus der laufenden DC-Kontinuität verbannte, markiert einen der seltenen Fälle, in denen der Tod einer Comicfigur tatsächlich über eine lange Zeit hinweg respektiert wurde – und verleiht der Anthologie an dieser Stelle eine besondere erzählerische Schwere, da hier tatsächlich das Ende einer Ära dokumentiert wird, nicht nur eine weitere austauschbare Volte im Sammelsurium des Superheldengenres.


Aus der Zeit ihrer Abwesenheit und der anschließenden Neuerfindungen sticht insbesondere die Ära um Autor Peter David hervor, der in den neunziger Jahren mit einer gänzlich neu konzipierten Supergirl – zunächst als Verschmelzung aus einer Protoplasma-Lebensform namens Matrix und dem sterbenden Mädchen Linda Danvers – eine der am meisten gefeierten und komplexesten Interpretationen der Figur überhaupt schuf. Davids Run gilt bis heute als einer der literarisch ambitioniertesten Abschnitte der Supergirl-Publikationsgeschichte, da er sich intensiv mit Themen wie Identität, Glauben und Erlösung auseinandersetzte und damit weit über das hinausging, was man vom klassischen Superheldencomic jener Zeit erwarten durfte.


Mit der Rückkehr von Kara Zor-El als eigenständige, kryptonische Supergirl im Rahmen der "Infinite Crisis"-Ära und der anschließenden Loeb-Ära erhielt die Figur schließlich wieder jene Form, die die meisten heutigen Leser mit ihr verbinden. Jeph Loeb, dessen Name in der Anthologie prominent vertreten ist, prägte diese Wiedereinführung maßgeblich mit und positionierte Kara als jüngere, unerfahrenere Gegenspielerin und Verbündete Supermans zugleich – eine Dynamik, die bis in die New-52- und Rebirth-Ären der DC-Continuity nachwirkte und die Grundlage für zahlreiche spätere Interpretationen, darunter auch die Fernsehserie "Supergirl", bildete.


Abgerundet wird diese Zeitreise durch Beiträge von Curt Swan, dessen Zeichenstil über Jahrzehnte hinweg das visuelle Erscheinungsbild der gesamten Superman-Familie prägte und dessen Arbeiten in dieser Anthologie noch einmal eindrücklich vor Augen führen, wie sehr sich die zeichnerische Darstellung von Supergirl über die Jahrzehnte gewandelt und gleichzeitig in ihrem Kern bewahrt hat.


Eine Figur mit Tiefe – trotz oder gerade wegen ihrer Tragik


Was diese Anthologie besonders gelungen zusammenträgt, ist die Konsequenz, mit der Supergirls Geschichten immer wieder existenzielle Fragen verhandeln: Wer bin ich, wenn meine gesamte Herkunft ausgelöscht wurde? Welchen Platz kann ich mir in einer Welt erkämpfen, die nicht meine ursprüngliche Heimat ist? Und was bedeutet es, im Schatten einer bereits etablierten Ikone wie Superman dennoch eine eigenständige Identität zu entwickeln? Gerade weil die Anthologie chronologisch über sieben Jahrzehnte hinweg unterschiedlichste Antworten auf diese Fragen versammelt, entsteht ein bemerkenswert vielschichtiges Porträt einer Figur, die zu Unrecht oft nur als Randfigur des Superman-Mythos wahrgenommen wird.


Ausstattung und Aufmachung


Panini präsentiert die Anthologie im gewohnt hochwertigen Hardcover-Format, das dem Sammelband-Segment des Verlags entspricht und sich preislich sowie optisch in eine Reihe mit vergleichbaren Prachtbänden wie der Spider-Man- oder Fantastic-Four-Anthologie einordnet. Die Aufmachung als repräsentativer Sammelband unterstreicht dabei den Anspruch, hier nicht einfach nur eine lose Ansammlung alter Hefte neu aufzulegen, sondern tatsächlich eine kuratierte, in sich schlüssige Werkschau zu präsentieren, die den Bogen von den Wurzeln der Figur bis in die Gegenwart schlägt.


Fazit


Die "Supergirl Anthologie: Die Geschichte des Mädchens aus Stahl" ist weit mehr als eine bloße Sammlung nostalgischer Silver-Age-Abenteuer. Sie ist eine sorgfältig zusammengestellte Chronik einer Figur, die sich über sieben Jahrzehnte hinweg immer wieder neu erfinden musste – von Otto Binders und Al Plastinos ursprünglicher Konzeption über Peter Davids literarisch anspruchsvolle Neuinterpretation bis hin zu Jeph Loebs Rückführung der klassischen Kara Zor-El. Wer Supergirl bislang nur als Randfigur des Superman-Mythos abgetan hat, wird nach der Lektüre dieses Bandes eines Besseren belehrt: Kara Zor-El hat sich ihren Platz im DC-Universum mehr als verdient, und dieser Prachtband liefert den überzeugenden Beweis dafür. Eine klare Empfehlung für alle Fans klassischer wie moderner DC-Geschichte und für alle, die sich für die Entwicklung weiblicher Superheldenfiguren im amerikanischen Comic interessieren.