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Mit der dritten Ausgabe ihrer Thrill Kill Collection widmet sich Wicked Vision einem der interessantesten Grenzfälle des amerikanischen Thrillerkinos der frühen Neunziger: „Lisa – Stimme des Todes" aus dem Jahr 1990, im Original schlicht „Lisa" betitelt, feiert mit dieser Veröffentlichung seine europäische HD-Premiere und ist damit erstmals in bestmöglicher Bildqualität für deutsche Sammler zugänglich. Der Film bewegt sich geschickt zwischen Coming-of-Age-Drama und Serienkiller-Thriller und entwickelt gerade aus dieser ungewöhnlichen Kombination seine besondere Sogwirkung.


Handlung


Weil ihre übervorsichtige Mutter Katherine (Cheryl Ladd, „Drei Engel für Charlie") ihr verboten hat, mit Jungen auszugehen, erfindet die vierzehnjährige Lisa (Staci Keanan, „Ein Vater zuviel") ein bizarres Spiel, um ihre jugendliche Neugier zu befriedigen. Zusammen mit ihrer Freundin Wendy (Tanya Fenmore, „Meine Stiefmutter ist ein Alien") beschließt Lisa, heimlich attraktiven Männern zu folgen, ihre Telefonnummern herauszufinden und sie mit Telefonstreichen zu ärgern. Bis Lisa eines Tages den gutaussehenden Richard (D. W. Moffett, „Die Galgenvögel") mit anonymen Anrufen überrascht, der sie für eine erwachsene Frau hält und eine emotionale Bindung zu ihr aufbaut. So wie Richard nicht ahnt, dass er mit einem Teenager flirtet, weiß die naive Lisa nicht, dass ausgerechnet er ein psychopathischer Killer ist, der als „Candlelight Killer" die ganze Stadt in Atem hält.


Was den Film über weite Strecken so eigenwillig und zugleich so wirkungsvoll macht, ist die Weigerung, sich für eine der beiden Ebenen zu entscheiden. Auf der einen Seite steht ein einfühlsam gezeichnetes Mutter-Tochter-Drama, das die Reibungen zwischen Katherines übertriebener Fürsorge und Lisas Verlangen nach Selbstständigkeit ernst nimmt, ohne in Klischees zu verfallen. Auf der anderen Seite wächst parallel dazu eine waschechte Thriller-Bedrohung heran, deren Grausamkeit nie explizit ausgestellt, aber stets spürbar im Hintergrund präsent ist. Diese Gratwanderung sorgt dafür, dass „Lisa – Stimme des Todes" nie in reine Effekthascherei abrutscht, sondern echte Empathie für seine jugendliche Hauptfigur entwickelt, deren Sehnsucht nach Nähe und Anerkennung nachvollziehbar bleibt, selbst wenn ihre Entscheidungen zunehmend gefährlicher werden.


Regie: Gary Sherman


Hinter der Kamera stand mit Gary Sherman ein Regisseur, der sich im Genrekino der Siebziger und Achtziger bereits einen soliden Ruf als verlässlicher Handwerker mit Gespür für Atmosphäre erarbeitet hatte. Bekannt wurde Sherman vor allem durch seinen Undergrund-Horrorfilm „Death Line" (in Deutschland unter anderem als „Tod im U-Bahnschacht" bekannt), einer klaustrophobischen Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Londoner U-Bahn, sowie durch den brachialen Cop-Thriller „Vice Squad". Seinen größten Werkzyklus für deutsche Sammler liefert jedoch zweifellos „Tot & Begraben" (Original: „Dead & Buried"), ein von Dan O'Bannon und Ronald Shusett mitgeschriebener, morbider Horrorfilm, der bis heute als eines der Herzstücke des amerikanischen Kultkinos jener Ära gilt. Später inszenierte Sherman mit „Poltergeist III – Die dunkle Seite" den dritten und letzten Teil der Poltergeist-Reihe, ein Projekt, das durch den tragischen Tod von Hauptdarstellerin Heather O'Rourke während der Postproduktion überschattet wurde.


