Nextgengamersnet
Games, Movies and more
 
 
 


Mit Grandmother's House legt Wicked Vision im Rahmen ihrer Thrill Kill Collection den vierten Teil einer Reihe vor, die sich der Wiederentdeckung vergessener US-Genrekost der späten Achtziger verschrieben hat. Der 1988 entstandene Film aus dem Hause Nico Mastorakis' Omega Pictures fristete jahrzehntelang ein Schattendasein abseits der bekannteren Slasher-Klassiker seiner Zeit, ehe ihn Vinegar Syndrome in den USA in 4K-Restaurierung wiederbelebte. Nun erscheint das Werk erstmals aufwendig restauriert, ungekürzt und mit umfangreichem Bonusmaterial auch für den deutschsprachigen Markt.


Die Handlung: Idylle mit Rissen


David und seine ältere Schwester Lynn verlieren durch den plötzlichen Tod ihres Vaters beide Elternteile und werden fortan Vollwaisen. Ihre Großeltern nehmen sich der beiden Teenager an und holen sie auf die alte Familienfarm, die inmitten einer weitläufigen Orangenplantage im ländlichen Kalifornien liegt. Was zunächst wie eine idyllische Rückkehr in vertraute Kindheitsgefilde wirkt, entpuppt sich schon auf der Busfahrt zum neuen Zuhause als Vorbote von etwas Beunruhigendem: Eine mysteriöse Frau taucht mitten auf der Landstraße auf und verschwindet ebenso plötzlich wieder, fast hätte der Busfahrer sie überfahren. In der Gegend werden bald die ersten Leichen gefunden, und als David eines Nachts beobachtet, wie seine Großeltern eine Unbekannte fesseln und im Keller verstecken, wächst in ihm der Verdacht, die freundlichen alten Leute könnten selbst etwas mit den Morden zu tun haben. Regisseur Peter Rader verdichtet diese Grundsituation zu einer Reihe spannungsgeladener Sequenzen, in denen sich Traum und Wirklichkeit zunehmend vermischen, und hält die eigentliche Auflösung bewusst bis kurz vor Schluss zurück. Wenn sich die wahre Identität der geheimnisvollen Frau schließlich offenbart, wird das gesamte bisher Gesehene noch einmal in ein anderes Licht gerückt – ein klassischer Twist, der dem Film seine besondere Note verleiht, auch wenn die Auflösung selbst reichlich knapp und für manche Zuschauer nicht restlos nachvollziehbar präsentiert wird.


Zwischen Gothic-Horror und Mystery-Thriller


Grandmother's House verbindet den visuellen Stil eines Gothic-Horrorfilms mit den erzählerischen Mustern eines Mystery-Thrillers und positioniert sich damit bewusst abseits des reinen Body-Count-Kinos, das das Slasher-Genre der Achtziger sonst prägte. Auffällig ist, dass ein Großteil der Handlung in gleißendem Tageslicht spielt, was dem Film eine ungewöhnliche, fast unwirkliche Atmosphäre verleiht: Das viktorianische Anwesen und die endlosen Reihen der Orangenbäume wirken tagsüber geradezu heiter, während sich unter dieser Oberfläche längst etwas Abgründiges zusammenbraut. Verfolgungsjagden durch die Plantage und entlang eines Bewässerungskanals gehören zu den visuell eindrucksvollsten Momenten des Films und zeugen von einem für ein Regiedebüt bemerkenswerten Gespür für Rhythmus und Raumgestaltung.


