Mit Intruder setzt Wicked Vision die Thrill Kill Collection fort und widmet sich damit einem der eigenwilligsten Slasher-Filme der ausgehenden Achtzigerjahre. Der 1989 entstandene Film aus dem Umfeld der Sam-Raimi-Truppe verlegt das Schlachten des Genres in ein denkbar unspektakuläres Ambiente: einen Supermarkt am Stadtrand. Die Veröffentlichung erscheint als Doppelpaket mit 4K Ultra HD Blu-ray und klassischer Blu-ray und bringt damit gleich zwei technische Fassungen sowie ein außergewöhnlich umfangreiches Bonusprogramm mit.
Die Handlung: Nachtschicht mit Todesfolge
Ein Supermarkt am Stadtrand wird endgültig geschlossen, und für Filialleiter Abernathy, Kassiererin Jennifer und den Rest der Belegschaft bedeutet das eine letzte, lange Nachtschicht: Inventur machen, Regale abräumen, Preise für den Räumungsverkauf neu auszeichnen. Die ohnehin gedrückte Stimmung kippt vollends, als Jennifers Ex-Freund Craig auf denkbar unschöne Weise aus dem Laden geworfen wird. Zunächst hält die Belegschaft die daraufhin einsetzenden unheimlichen Geräusche in dem weitläufigen Gebäude für einen bösen Scherz des gekränkten Ex-Freundes. Doch schon bald wird klar, dass in den endlosen Gängen des Marktes ein irrer Schlitzer sein Unwesen treibt, der die Angestellten nacheinander auf ebenso kreative wie bestialische Weise dahinmetzelt. Nur Jennifer scheint verschont zu bleiben – ein Umstand, der die Spannung bis zum finalen Showdown zwischen den Verkaufsregalen konsequent hochhält. Regisseur Scott Spiegel nutzt die Kulisse des menschenleeren, nur notdürftig beleuchteten Supermarkts geschickt aus und macht aus dem denkbar banalsten aller Schauplätze eine claustrophobische Todesfalle, in der Einkaufswagen, Fleischwölfe und Hydraulikpressen zu tödlichen Requisiten werden.
Regisseur Scott Spiegel und das Raimi-Universum
Intruder markiert das Spielfilmregiedebüt von Scott Spiegel, der sein Handwerk im engsten Umfeld von Sam Raimi erlernte und bereits am Drehbuch zu Evil Dead II mitschrieb, ehe er als Second-Unit-Regisseur an dessen Fortsetzung Army of Darkness mitwirkte. Diese Verbindung zur Detroiter Raimi-Truppe prägt Intruder in nahezu jeder Einstellung: Die verspielten Kamerafahrten aus ungewöhnlichsten Perspektiven, von der Telefonwählscheibe bis aus dem Einkaufswagen heraus, erinnern unverkennbar an die visuelle Extravaganz der frühen Evil-Dead-Filme. Spiegel, der die Geschichte teilweise auf seine eigenen Erfahrungen als Angestellter des real existierenden Walnut Lake Market in Michigan stützte, hatte das Material bereits Jahre zuvor als Super-8-Kurzfilm unter dem Titel Night Crew erprobt, ehe daraus mit Unterstützung von Executive Producer Charles Band ein abendfüllendes Studioprojekt wurde. Für Spiegel blieb Intruder trotz seiner heute kultigen Stellung ein vergleichsweise vereinzelter Erfolg als Regisseur; sein größter, bis heute nachwirkender Einfluss auf die Filmgeschichte liegt jedoch anderswo: Er war es, der seinen Co-Autor und Produzenten Lawrence Bender mit einem jungen Videothekenangestellten namens Quentin Tarantino bekannt machte – eine Begegnung, aus der wenig später Reservoir Dogs und in der Folge Pulp Fiction entstanden. Tarantino selbst hat öffentlich betont, dass Spiegel damit maßgeblich seine Karriere mit ins Rollen brachte.