Bei „Lisa – Stimme des Todes" zeichnete Sherman nicht nur für die Regie, sondern gemeinsam mit Karen Clark auch für das Drehbuch verantwortlich, was den persönlichen, fast intimen Zugriff auf den Stoff erklärt. Anders als in seinen expliziteren Horrorarbeiten setzt Sherman hier auf eine langsam, aber kontinuierlich wachsende unheilvolle Atmosphäre. Die Inszenierung nimmt sich viel Zeit für die Etablierung des Alltagslebens von Lisa und Katherine, für die kleinen Reibereien und Zärtlichkeiten ihrer Beziehung, ehe die Bedrohung durch Richard immer konkreter und bedrängender wird. Diese erzählerische Geduld zahlt sich im Finale aus, das hart und unangenehm ausfällt und dem Zuschauer die zuvor aufgebaute Anspannung ungefiltert zurückgibt. Sherman beweist damit, dass er weit mehr kann als reine Schockmomente, nämlich echte psychologische Spannung über die volle Filmlänge zu tragen.


Die Darsteller


Cheryl Ladd, die die Rolle der Katherine übernimmt, war zum Zeitpunkt der Produktion längst ein etablierter Star, vor allem bekannt durch ihre Rolle als Kris Munroe in der Kultserie „Drei Engel für Charlie", die sie in den späten Siebzigern zu einem der bekanntesten Gesichter des amerikanischen Fernsehens machte. In „Lisa – Stimme des Todes" zeigt Ladd eine differenzierte Facette ihres Könnens: Ihre Katherine ist keine eindimensionale, überstrenge Mutter, sondern eine Frau, die aus eigener, schmerzhafter Erfahrung heraus handelt, da sie selbst als Teenager schwanger wurde und dadurch von ihrer eigenen Familie verstoßen wurde. Diese Hintergrundgeschichte verleiht ihrer Fürsorge eine tragische Tiefe, und Ladds Spiel trägt maßgeblich dazu bei, dass Katherine trotz ihrer restriktiven Haltung sympathisch bleibt. In der zeitgenössischen wie retrospektiven Kritik wurde gerade ihre Leistung immer wieder besonders positiv hervorgehoben.


D. W. Moffett gibt den charismatischen Richard und meistert dabei die schwierige Aufgabe, eine Figur glaubhaft zu machen, die gleichzeitig charmant und abgründig sein muss. Moffett, der unter anderem durch „Die Galgenvögel" einem größeren Publikum bekannt wurde und später vor allem als vielbeschäftigter Fernsehdarsteller in Serien wie „Chicago Hope" oder „Friday Night Lights" reüssierte, verleiht Richard eine oberflächliche Attraktivität, hinter der sich die Kälte des Serienmörders nur in kleinen Momenten offenbart. Gerade diese Zurückhaltung macht die Figur so beunruhigend, da der Zuschauer, ähnlich wie Lisa selbst, immer wieder dazu verleitet wird, an das Gute in Richard glauben zu wollen.


Die eigentliche Entdeckung des Films ist jedoch Staci Keanan in der Titelrolle, die mit „Lisa – Stimme des Todes" ihr Kinodebüt gab. Keanan, die einem breiteren deutschen Publikum vor allem durch die Sitcom „Ein Vater zuviel" bekannt ist, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten selbst im Teenageralter, was der Rolle eine besondere Authentizität verleiht, die im Genre nicht selbstverständlich ist. Statt einer erwachsenen Schauspielerin, die eine Jugendliche mimt, sieht man hier tatsächlich ein junges Mädchen, dessen Ungeduld, Trotz und Sehnsucht nach Anerkennung glaubwürdig und nie überzeichnet wirken. An ihrer Seite überzeugt Tanya Fenmore als beste Freundin Wendy, die zunächst die treibende Kraft hinter den gemeinsamen Streichen ist, im Verlauf der Handlung jedoch zunehmend die Gefahr erkennt, in die sich Lisa begibt. Abgerundet wird der Cast durch Jeffrey Tambor in einer kleineren, aber pointierten Nebenrolle.