Regisseur Peter Rader


Grandmother's House markiert das Spielfilmregiedebüt von Peter Rader, der in den folgenden Jahren eine bemerkenswerte, wenn auch unstete Karriere in Hollywood durchlief. Nach seinem Einstand mit diesem kleinen, aber eigenwilligen Genrewerk inszenierte er 1990 den Actionfilm Hired to Kill und übernahm 1995 sowohl Regie als auch Drehbuch für die Disney-Channel-Neuverfilmung von Escape to Witch Mountain. Weitaus bekannter wurde Rader jedoch als Drehbuchautor: Gemeinsam mit David Twohy verfasste er das Skript zu Kevin Costners gigantischem Science-Fiction-Epos Waterworld (1995), das trotz seines katastrophalen Rufs als teuerster Flop der Filmgeschichte längst zu einem Kultfilm mit eigener Fangemeinde avanciert ist. Auch am Historienabenteuer The Last Legion (2007) mit Colin Firth war er als Autor beteiligt. In Grandmother's House zeigt sich bereits vieles von dem, was Rader später in seinen größeren Produktionen auszeichnen sollte: ein Gespür für ungewöhnliche Settings und die Bereitschaft, mit den Erwartungen des Publikums zu spielen, auch wenn ihm auf dieser vergleichsweise kleinen Produktion naturgemäß engere Grenzen gesetzt waren als bei seinen späteren Studioarbeiten.


Das Drehbuch von Peter Jensen


Für das Drehbuch zeichnet der renommierte Kameramann und Steadicam-Operator Peter Jensen verantwortlich, der gemeinsam mit Gayle Jensen die Geschichte entwickelte und beim Film zugleich als Kameramann fungierte. Diese Doppelfunktion erklärt einiges an der visuellen Kohärenz von Grandmother's House: Wer die Geschichte selbst mitverfasst hat, weiß beim Dreh genau, welche Bilder die Spannung tragen sollen. Jensen machte sich in der Branche vor allem als gefragter Steadicam-Spezialist einen Namen und brachte dieses technische Können auch in die fließenden, oft unbequem nahen Kamerafahrten dieses Films ein, die den jugendlichen Hauptfiguren buchstäblich auf den Fersen bleiben.


Produzent Nico Mastorakis


Hinter der Produktion steht mit Nico Mastorakis eine der schillerndsten Figuren des internationalen Exploitationkinos jener Jahre. Der griechische Regisseur und Produzent, der mit dem berüchtigten Die Teuflischen von Mykonos (Originaltitel Island of Death, 1976) einen der kontroversesten Skandalfilme der Siebziger verantwortete, hatte sich in den Achtzigern in den USA als vielseitiger Genreproduzent etabliert. Mit seiner Produktionsfirma Omega Pictures ermöglichte er zahlreichen jungen Filmschaffenden, darunter eben auch Peter Rader, ihre ersten Regiearbeiten, und sein Gespür für vermarktbare Genrestoffe lässt sich auch in Grandmother's House deutlich erkennen.


Die Besetzung


In der Rolle des David überzeugt Eric Foster, der zuvor bereits in dem ebenfalls bei Vinegar Syndrome wiederveröffentlichten Cry Wilderness zu sehen war, mit einer für einen jugendlichen Hauptdarsteller bemerkenswert intensiven Leistung, die von mehreren Kritikern als eine der stärksten des gesamten Films hervorgehoben wird. An seiner Seite spielt Kim Valentine, die später unter anderem in .Com for Murder zu sehen war, seine ältere Schwester Lynn, deren Figur im Zentrum eines Großteils der Spannungsmomente steht. Len Lesser, dem breiteren Publikum vor allem als Onkel Leo aus der Sitcom-Ikone Seinfeld bekannt, verleiht dem Großvater eine Präsenz, die von der zeitgenössischen wie retrospektiven Kritik unisono als Glanzpunkt der Besetzung gewürdigt wird – seine Mischung aus grandväterlicher Herzlichkeit und latenter Bedrohlichkeit trägt einen Großteil der Verunsicherung, die den Film durchzieht. Ida Lee steht ihm als Großmutter zur Seite und rundet das ungleiche Ehepaar glaubwürdig ab. Eine besondere Erwähnung verdient zudem Brinke Stevens, die durch Kultfilme wie Nightmare Sisters zur festen Größe des Achtziger-Horrorkinos wurde und hier als die geheimnisvolle, zunächst nur schemenhaft auftauchende Frau eine der prägendsten Erscheinungen des gesamten Films verkörpert. Ihre Figur entwickelt sich im Verlauf der Handlung zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Auflösung und bietet Stevens Gelegenheit, weit mehr als nur die aus vielen ihrer Rollen bekannte Genre-Ikonografie zu bedienen.


