Wenige deutsche Genrefilme der Neunzigerjahre haben sich einen derart legendären Ruf erarbeitet wie "Kondom des Grauens". Die Grundlage bildet der gleichnamige Comic von Ralf König, dem Erfinder des "Bewegten Mannes", der bereits mit seiner bissigen, unverblümten und dabei stets warmherzigen Erzählweise über schwules Leben in Deutschland Kultstatus erlangt hatte. Regisseur Martin Walz übernahm gemeinsam mit König selbst und Mario Kramp die Drehbucharbeit und wagte sich an eine Verfilmung, die tonal zwischen bitterböser Horrorkomödie, schriller Trash-Ästhetik und einer erstaunlich ernsthaften, pro-queeren Grundhaltung changiert. Dass ausgerechnet Troma, das amerikanische Studio für Billig-Splatter und schrille B-Movie-Exzesse, den internationalen Vertrieb übernahm, verlieh dem Film zusätzlich einen internationalen Kultfaktor, der bis heute anhält, obwohl er hierzulande bei seiner Veröffentlichung zunächst eher für Kopfschütteln als für Begeisterung sorgte.
Blutrünstige Verhütung in New York
Die Handlung versetzt das Publikum in ein heruntergekommenes New Yorker Stundenhotel, in dem ein Professor bei dem Versuch, seine Schülerin zu verführen, auf grausame Weise seinen Penis verliert, gebissen von einem scheinbar ganz gewöhnlichen Kondom. Ermittler Luigi Mackeroni übernimmt den Fall und ist zunächst überzeugt, dass die junge Frau die Täterin sein muss, bis er sich selbst im gleichen Zimmer mit dem jungen Stricher Billy vergnügt und dabei am eigenen Leib erfährt, wozu die mörderischen Präservative fähig sind. Während im Hotel immer mehr Männer Opfer der Kondome werden, allesamt Kunden, die dieselbe billige Grundversorgung des Hotelbesitzers benutzt haben, spitzt sich die Lage zu, denn der bevorstehende Besuch eines Präsidentschaftskandidaten setzt die Ermittlungen zusätzlich unter Druck. Was als abstruse Prämisse beginnt, entfaltet sich zu einer bitterbösen Satire auf Homophobie, religiösen Fanatismus und gesellschaftliche Doppelmoral, verpackt in eine bewusst überzeichnete, comichafte Bildsprache.
Udo Samel als schwuler Ermittler wider Willen
Für die Hauptrolle des Luigi Mackeroni gewann Walz mit Udo Samel einen der angesehensten deutschen Theaterschauspieler seiner Generation. Samel hatte sich zuvor vor allem am Schauspielhaus Bochum und später an der Berliner Schaubühne einen Namen als vielseitiger Charakterdarsteller gemacht und war bereits in anspruchsvollen Kinoproduktionen wie Wim Wenders' "In weiter Ferne, so nah!" und in "Jenseits der Stille" zu sehen. Offen homosexuell lebend, brachte er der Rolle des schwulen, sizilianisch-stämmigen Kommissars eine innere Selbstverständlichkeit und Würde entgegen, die dem Film trotz aller Albernheit um ihn herum ein glaubwürdiges emotionales Zentrum verleiht. Samel meisterte den schwierigen Balanceakt zwischen comichafter Überzeichnung und echter Verletzlichkeit mit einer schauspielerischen Präzision, die weit über das hinausgeht, was man in einem Film dieser Kategorie erwarten würde.
Peter Lohmeyer als treuer Assistent
An Samels Seite ermittelt Peter Lohmeyer als sein Assistent Sam Hanks. Lohmeyer, der später vor allem durch seine Rolle als Nationaltrainer im Fußballfilm "Das Wunder von Bern" einem breiten Publikum bekannt wurde, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits ein gefragter Theater- und Fernsehschauspieler mit Wurzeln am Schauspiel Köln. Seine Fähigkeit, auch in völlig überdrehten Szenarien einen erdenden, fast bodenständigen Gegenpol zu setzen, kommt dem Film merklich zugute und macht das ungleiche Ermittlerduo zu einem der komödiantischen Anker der Handlung.
