Mit „Gefährliche Leidenschaften" eröffnet Wicked Vision die zweite Staffel seiner Ordinary Dreams-Reihe und liefert zugleich deren elften Titel insgesamt – ein passender Übergang, denn kaum ein Film verkörpert das Konzept der Reihe so konsequent wie dieses 1985 entstandene, in Deutschland erst 1988 gestartete Werk von Gérard Kikoïne. Zwischen erotischem Kammerspiel und gesellschaftskritischer Tragödie changierend, zeigt der Film, dass sich hinter dem Etikett „Erotikfilm" durchaus mehr verbergen kann als bloße Aneinanderreihung von Reizszenen.
Der Regisseur: Gérard Kikoïne zwischen Erotik und Horror
Am 30. März 1946 in Frankreich geboren, machte sich Gérard Kikoïne zunächst als Cutter einen Namen, bevor er selbst hinter die Kamera wechselte. Unter Pseudonymen wie Alex Bakara und Sacha Nudamko drehte er in den siebziger und frühen achtziger Jahren zahlreiche Erotikfilme, häufig mit Stammschauspielern wie Alban Ceray und Marilyn Jess. Ab Mitte der Achtziger wagte sich Kikoïne dann auch an größer budgetierte Genreware: 1987 inszenierte er mit Oliver Reed „Der Herr von Dragonard Hill", zwei Jahre später mit Anthony Perkins und Glynis Barber den Horrorfilm „Split – Edge of Sanity" sowie mit Robert Vaughn und Donald Pleasence „Buried Alive". Auch fürs französische Fernsehen war er tätig, unter anderem mit einer Episode der Krimiserie „Kommissar Moulin". Interessant am Rande: Kikoïne ist der Vater der Schauspielerin Elsa Kikoïne. „Gefährliche Leidenschaften" entstand mitten in dieser Übergangsphase seiner Karriere und trägt entsprechend deutlich die Handschrift eines Regisseurs, der sich vom reinen Erotikgenre zu erzählerisch ambitionierteren Stoffen aufzuschwingen versuchte, ohne dabei die sinnliche Grundausrichtung seines Frühwerks aufzugeben.
Die Handlung: Dekadenz auf dem Landschloss
Im Zentrum steht eine wohlhabende französische Familie, deren Alltag von Polo, Jagdausflügen und rauschenden Gesellschaften geprägt ist. Diese oberflächlichen Vergnügungen kaschieren jedoch nur mühsam eine tiefsitzende Langeweile und ein Geflecht unerfüllter Sehnsüchte, das die einzelnen Familienmitglieder längst voneinander entfremdet hat. In diese erstarrte Idylle bricht Raphaël (Kevin Bernhardt) ein, ein junger Mann von auffälliger Attraktivität, der sich nach und nach an die weiblichen Mitglieder der Familie heranmacht. Was zunächst wie ein gewöhnliches erotisches Abenteuer wirkt, entpuppt sich zusehends als kalkuliertes Vorgehen: Raphaël sät gezielt Zwietracht, spielt die Frauen gegeneinander aus und verfolgt ein Ziel, dessen Ursprung offenbar in der Geschichte einer ehemaligen Dienstmagd der Familie liegt. Die Motive bleiben lange im Dunkeln, ehe sie sich zur Silberhochzeit der Eheleute – dem gesellschaftlichen Höhepunkt des Films – in einem öffentlichen Eklat entladen, der die wohlgeordnete Fassade der Familie vor der versammelten Nachbarschaft zum Einsturz bringt.
Der Plot bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld, das an die kühle Klassengesellschafts-Beobachtung französischer Gesellschaftsdramen erinnert, während gleichzeitig die erotische Grundierung nie aus dem Blick gerät. Bezeichnend ist, dass sich der Film Jahre später auf verblüffende Weise in „Poison Ivy 3" wiederfindet, wo eine nahezu identische Konstellation mit vertauschten Geschlechterrollen aufgegriffen wurde – ein Umstand, der die erzählerische Substanz von Kikoïnes Vorlage unterstreicht.
Die Besetzung
Kevin Bernhardt, geboren am 2. April 1961 in den USA, gibt den Raphaël mit jener glattpolierten, leicht kühlen Attraktivität, die für die Rolle des manipulativen Eindringlings genau richtig ist. Bernhardt blieb dem Genrekino noch länger verbunden, unter anderem als Pinhead-Handlanger in „Hellraiser III" sowie in einer wiederkehrenden Rolle im „Denver-Clan". An seiner Seite steht Eva Czemerys als Familienmatriarchin Audrey, die den Wandel von der reservierten, standesbewussten Bürgerlichen hin zu einer von Verlangen überwältigten Frau trägt und damit dem Film sein emotionales Zentrum verleiht.
