Elf lange Jahre mussten Fans der Rhythm-Heaven-Reihe warten, seit Rhythm Heaven Megamix 2015 auf dem Nintendo 3DS erschien. Mit Rhythm Paradise Groove, wie das Spiel in Europa heißt (in Nordamerika läuft es unter dem Titel Rhythm Heaven Groove, in Japan als Rhythm Tengoku: Miracle Stars), kehrt Produzent und Komponist Tsunku♂ gemeinsam mit Nintendo EPD und dem Studio TNX auf die Nintendo Switch zurück und liefert damit den fünften Teil einer Serie, die sich seit jeher konsequent gegen die Konventionen klassischer Rhythmusspiele stellt.
Ein Konzept, das sich treu bleibt
Wer die Reihe kennt, weiß, worauf er sich einlässt: Statt bunter Noten-Highways und visueller Trefferanzeigen verlangt Rhythm Paradise Groove von seinen Spielerinnen und Spielern, sich fast ausschließlich auf das Gehör zu verlassen. Die Grafik ist vorhanden und liebevoll gestaltet, doch die eigentlichen Timing-Hinweise stecken in der Musik selbst, nicht in aufblinkenden Symbolen. Dieser Ansatz geht auf die Ursprungsidee Tsunkus zurück, mit dem ersten Rhythm-Heaven-Spiel tatsächlich das Rhythmusgefühl der Spielenden zu schulen, statt bloß Reflexe zu testen. Über 80 neue Solo-Minispiele verteilen sich auf sechzehn Sets zu je fünf Spielen, wobei jedes Set aus vier eigenständigen Minispielen sowie einem abschließenden Remix besteht, der die vorangegangenen Titel zu einer großen Sequenz verschmilzt. Das letzte Set bündelt in fünf finalen Remixes noch einmal sämtliche Sets der gesamten Kampagne – ein Bombast-Finale, das die Ausdauer und das über Stunden aufgebaute Rhythmusgefühl der Spielenden auf die Probe stellt.
Von Reifen springenden Fröschen bis zu Gemüse werfenden Außerirdischen
Die inhaltliche Bandbreite der Minispiele ist beeindruckend und bewegt sich optisch irgendwo zwischen WarioWare und einer Prise Katamari Damacy-Chaos. Mal springt man als Frosch durch Reifen, mal fängt man als Hund fliegende Frisbees, mal schwingt man Vorschlaghämmer im Takt oder wischt Scheibenwischer über virtuelle Windschutzscheiben. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht in der Vielfalt der Szenarien, sondern in der schieren Unbarmherzigkeit der Timing-Fenster. Manche Minispiele folgen einem intuitiven, geradlinigen Beat und lassen sich nach wenigen Versuchen meistern, andere arbeiten bewusst mit Off-Beat-Rhythmen, verstecken visuelle Hinweise vollständig oder verlangen, während stiller Pausen im Kopf mitzuzählen. Wer glaubt, sich angesichts der niedlichen Cartoon-Optik auf ein entspanntes Partyspiel einzustellen, wird schnell eines Besseren belehrt: Rhythm Paradise Groove verzeiht wenig und fordert von Anfang an echte Präzision.
Eine willkommene Neuerung gegenüber Megamix ist der sogenannte Perfect Campaign, bei dem ein makellos abgeschlossenes Level zunächst mit einem Herzsymbol markiert wird. Wer ein Minispiel dreimal in Folge perfekt absolviert, verwandelt dieses Herz in ein Regenbogen-Herz und schaltet den sogenannten Night Mode frei, in dem der Bildschirm komplett abdunkelt und ausschließlich die akustischen Signale zählen – eine konsequente Zuspitzung des Serienprinzips, das visuelle Krücken zugunsten des reinen Hörens eliminiert. Ebenfalls neu ist eine Bestrafung für übereifriges Buttonmashing: Wer etwa im Minispiel mit den zu überspringenden Reifen einfach wild die Sprungtaste drückt, wird selbst bei erfolgreichem Abschluss aller Hindernisse mit einer schlechten Wertung abgestraft. Das Spiel will eben tatsächlich Rhythmusgefühl belohnen, keine Reaktionsschnelligkeit.
Musik von Tsunku♂ und internationalen Gaststars
Der Soundtrack bildet das Rückgrat des gesamten Spiels, und hier zeigt sich Tsunku♂ trotz seiner Erkrankung am Kehlkopfkrebs im Jahr 2014, die ihn seiner Stimmbänder beraubte, weiterhin als kreativer Kopf hinter der Serie. Die Kompositionen reichen von eingängigen J-Pop-Ohrwürmern bis zu schrägen, genreübergreifenden Experimenten, und mit Gastbeiträgen von Sakurai Yui von Fruits Zipper sowie der Sängerin Ado holt sich das Spiel prominente Unterstützung aus der aktuellen japanischen Musikszene. Wer die englischsprachigen Lokalisierungen früherer Serienteile mit ihren eingedeutschten beziehungsweise eingeenglischten Songtexten schätzte, wird in Groove womöglich etwas vermissen, da die japanischen Stücke diesmal stärker im Original belassen wurden. Musikalisch bleibt der Titel dennoch auf höchstem Niveau der Serie.
Mehr als nur Minispiele: Beatspell, Drum Lessons und Co.