Marc Richter als emotionales Zentrum
Marc Richter verkörpert mit dem jungen Stricher Billy jene Figur, die dem Film sein überraschend zartes Liebesgeschichten-Element verleiht. Inmitten des blutigen Chaos rund um die mordenden Kondome entwickelt sich zwischen Billy und Mackeroni eine Zuneigung, die erstaunlich aufrichtig und unangestrengt wirkt, gerade weil sie nie zum bloßen comic reliefs verkommt. Richter, der zum Zeitpunkt der Produktion noch relativ am Anfang seiner Karriere stand, gelingt es, dieser Nebenfigur eine Menschlichkeit zu verleihen, die dem Gesamtwerk einen unerwarteten emotionalen Tiefgang schenkt.
Leonard Lansink in einer schrillen Nebenrolle
Leonard Lansink, der einem breiten deutschen Fernsehpublikum wenige Jahre später vor allem als "Wilsberg" bekannt werden sollte, überzeugt bereits hier mit seinem Gespür für schrullige, überzeichnete Nebenfiguren. Seine Rolle als Babette fügt sich nahtlos in das schrille Figurenensemble des Films ein und zeigt schon früh jenes komödiantische Talent, das später seine Fernsehkarriere prägen sollte.
Iris Berben als fanatische Wissenschaftlerin
Iris Berben, bereits zum Zeitpunkt der Dreharbeiten eine der bekanntesten und renommiertesten Schauspielerinnen Deutschlands mit einer langen Karriere in Kino und Fernsehen, liefert als fanatische, männerfeindliche Wissenschaftlerin Dr. Doris Riffleson eine der denkwürdigsten Performances des Films ab. Berben, die für ihre Wandlungsfähigkeit und ihr Engagement für gesellschaftspolitische Themen bekannt ist, geht in dieser Rolle völlig unangestrengt ins komödiantisch Groteske und liefert damit einen der Gründe, warum der Film bis heute als Geheimtipp gilt. Dass eine Schauspielerin ihres Kalibers sich auf ein derart schrilles Genreprojekt einließ, war seinerzeit durchaus ungewöhnlich und verlieh dem Film zusätzliche Seriosität.
Ein bemerkenswertes Ensemble an Nebendarstellern
Ergänzt wird die Besetzung durch eine ganze Reihe bemerkenswerter Figuren. Henning Schlüter, ein bereits damals betagter, aus dem Ensemble des Berliner Theaters unter Bertolt Brecht stammender Charakterdarsteller, der einem breiten Publikum vor allem aus Krimiserien wie "Derrick" und "Der Alte" sowie als deutsche Synchronstimme von Jackie Coogans Onkel Fester aus "The Addams Family" bekannt war, bringt sein unverwechselbares, markantes Gesicht in den Film ein. Ron Williams, ebenfalls ein erfahrener Charakterdarsteller mit langjähriger Fernsehpräsenz, und Ralf Wolter, der als Sam Hawkens und Hadschi Halef Omar in den Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre zu einem der beliebtesten deutschen Filmkomödianten seiner Generation avanciert war, verleihen dem Ensemble zusätzliches Gewicht und eine gewisse nostalgische Note, die den Cast weit über das übliche Genre-Niveau hinaushebt.
Adriana Altaras, die neben ihrer Schauspielkarriere später auch als gefeierte Bestsellerautorin und Theaterregisseurin bekannt werden sollte, bringt als Tochter jüdischer Partisanen aus dem ehemaligen Jugoslawien eine internationale Biografie und eine an der Hochschule der Künste Berlin sowie der New York University geschulte darstellerische Präzision in den Film ein. Für ihre Filmarbeit mit Rudolf Thome war sie bereits mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden, und ihr komödiantisches Gespür kommt auch in "Kondom des Grauens" voll zur Geltung. Evelyn Künneke, eine Diseuse und Sängerin mit einer bewegten, bis in die Zeit des Dritten Reichs zurückreichenden Karriere, verleiht ihrem kurzen Auftritt als Gerichtsmedizinerin einen unverwechselbaren Charme. Gerd Wameling, ein vielseitiger Theater- und Fernsehschauspieler mit langjähriger Bühnenerfahrung, sowie Meret Becker, die als Sängerin und Schauspielerin bereits zu dieser Zeit für ihre unangepasste, eigenwillige Ausstrahlung bekannt war, und schließlich Otto Sander, einer der profiliertesten deutschen Charakterdarsteller seiner Generation und unvergessen als Engel Cassiel in Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin", runden das für einen deutschen Genrefilm dieser Kategorie ungewöhnlich prominent besetzte Aufgebot ab.