Bild, Ton und Restaurierung


Die vorliegende Fassung präsentiert Grandmother's House in einer aufwendigen Neurestaurierung, die dem Bildmaterial spürbar zugutekommt. Gerade die zahlreichen Tageslichtaufnahmen der Orangenplantage profitieren von der gestiegenen Detailschärfe und den satteren Farben, während die nächtlichen Kellerszenen mit angemessener Kontrasttiefe und ohne störendes Bildrauschen auskommen. Das Werk erscheint hier zudem völlig unzensiert, wodurch die zeitgenössisch für ein R-Rating typischen Momente von Spannung und Bedrohung ihre volle Wirkung entfalten können.


Bonusmaterial


Wicked Vision hat Grandmother's House mit einem ausgesprochen umfangreichen Bonusprogramm ausgestattet, das dem Sammlerpublikum weit mehr bietet als eine bloße Neuveröffentlichung des Hauptfilms. Bereits das Wendecover ohne Logo erlaubt es, die Optik der Veröffentlichung ganz nach eigenem Geschmack zu gestalten und auf störende Aufdrucke im Regal zu verzichten. Ergänzt wird die Ausstattung durch ein zwanzigseitiges Booklet, in dem Christoph N. Kellerbach in einem lesenswerten Essay Hintergründe zu Produktion, Einordnung und Rezeptionsgeschichte des Films liefert und damit dem Werk den filmhistorischen Kontext verschafft, der ihm über Jahrzehnte hinweg verwehrt blieb.


Im Zentrum des audiovisuellen Bonusmaterials steht das Interview „Die geheimnisvolle Frau" mit Brinke Stevens, die darin ausführlich über ihre Rolle, die Zusammenarbeit mit Peter Rader und ihre Einordnung des Films innerhalb ihrer umfangreichen Genrefilmografie spricht. Im Gespräch „Zurück zu Großmutter" blickt Regisseur Peter Rader selbst auf sein Debüt zurück, erinnert sich an die Entstehung der Geschichte und ordnet den Film aus heutiger Sicht in sein späteres, deutlich größer dimensioniertes Schaffen ein. Mit „Slow n' Steady" kommt zudem Autor und Kameramann Peter Jensen zu Wort, der Einblicke in die enge Verzahnung von Drehbuch und Bildgestaltung gibt und erläutert, wie seine Erfahrung als Steadicam-Operator die visuelle Sprache des Films prägte. Abgerundet wird das Paket durch ein Archiv-Featurette, das die Entstehungsgeschichte des Films nachzeichnet und dabei auch das ursprüngliche Kurzfilmkonzept vorstellt, aus dem sich Grandmother's House letztlich entwickelte – ein faszinierender Einblick in die frühe Konzeptionsphase, der zeigt, wie aus einer kleinen Idee ein abendfüllendes Spielfilmprojekt wurde. Original-Trailer und deutscher Trailer vervollständigen die Ausstattung und runden ein Bonusprogramm ab, das dem Anspruch der Thrill Kill Collection an editorische Sorgfalt in jeder Hinsicht gerecht wird.


Fazit


Grandmother's House ist ein typischer Vertreter jener späten Achtziger-Genreproduktionen, die zwischen Gothic-Horror und Mystery-Thriller changieren und dabei mit begrenzten Mitteln erstaunlich viel atmosphärische Dichte erzeugen. Peter Raders Regiedebüt lebt vor allem von der unheimlichen Diskrepanz zwischen sonnendurchfluteter Idylle und den dunklen Geheimnissen, die sich unter der Oberfläche der Familienfarm verbergen, sowie von einer Besetzung, die mit Len Lesser und Brinke Stevens zwei Darsteller vereint, die dem Film weit über seine schlichte Prämisse hinaus Format verleihen. Zwar wirkt die finale Auflösung reichlich gedrängt und hätte von etwas mehr erzählerischem Atem profitiert, doch die konsequent aufgebaute Spannung und die überraschende Wendung machen Grandmother's House zu einer lohnenden Wiederentdeckung für alle Freunde des klassischen amerikanischen Genrekinos. Wicked Vision liefert mit dieser Veröffentlichung im Rahmen der Thrill Kill Collection eine vorbildliche Präsentation, die dem lange vernachlässigten Film endlich die Aufmerksamkeit verschafft, die er verdient.