Wer genug Medaillen durch überdurchschnittliche Wertungen in den regulären Minispielen sammelt, schaltet nach und nach zusätzliche Inhalte frei. Allen voran steht der neue Modus Beatspell, ein kleines rhythmusbasiertes Rollenspielabenteuer, in dem verschiedene Tastenkombinationen im Takt gedrückt werden müssen, um Zaubersprüche zu wirken und Monster in vier Kapiteln zu bezwingen. Der Vergleich mit Titeln wie Cadence of Hyrule drängt sich hier auf, auch wenn Beatspell insgesamt schlichter gestrickt ist als die eigentliche Kernkampagne. Daneben kehrt der Serienklassiker Drum Lessons zurück, in dem sich einzelne Bestandteile eines virtuellen Schlagzeugs unabhängig voneinander per Tastendruck spielen lassen, wahlweise anhand geführter Lektionen oder frei im sogenannten Free Jam. Die Rhythm Toy Box bietet eine Sammlung kleinerer, druckloser Spielereien ohne Wertungssystem, während der Modus Who's Got Rhythm als Quizshow-artiges Rhythmusduell gegen KI-Gegner oder andere Mitspieler daherkommt. Im Café schließlich kann man sich mit der Bardame unterhalten, Tipps erhalten oder einfach nur bei ein wenig Trivia entspannen. Insgesamt ergibt sich so ein Umfang, der weit über die reine Minispielsammlung hinausgeht, auch wenn die Zusatzmodi qualitativ nicht ganz an die Faszination der Hauptkampagne heranreichen.
Multiplayer als echter Pluspunkt
Mit mehr als 30 Mehrspieler-Minispielen für bis zu vier Personen an einer Konsole bietet Rhythm Paradise Groove einen der umfangreichsten Koop- und Kompetitiv-Modi der Serienhistorie. Die kurzen, leicht zugänglichen Runden eignen sich hervorragend für spontane Partyabende, zumal das Rhythmusgefühl der Mitspielenden ein herrlich dankbares Ziel für Spott und Frotzeleien darstellt. Gerade weil die Präsentation so charmant und niemals bierernst daherkommt, verzeiht die Runde auch ausgiebiges Scheitern mit viel Gelächter statt Frustration.
Präsentation, Zugänglichkeit und technische Aspekte
Erzählt wird das gesamte Spiel von der Assistenzfigur Li'l Miss Reeds, die sämtliche Texteinblendungen vorliest, wobei sich diese Vertonung bei Bedarf abschalten lässt. Nintendo hat zudem einige Zugänglichkeitsoptionen integriert, darunter eine Kalibrierung der Eingabeverzögerung passend zum eigenen Fernseher – ein Detail, das angesichts der gnadenlos engen Timing-Fenster durchaus praxisrelevant ist. Wer mit Bluetooth-Kopfhörern spielt, sollte sich der minimalen, aber spürbaren Latenz bewusst sein, die bei einem derart präzisionsabhängigen Spiel zum echten Störfaktor werden kann; eine kabelgebundene Verbindung oder eine 2,4-GHz-Funklösung ist hier klar zu empfehlen. Vereinzelt berichten Spielerinnen und Spieler von spürbarem Input-Lag im Fernsehmodus, was angesichts der Millisekunden-genauen Anforderungen der Reihe ein ernstzunehmender Kritikpunkt bleibt, auch wenn sich dies mit den vorhandenen Kalibrierungsoptionen zumindest teilweise ausgleichen lässt. Rhythm Paradise Groove erschien am 2. Juli 2026 weltweit für Nintendo Switch und ist auch mit der Nintendo Switch 2 kompatibel, wenngleich es keine dedizierte 4K- oder HDR-Bildaufwertung für die Nachfolgekonsole gibt.
Fazit
Rhythm Paradise Groove ist die längst überfällige Rückkehr einer Serie, die mit ihrem eigenwilligen, konsequent auf das Gehör statt auf grelle visuelle Reize setzenden Spielprinzip nach wie vor einzigartig im Genre dasteht. Die schiere Menge an über 80 neuen Solo-Minispielen, dazu mehr als 30 abwechslungsreiche Mehrspieler-Titel sowie Zusatzmodi wie Beatspell und Drum Lessons, sorgt für einen enormen Umfang, der sowohl Neueinsteigern als auch langjährigen Serienfans etwas bietet. Die Präsentation bleibt charmant chaotisch, der Soundtrack von Tsunku♂ und seinen Gästen gehört zu den stärksten der Reihe, und der neue Night Mode setzt dem puristischen Grundgedanken der Serie noch eine reizvolle Spitze auf. Wer allerdings mit den teils gnadenlos engen Timing-Fenstern und den bewusst irreführenden Off-Beat-Passagen hadert, sollte sich auf eine spürbare Lernkurve gefasst machen, die dem Spiel seinen ganz eigenen, unnachgiebigen Charakter verleiht. Für alle, die sich auf dieses Prinzip einlassen, ist Rhythm Paradise Groove eines der originellsten und zugleich forderndsten Spiele, die in diesem Jahr auf der Switch erschienen sind, und ein würdiger, wenn auch nicht ganz an Megamix heranreichender fünfter Teil einer einzigartigen Reihe.