Bild und Ton


Wicked Vision präsentiert „Lisa – Stimme des Todes" erstmals in Europa in HD-Qualität, und das Ergebnis weiß zu überzeugen. Das Bild zeigt einen angenehm filmischen Look mit stimmigem Korn, ohne dass störende Artefakte oder übertriebene Nachschärfung den Gesamteindruck trüben. Gerade die nächtlichen Szenen, in denen Richard seine Opfer im Kerzenschein empfängt, profitieren von der sauberen Kontrastdarstellung und den satten Schwarzwerten. Tonseitig liegt der Film in seiner Originalfassung sowie in deutscher Synchronisation vor, wobei beide Spuren sauber und klar abgemischt sind und dem dezenten, aber wirkungsvollen Score genügend Raum zur Entfaltung lassen.


Bonusmaterial


Wie von Wicked Vision gewohnt, wird die Veröffentlichung mit einem umfangreichen und liebevoll zusammengestellten Bonusprogramm veredelt. Bereits die Aufmachung weiß zu gefallen, denn die Scheibe kommt mit einem Wendecover ohne Logo daher, sodass Sammler die Möglichkeit haben, das Artwork frei von Altersfreigaben und Schriftzügen zu präsentieren. Begleitet wird die Veröffentlichung von einem zwanzigseitigen Booklet, für das Christoph N. Kellerbach einen fundierten Essay beigesteuert hat, der den Film in seinen filmhistorischen Kontext einordnet und sowohl auf die Produktionsgeschichte als auch auf die Rezeption eingeht.


Das Herzstück der Extras bildet zweifellos der Audiokommentar von Drehbuchautor und Regisseur Gary Sherman, der detailliert über die Entstehung des Films, die kreativen Entscheidungen bei der Balance zwischen Drama und Thriller sowie über die Zusammenarbeit mit seinem Cast Auskunft gibt. Ergänzt wird dieser durch ein Interview mit Hauptdarsteller D. W. Moffett, der aus seiner Perspektive auf die Dreharbeiten zurückblickt und interessante Anekdoten zur Erarbeitung seiner ambivalenten Figur preisgibt. Ein weiteres, besonders aufschlussreiches Gespräch führt Gary Sherman gemeinsam mit Editor Ross Albert, in dem beide auf den Schnittprozess und die damit verbundenen dramaturgischen Herausforderungen eingehen, etwa auf die Frage, wie viel Spannung durch Timing und Montage erzeugt werden kann, ohne auf explizite Gewaltdarstellung zurückgreifen zu müssen. Abgerundet wird das Paket durch den Originaltrailer sowie eine Bildergalerie, die einen zusätzlichen visuellen Einblick in die Produktion gewährt.


Fazit


Kultregisseur Gary Sherman inszeniert mit dieser europäischen HD-Premiere einen ungemein spannend erzählten Thriller, der langsam, aber kontinuierlich eine unheilvolle Atmosphäre aufbaut, bevor er in ein hartes und unangenehmes Finale mündet. Getragen von einem hervorragend aufgelegten Cast rund um Cheryl Ladd, D. W. Moffett und die beeindruckende Newcomerin Staci Keanan, gelingt es dem Film, die Grenzen zwischen Coming-of-Age-Drama und Serienkiller-Thriller aufzulösen und daraus eine ganz eigene, nachhaltig beunruhigende Erzählung zu formen. Wicked Vision liefert mit Nummer drei der Thrill Kill Collection eine technisch überzeugende und mit liebevollem Bonusmaterial ausgestattete Veröffentlichung ab, die in keiner Sammlung fehlen sollte.