Marc Rothemund gehört zu jenen deutschen Regisseuren, die sich wiederholt an schwierigen Stoffen der jüngeren Vergangenheit abgearbeitet haben, ohne dabei ins reine Betroffenheitskino abzugleiten. Mit Sophie Scholl – Die letzten Tage gelang ihm 2005 sein bis heute prägendstes Werk, das sich bewusst von früheren filmischen Annäherungen an den Stoff – etwa Michael Verhoevens Die weiße Rose aus dem Jahr 1982 – absetzt. Der entscheidende Unterschied liegt in der Quellenlage: Für das Drehbuch von Fred Breinersdorfer standen erstmals die originalen Verhörprotokolle der Gestapo zur Verfügung, die zusammen mit Briefen und Tagebucheinträgen direkt in die Dialoge einflossen. Diese dokumentarische Fundierung verleiht dem Film eine Authentizität, die ihn von der reinen Spielfilmdramatisierung deutlich abhebt und ihm den Charakter eines historischen Kammerspiels verleiht.
Die Handlung: Drei Tage zwischen Verhör und Urteil
Im Februar 1943 werden die Studentin Sophie Scholl und ihr Bruder Hans bei einer Flugblattaktion gegen die Nazi-Diktatur in der Münchner Universität verhaftet. Was folgt, sind tagelange Verhöre durch Gestapo-Beamte, die sich zunehmend zu einem psychologischen Zweikampf zwischen der jungen Widerstandskämpferin und ihrem Vernehmer entwickeln. Zunächst kämpft Sophie taktisch klug um ihre eigene Freiheit und die ihres Bruders, ehe sie sich schließlich mit einem umfassenden Geständnis schützend vor die übrigen Mitglieder der Weißen Rose stellt – wohl wissend, dass sie sich damit selbst dem Todesurteil ausliefert. Der Film verzichtet dabei bewusst auf die üblichen Bilder des nationalsozialistischen Alltags und konzentriert sich stattdessen ganz auf die innere Haltung einer jungen Frau, die trotz Todesangst nicht von ihrer Überzeugung abweicht.
Julia Jentsch und ein Ensemble auf Augenhöhe
Julia Jentsch liefert in der Rolle der Sophie Scholl eine der prägendsten Darstellungen des deutschen Kinos der Nullerjahre ab. Ihre Interpretation lebt weniger von großen Gesten als von einer stillen, unter die Haut gehenden Beharrlichkeit, die der historischen Figur eine bemerkenswerte Menschlichkeit verleiht. Fabian Hinrichs steht ihr als Hans Scholl zur Seite und zeichnet die Zerrissenheit des älteren Bruders zwischen Zuversicht und wachsender Verzweiflung mit großer Zurückhaltung nach. Alexander Held als Gestapo-Vernehmer Robert Mohr entwickelt im direkten Zweikampf mit Jentsch eine fast kammerspielartige Dynamik, die den Film über weite Strecken trägt, während André Hennicke als Richter Roland Freisler eine erschreckend authentische, an historischen Aufnahmen orientierte Darstellung liefert.
Auszeichnungen und Anerkennung
Der Film wurde bei seiner Premiere auf der Berlinale 2005 mit dem Silbernen Bären für die beste Regie sowie für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet und erhielt beim Deutschen Filmpreis desselben Jahres den Silbernen Filmpreis für den besten Spielfilm sowie erneut die Auszeichnung für Julia Jentsch als beste Hauptdarstellerin. Der Bayerische Filmpreis 2006 würdigte zudem sowohl den Film selbst als auch die Produzenten Sven Burgemeister, Christoph Müller, Fred Breinersdorfer und Marc Rothemund mit dem Produzentenpreis. Ergänzend trägt der Film das Prädikat „Besonders Wertvoll", das seine filmische wie inhaltliche Qualität zusätzlich unterstreicht.
Auch die Pressestimmen zur damaligen Veröffentlichung fielen einhellig positiv aus. Der Spiegel hob hervor, dass Julia Jentsch der Rolle eine Wärme und Präsenz verleiht, die dem Publikum buchstäblich den Atem nimmt. Der Filmdienst betonte die besondere Authentizität, die aus der erstmaligen Einbindung der originalen Verhörprotokolle sowie persönlicher Briefe und Tagebucheinträge in die Dialoge resultiert, und bezeichnete den Film insgesamt als erschütterndes Zeitdokument. Noch knapper brachte es zeitgeschichte-online auf den Punkt und nannte den Film schlicht ein „Meisterwerk. Ohne jeden geringsten Zweifel."
Die Neuveröffentlichung: One Gate Media bringt den Klassiker zurück
One Gate Media legt Sophie Scholl – Die letzten Tage nun als DVD neu auf und macht damit einen der wichtigsten deutschen Geschichtsfilme der vergangenen zwei Jahrzehnte erneut zugänglich. Bild und Ton der Scheibe orientieren sich am bewährten, bereits von früheren Ausgaben bekannten Transfer, der die bewusst reduzierte, kühle Bildsprache der Verhörszenen – größtenteils in den Bavaria Filmstudios entstanden – ebenso originalgetreu wiedergibt wie die dokumentarisch anmutenden Außenaufnahmen der Münchner Universität und der Haftanstalt Stadelheim. Die minimalistische, auf Wirkung durch Zurückhaltung setzende Inszenierung Rothemunds profitiert von einer klaren, unaufgeregten Bildqualität, die keinerlei künstliche Verschönerung nötig hat, um ihre Wirkung zu entfalten.
Beim Bonusmaterial knüpft die Veröffentlichung an die aus früheren Editionen bekannte, inhaltlich fundierte Ausstattung an: Ein Audiokommentar mit Regisseur Marc Rothemund, Hauptdarstellerin Julia Jentsch und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer gewährt tiefe Einblicke in die aufwendige Recherchearbeit und die Herausforderungen bei der filmischen Umsetzung der historischen Ereignisse. Ergänzt wird dies durch zusätzliche Szenen, die im fertigen Schnitt keinen Platz mehr fanden, sowie Szenenfotos, Outtakes, Teaser und den Originaltrailer, die zusammen ein rundes Bild der Produktion vermitteln und dem historisch interessierten Publikum wertvolles Kontextmaterial an die Hand geben.
Fazit
Sophie Scholl – Die letzten Tage bleibt auch zwei Jahrzehnte nach seiner Entstehung ein Meilenstein des deutschen Geschichtsfilms, dessen dokumentarische Fundierung und schauspielerische Leistungen – allen voran die von Julia Jentsch – bis heute nichts von ihrer Wucht verloren haben. Die Neuveröffentlichung durch One Gate Media macht diesen wichtigen Film einem neuen Publikum zugänglich und ist angesichts der ungebrochenen Relevanz des Themas Zivilcourage und Widerstand uneingeschränkt zu empfehlen – nicht zuletzt für den schulischen und bildungspolitischen Kontext, in dem der Film seit seiner Entstehung einen festen Platz einnimmt.