Es gibt Fußballsommer, die sich tief ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingebrannt haben, und der Sommer 1990 gehört zweifellos zu den prägendsten unter ihnen. Mit „Ein Sommer in Italien – WM 1990" widmet sich Regisseurin Vanessa Goll gemeinsam mit Nadja Kölling diesem historischen Moment auf eine Weise, die weit über eine klassische Sportdokumentation hinausgeht. Der Film, der im Frühjahr 2026 in den Kinos startete und nun als Blu-ray-Fassung über Tobis im Vertrieb von Leonine erscheint, erzählt die Geschichte des dritten deutschen WM-Titels konsequent aus der Perspektive derjenigen, die ihn erspielt haben.
Eine Klassenfahrt mit Weltmeisterschaft
Was diese Produktion von gängigen Rückblicken auf große Sportereignisse unterscheidet, ist ihr bewusst eingeschränkter Fokus. Statt eine umfassende Chronik des gesamten Turniers zu liefern, konzentriert sich der Film ausschließlich auf den Mikrokosmos der deutschen Mannschaft und begleitet sie an ihre italienischen Schauplätze zwischen Mailand, Turin, Rom und dem Comer See. Die Macher selbst beschreiben die Anlage treffend als Nacherzählung einer Klassenfahrt an einen italienischen See, komplett mit Eiscreme, Spaghetti, Bootsausflügen und gemütlichen Kartenspielnachmittagen am Pool des Quartiers Castello di Casiglio in Erba. Diese Verschiebung des Blickwinkels weg vom reinen Sportgeschehen hin zu den zwischenmenschlichen Momenten abseits des Platzes verleiht dem Film seine besondere Wärme und macht ihn auch für Zuschauer interessant, die sich sonst nicht sonderlich für Fußball begeistern.
Zentral für die Wirkung des Films ist das verwendete Bildmaterial. Neben hochwertigem Lizenzmaterial der FIFA und der damals beteiligten Sender, das ikonische Szenen wie Andreas Brehmes entscheidenden Elfmeter im Finale gegen Argentinien noch einmal im Original zeigt, stützt sich die Produktion maßgeblich auf bislang unveröffentlichte private Aufnahmen. Besonders hervorzuheben sind hier die Amateuraufnahmen von Torwarttrainer und Hobbyfilmer Sepp Maier, die einen fast intimen Blick hinter die Kulissen erlauben, dorthin, wo sonst keine Kamera hinkam: in die Kabine, in den Mannschaftsbus, in die Zimmer des WM-Quartiers. Die körnige, teils wacklige Bildsprache dieser privaten Mitschnitte kontrastiert bewusst mit dem polierten Archivmaterial der offiziellen Übertragungen und schafft so eine Authentizität, die dem Film seine besondere Note verleiht.
Zeitzeugen mit Abstand
Die Interviews mit den Spielern von damals bilden das eigentliche Rückgrat der Erzählung. Klaus Augenthaler, Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Thomas Häßler, Guido Buchwald und viele weitere aus dem Weltmeisterkader von 1990 kommen zu Wort, unabhängig davon, ob sie damals Stammspieler oder nur gelegentlich zum Einsatz kamen. Bemerkenswert ist dabei die erzählerische Ehrlichkeit, mit der die inzwischen deutlich gereiften Männer auf ihre eigene Geschichte zurückblicken. Der zeitliche Abstand von 35 Jahren erlaubt einen reflektierten, oft selbstironischen Blick auf die eigene Jugend, auf verbotene nächtliche Ausflüge, auf das heimliche Rein- und Rausschleichen durch Hintereingänge und auf die Reibungen zwischen den vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten und Egos innerhalb der Mannschaft.
Über den sportlichen Erfolg hinaus verortet der Film die WM 1990 auch als gesellschaftliches Ereignis von enormer Tragweite. Der Titelgewinn fiel in eine Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall und kurz vor der deutschen Wiedervereinigung, und der gemeinsame Jubel von Menschen aus Ost und West wird im Film explizit als Symbol für ein neues, geteiltes Selbstbewusstsein und ein aufkeimendes Wir-Gefühl gedeutet. Diese historische Einordnung verleiht dem Film eine zusätzliche Ebene, die ihn von einer reinen Nostalgieübung abhebt und ihn stattdessen als Zeitdokument einer besonderen Umbruchsphase deutscher Geschichte lesbar macht.
Nicht unerwähnt bleiben darf die emotionale Dimension, die der Film für alle Beteiligten bereithält, die diesen Sommer nicht mehr erleben durften. Franz Beckenbauer, Frank Mill und Andreas Brehme sind mittlerweile verstorben, und „Ein Sommer in Italien" lässt sich durchaus auch als bewegender Nachruf auf diese prägenden Figuren des deutschen Fußballs verstehen, ohne dabei ins Sentimentale abzugleiten.
Regie und Hintergrund
Verantwortet wird die Produktion von Vanessa Goll und ihrer Firma B|14 Film, die bereits mit Dokumentationen wie „Schumacher" für Netflix, „Daniel Richter" und „Wunderland" ihr Gespür für große, publikumswirksame Stoffe unter Beweis gestellt hat. An ihrer Seite steht mit Nadja Kölling eine erfahrene Autorin und Regisseurin, die durch ihre langjährige Arbeit für ZDF- und ARD-Formate wie „37 Grad" oder „Die Story" ein geschultes Auge für den sensiblen Umgang mit umfangreichem Archivmaterial mitbringt. Als Co-Autor fungiert der Sportjournalist Nils Suling, dessen 2023 erschienenes Buch „Wir Helden von Rom" die inhaltliche Grundlage und Inspiration für das Projekt lieferte und dessen enge Verbindung zu den ehemaligen Spielern und Funktionären dem Film erkennbar zugutekommt.
Fazit
„Ein Sommer in Italien – WM 1990" gelingt ein seltenes Kunststück: Der Film funktioniert als nostalgische Zeitreise für alle, die den Sommer 1990 selbst miterlebt haben, öffnet sich aber gleichzeitig auch nachfolgenden Generationen, indem er weniger auf taktische Fußballanalyse als auf universelle Themen wie Freundschaft, Zusammenhalt und Hoffnung setzt. Die Kombination aus bislang unveröffentlichtem Privatmaterial, hochwertigen FIFA-Archivaufnahmen und ehrlichen, altersweisen Interviews mit den Protagonisten von damals macht den Film zu einem sehenswerten Beitrag zur deutschen Sport- und Zeitgeschichte, der auf Blu-ray dank der hochauflösenden Bildqualität besonders bei den restaurierten Archivszenen seine Wirkung entfalten kann. Wer sich für deutsche Fußballgeschichte, für die besondere gesellschaftliche Symbolkraft jenes Sommers oder einfach für berührend erzählte Sportdokumentationen interessiert, findet hier ein rundum gelungenes Werk.