Die Besetzung: Ein Slasher voller Kultgesichter
In der Rolle der Kassiererin Jennifer Ross ist Elizabeth Cox zu sehen, die als eigentliche Heldin des Films durch die Nacht im Supermarkt navigiert und dabei einen Großteil der Spannungsdramaturgie trägt. An ihrer Seite steht Renée Estevez, Tochter von Martin Sheen und Schwester von Emilio Estevez, die bereits im Vorjahr mit Sleepaway Camp II: Unhappy Campers Genre-Erfahrung gesammelt hatte und hier als Kollegin Linda schon früh im Film zum Opfer wird – ein Umstand, der auf den zeitgenössischen Heimvideo-Covern bewusst verschwiegen wurde, um sie als vermeintliche Hauptfigur zu vermarkten. Dan Hicks verkörpert als Filialleiter Bill Roberts eine der zentralen Figuren der Nachtschicht, während David Byrnes als Ex-Freund Craig Peterson den Auslöser der folgenden Ereigniskette liefert.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Beteiligung von Sam Raimi, der hier in einer seiner seltenen Vor-der-Kamera-Rollen als Mitarbeiter Randy zu sehen ist, sowie sein Bruder Ted Raimi, der als notorisch nervöser Angestellter der Gemüseabteilung auftritt. Auch wenn beide von den damaligen Vertriebspartnern auf dem Cover prominent als Zugpferde vermarktet wurden, handelt es sich bei ihren Auftritten tatsächlich um Nebenrollen. Ähnlich verhält es sich mit Bruce Campbell, der als Officer Howard lediglich in der Schlussszene einen kurzen, aber einprägsamen Cameo-Auftritt absolviert. Gerade diese Ballung von Namen aus dem unmittelbaren Umfeld der Evil-Dead-Reihe machte Intruder über die Jahrzehnte zu einem vielzitierten Sammlerstück für Fans des Raimi-Kosmos, auch wenn der Film in seiner ursprünglichen Vermarktung deren tatsächlichen Anteil am Geschehen deutlich überzeichnete.
Effekte, Gewalt und Zensurgeschichte
Intruder zeichnet sich vor allem durch seine erfinderischen, von einem jungen KNB-Team um Howard Berger, Robert Kurtzman und Greg Nicotero realisierten Splattereffekte aus, die dem Film über die Jahre einen festen Platz im Kanon des Effekthorrors der späten Achtziger sicherten. Die Geschichte der verschiedenen Schnittfassungen ist dabei fast ebenso bewegt wie der Film selbst: Während die ursprüngliche US-Kinofassung und die frühe VHS-Auswertung von Paramount deutlich entschärft in die Auswertung gingen und einen Großteil der von KNB gestalteten Gore-Effekte vermissen ließen, kursierten im Lauf der Jahre mehrere ungekürzte Fassungen, ehe internationale Label den Film schließlich in seiner vollen Brutalität zugänglich machten. Die vorliegende Veröffentlichung bringt den Film nun in bestmöglicher technischer Qualität nach Deutschland.
Bild und Ton in 4K
Die Ultra-HD-Fassung bietet wahlweise die klassische 16:9-Bildfassung oder eine Vollbildfassung, was Sammlern die Wahl zwischen der gewohnten Kinooptik und einer originalgetreueren, dem damaligen Videostandard näherstehenden Präsentation lässt. Unterstützt wird die Bildwiedergabe durch HDR sowie Dolby Vision, wodurch gerade die zahlreichen dunklen, nur durch Notbeleuchtung und Kühlregale erhellten Nachtsequenzen im Supermarkt spürbar an Kontrastumfang und Detailzeichnung gewinnen, ohne dass die für den Film charakteristische, leicht körnige Achtziger-Optik ihren ursprünglichen Charakter verliert.
Bonusmaterial
Bereits die Grundausstattung der Veröffentlichung fällt großzügig aus: Ein Wendecover ohne Logo erlaubt die Gestaltung nach eigenem Geschmack, während ein umfangreiches vierzigseitiges Booklet mit einem Vorwort von Regisseur Scott Spiegel höchstpersönlich sowie einem zweisprachigen, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch verfassten Essay von Christoph N. Kellerbach dem Film den verdienten historischen Kontext verschafft.