Effekte mit Kultstatus
Für die blutigen, gleichermaßen komischen wie schockierenden Spezialeffekte zeichnete Jörg Buttgereit verantwortlich, der als Regisseur eigener kontroverser Werke bereits einen Namen im deutschen Undergroundkino hatte. Die kleinen, zähnefletschenden Gummimonster erhielten sogar konzeptionelle Unterstützung von niemand Geringerem als H. R. Giger, dessen Design-Handschrift dem "Alien"-Franchise weltweiten Ruhm eingebracht hatte, was dem Film eine unerwartete künstlerische Legitimität verschafft. Diese Kombination aus ambitionierter Effektarbeit und bewusst überdrehter Inszenierung macht "Kondom des Grauens" bis heute zu einem faszinierenden Kuriosum der deutschen Filmgeschichte, einem Film, der weit mutiger und politischer ist, als es sein reißerischer Titel vermuten lässt.
Das Mediabook von Wicked Vision
Wicked Vision widmet diesem einzigartigen Stück deutscher Genregeschichte nun ein aufwendiges 3-Disc-Mediabook in mattem Finish mit Spotlack-Veredelung, dessen Deckblatt auf der Rückseite ohne störende Klebepunkte abnehmbar gestaltet ist, eine kleine, aber für Sammler durchaus willkommene Liebe zum Detail. Das Mediabook enthält den Film auf einer 4K-UHD-Disc sowie zwei zusätzlichen Blu-rays und wird von einem 32-seitigen Booklet begleitet, das einen Essay von Christoph N. Kellerbach sowie ein Interview mit Regisseur Martin Walz versammelt. Besteller der Edition erhalten zudem eine Bonus-DVD mit einer rund 132-minütigen Rohschnitt-Fassung, eine echte Rarität, die tief unveröffentlichtes Material und alternative Szenen enthält, die selbst langjährige Fans des Films noch nie zu Gesicht bekommen haben.
Bild, Ton und Bonusmaterial im Detail
Die 4K-UHD-Blu-ray präsentiert den 118-minütigen Director's Cut in HDR und Dolby Vision, abgetastet vom originalen 35-mm-Kameranegativ und mit Encoding sowie Grading von LSP-Medien versehen, begleitet von einer eigens für diese Edition restaurierten deutschen Stereospur sowie brandneuen deutschen und englischen Untertiteln für Hauptfilm und Bonusmaterial. Zwei Audiokommentare mit Regisseur Martin Walz und Special-Effects-Supervisor Jörg Buttgereit, einer in deutscher und einer in englischer Sprache, runden diese Scheibe ab, ergänzt durch Videotrailer, Original-Kinotrailer und eine Bildergalerie. Die erste Blu-ray präsentiert denselben Director's Cut ohne HDR-Auswertung, dafür jedoch mit einem umfangreichen zusätzlichen Programm an Interviews. In "A Rough Ride" blickt Martin Walz auf die Entstehung des Films zurück, während Special-Effects-Supervisor Jörg Buttgereit in "Severed Parts" die technische Seite der berüchtigten Kondom-Attacken erläutert. Editorin Simone Klier kommt in "Rubber and Rushes" zu Wort und gewährt Einblicke in den Schnittprozess, während Walz in "This Is What We Built" sein persönliches Archiv öffnet und bislang unveröffentlichtes Material präsentiert. Auch hier finden sich ein weiterer Audiokommentar aus dem Jahr 2025, Trailer und Bildergalerie wieder. Die zweite Blu-ray schließlich bietet die 108-minütige Kinofassung mit 5.1- und Stereo-Mix und einem älteren Audiokommentar von Walz und Buttgereit aus dem Jahr 2000. Besonders umfangreich fällt hier das Interviewprogramm aus: "Holy Mackeroni!" versammelt Martin Walz und Hauptdarsteller Udo Samel zu einem gemeinsamen Gespräch, "What Is This?" lässt Adriana Altaras zu Wort kommen, und "It's Just a Movie" gibt Peter Lohmeyer Raum für seine Erinnerungen an die Dreharbeiten. Requisitensammler Roman Güttinger präsentiert in "Really Special Items" ausgewählte Originalrequisiten aus seiner Sammlung, während der 2003 entstandene Kurzfilm "Ich hätt's ihm früher sagen sollen …" von Martin Walz als eigenständiges Bonusstück beiliegt. Abgerundet wird die Ausstattung durch eine klassische Making-of-Featurette, Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen, Set-Interviews, die Archiv-Featurette "Würdest du dieses Kondom benutzen?" sowie Original-Kinotrailer, Videotrailer und eine weitere Bildergalerie.