Für Lydie Denier bedeutete die Rolle der im Rollstuhl sitzenden Tochter Priscilla das Schauspieldebüt. Die 1964 im französischen Saint-Nazaire geborene Denier, die vor ihrer Filmkarriere als Model unter anderem für Vogue und Elle arbeitete und 1984 zur Miss Legs International gekürt wurde, sollte später vor allem als Jane Porter in der Fernsehserie „Tarzan" internationale Bekanntheit erlangen. In „Gefährliche Leidenschaften" gelingt ihr bereits ein bemerkenswert nuancierter Auftritt zwischen Verletzlichkeit und erwachendem Begehren. Komplettiert wird das Ensemble durch Michaël Jacob, Philippe Mareuil und Marie Bossee, die als weitere Familienmitglieder und Nebenfiguren das dichte Beziehungsgeflecht des Films mittragen.
Bildsprache und Einordnung
Was „Gefährliche Leidenschaften" von der Masse zeitgenössischer Erotikproduktionen abhebt, ist die spürbare visuelle Ambition. Kikoïne inszeniert die Schlosskulisse und ihre Bewohner mit einem Gespür für Licht und Komposition, das dem Film eine fast gemäldehafte Qualität verleiht. Die erotischen Szenen sind dabei nie reiner Selbstzweck, sondern stets in die Charakterzeichnung eingebettet – sie erzählen von Machtverschiebungen, von unterdrücktem Verlangen, von der langsamen Erosion bürgerlicher Contenance. Gesellschaftskritische Untertöne, etwa die Abrechnung mit dem Standesdünkel der Reichen und die späte Rache einer einst gedemütigten Dienerschaft, verleihen der Handlung zusätzliches Gewicht und heben den Film über den reinen Reizfilm-Standard hinaus.
Bild und Ton
Wicked Vision präsentiert „Gefährliche Leidenschaften" als HD-Weltpremiere. Die Restaurierung erfolgte aufwendig anhand des letzten verfügbaren 35mm-Elements, das eigens für diese Veröffentlichung in 2K abgetastet wurde. Das Ergebnis zeigt ein stimmiges, angenehm filmisches Bild mit sauberer Zeichnung und einer Farbgebung, die der warmen, mediterran anmutenden Optik des Films gerecht wird. Besonders hervorzuheben ist, dass die Fassung erstmals vollständig unzensiert vorliegt – ein Novum für den deutschen Markt, der den Film bislang nur in beschnittenen Versionen kannte.
Verpackung und Extras
Optisch setzt Wicked Vision auf ein Wendecover mit dem Original-Artwork der Kinoauswertung, das Sammlern die Wahl zwischen zeitgenössischem Charme und alternativer Gestaltung lässt. Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch der neue Sammelschuber, mit dem die Collection 2 der Ordinary Dreams-Reihe eingeläutet wird: Er bietet Stellplatz für insgesamt zehn Titel, sodass sich die kommenden neun Veröffentlichungen der Staffel nahtlos und optisch einheitlich neben „Gefährliche Leidenschaften" einreihen lassen. Für Komplettisten, die die Reihe von Anfang an sammeln, ist das ein durchdachtes Detail, das dem Regal auf Dauer ein geschlossenes Erscheinungsbild verleiht.
Inhaltlich begleitet ein 24-seitiges Booklet die Veröffentlichung, in dem Christoph N. Kellerbach in einem Essay Einordnung und Hintergrund zum Film liefert und dabei sowohl auf die Entstehungsgeschichte als auch auf die Stellung des Werks innerhalb von Kikoïnes Schaffen eingeht. Als bewegtbildliches Bonusmaterial steht „French Love" zur Verfügung, ein Featurette, in dem Gérard Kikoïne selbst zu Wort kommt und über seine Karriere spricht – von den Anfängen im Erotikfilm über den Umstieg auf größere Genreproduktionen bis hin zu seiner Sicht auf „Gefährliche Leidenschaften" im Kontext seines Gesamtwerks. Abgerundet wird das Bonusmaterial durch eine Bildergalerie, die Aushangfotos und Szenenbilder des Films versammelt und noch einmal die sorgfältige Bildgestaltung der Produktion vor Augen führt.
Fazit
„Gefährliche Leidenschaften" ist ein bemerkenswert eleganter Vertreter des Erotikfilms der Achtziger, der seine sinnlichen Elemente konsequent in ein Gesellschaftsdrama über Klassendünkel, Langeweile und späte Vergeltung einbettet. Gérard Kikoïne gelingt hier ein visuell ambitioniertes Werk, das von einem engagierten Ensemble – allen voran Eva Czemerys und einer beeindruckend reifen Lydie Denier in ihrer ersten Rolle – getragen wird. Die von Wicked Vision vorgelegte HD-Weltpremiere in restaurierter, erstmals unzensierter Fassung ist technisch überzeugend umgesetzt, und mit Booklet, Regisseur-Featurette sowie dem für die neue Collection 2 eingeführten Sammelschuber liefert die Ausstattung genau jenen Mehrwert, den Sammler physischer Medien erwarten dürfen. Ein starker, stilvoller Auftakt für die zweite Staffel der Ordinary Dreams-Reihe.