Auf der 4K Ultra HD Blu-ray selbst findet sich neben der bereits erwähnten Wahlmöglichkeit zwischen Bild- und Vollbildfassung ein Vorwort von Charles Band, der als Executive Producer maßgeblich an der Realisierung des Films beteiligt war und dessen Einordnung aus Produzentensicht eine wertvolle Ergänzung zu den Erinnerungen Spiegels darstellt. Zwei Audiokommentare stehen zur Wahl: Zum einen sprechen Regisseur Scott Spiegel und sein damaliger Co-Autor und Produzent Lawrence Bender gemeinsam über die Entstehung des Films, seine turbulente Produktionsgeschichte und die zahlreichen bekannten Gesichter im Cast. Zum anderen liefern Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese einen deutschsprachigen Kommentar, der den Film aus einer explizit europäischen Sammler- und Fanperspektive beleuchtet. Trailer und eine Bildergalerie runden die Ausstattung der 4K-Disc ab.
Die beiliegende Blu-ray übernimmt sämtliche genannten Extras und erweitert das Programm noch einmal erheblich. Herzstück dieser zusätzlichen Fülle ist die eigenständige Workprint-Fassung von Intruder, die Sammlern einen seltenen Blick auf eine frühe, vom fertigen Kinofilm abweichende Schnittstufe erlaubt, ergänzt um separat aufbereitete Extended Murder Sequences aus eben jenem Workprint, die einzelne Mordsequenzen in noch ausführlicherer, ungekürzter Länge zeigen. Die Dokumentation „Slasher Pieces: Making of ‚Intruder‘" beleuchtet die Produktionsgeschichte des Films ausführlich, während „The Slashing of ‚Intruder'" mit Filmemacher Vincent Pereira einen weiteren, tiefergehenden Blick auf die verschiedenen Schnittfassungen und deren Zensurgeschichte wirft. Casting-Aufnahmen gewähren seltene Einblicke in die Besetzungsphase des Films, ehe mit den Outtakes des lange verschollen geglaubten Kurzfilms „Night Crew" sowie dessen eigenem Trailer die unmittelbare Vorgeschichte von Intruder dokumentiert wird.
Als besonderes Bonbon für Spiegel-Kenner versammelt die Veröffentlichung zudem gleich fünf frühe Kurzfilme des Regisseurs: „Attack of the Helping Hand" aus dem Jahr 1979, „The Blind Waiter" von 1980, „Torro, Torro, Torro! – Redux" von 1981, der Producer's Cut von „Cleveland Smith Bounty Hunter" aus dem Jahr 1982 sowie mit „Here Today, Gun Tomorrow" ein bislang unveröffentlichter Kurzfilm aus dem Jahr 1976, in dem der junge Sam Raimi als „James Bombed" auftritt. Diese Sammlung früher Amateur- und Studentenarbeiten macht die Veröffentlichung zu einer regelrechten Fundgrube für alle, die sich für die gemeinsamen Anfänge von Spiegel und Raimi interessieren, und geht damit weit über das übliche Bonusmaterial vergleichbarer Genreveröffentlichungen hinaus.
Fazit
Intruder ist ein Slasher-Film, der seinen Ruf als Kultobjekt zu Recht trägt: Die ungewöhnliche Supermarkt-Kulisse, die spielfreudige Kameraarbeit im Geiste der frühen Evil-Dead-Filme und ein Cast, der im Rückblick eine erstaunliche Ansammlung späterer Genre- und Hollywoodgrößen versammelt, machen den Film auch mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung zu einem unterhaltsamen Erlebnis. Dass der Film erzählerisch auf Spannungsaufbau eher verzichtet und stattdessen direkt auf die nächste blutige Pointe zusteuert, mag man als Schwäche werten, passt aber zum unverkennbar respektlosen, humorvollen Grundton, den Spiegel seinem Regiedebüt mitgibt. Wicked Vision liefert mit dieser Veröffentlichung nicht nur eine technisch vorbildliche 4K-Präsentation, sondern mit der Workprint-Fassung, den frühen Kurzfilmen und den beiden Audiokommentaren ein Bonusprogramm, das seinesgleichen sucht und Intruder zu einem der aufwendigsten Pakete macht, die im Rahmen der Thrill Kill Collection bislang erschienen sind.