Fazit
"Kondom des Grauens" ist und bleibt ein einzigartiges Stück deutscher Filmgeschichte, schrill, politisch unkorrekt und dabei überraschend warmherzig zugleich, getragen von einem für ein Genreprojekt dieser Kategorie ungewöhnlich prominenten und talentierten Ensemble. Das Mediabook von Wicked Vision wird diesem Kultklassiker mit einer beeindruckenden Fülle an liebevoll zusammengestelltem Bonusmaterial mehr als gerecht und dürfte für Sammler wie Fans des schrägen deutschen Genrekinos ein absolutes Highlight darstellen.
Der sensationelle Fund: Die Rohschnittfassung
Eine besondere Geschichte steckt hinter dem Bonusmaterial, das dieser Edition beiliegt. Wie Wicked Vision berichtet, kam das Thema durch einen beiläufigen Smalltalk mit Regisseur Martin Walz erneut zur Sprache, und bei der anschließenden Suche fand sich in alten Berliner Kellerräumen eine handbeschriftete VHS-Kassette, datiert auf den 12. Juni 1996, die eine der letzten erhaltenen Arbeitskopien des Films enthält. Dass nach dreißig Jahren überhaupt noch ein Rohschnitt in irgendwelchen Kisten auftaucht, grenzt an ein kleines Wunder der Filmarchäologie. Diese Arbeitskopie ist knapp vierzehn Minuten länger als der Director's Cut und enthält vor allem in der zweiten Hälfte umfangreiches unveröffentlichtes Material, darunter alternative Takes sowie jene legendäre Effektszene, in der ein Killer-Kondom einen bereits verschluckten Penis wieder ausspuckt. Über diese Sequenz wurde unter Fans jahrzehntelang spekuliert, gesehen hat sie außerhalb der Crew jedoch bislang niemand.
Beim Kauf des Mediabooks liegt diese Rohschnittfassung nun als Bonus-DVD in einer bedruckten Cardboard-Hülle kostenlos bei und stellt für Anhänger alternativer Schnittfassungen einen echten Schatz dar. Auch Fans von Jörg Buttgereit kommen hier auf ihre Kosten, denn die Arbeitskopie zeigt zusätzliche Effektszenen, die es letztlich nicht in die finale Fassung geschafft haben. Besonders bemerkenswert: Da das komplette herausgeschnittene 35mm-Material seinerzeit vernichtet wurde, handelt es sich bei dieser VHS-Arbeitskopie um das einzig verbliebene Zeitdokument dieser Szenen überhaupt, weshalb Wicked Vision sie nun dauerhaft konserviert. Präsentiert wird das Material bewusst unbearbeitet, in VHS-Qualität mit eingeblendetem Timecode, ohne finale Musikabmischung und mit den Originalstimmen der Dreharbeiten, roh und ungeschönt, wie es sich für ein solches Fundstück gehört. Wer sich das 3-Disc-Mediabook direkt im Wicked-Vision-Shop unter www.wicked-shop.com sichert, unterstützt damit nicht nur die Arbeit des Labels, sondern erhält diese einzigartige Rohschnittfassung automatisch als kostenlose Beigabe.