Es gibt Spiele, die man ihrem Entwickler regelrecht ansieht – und Cultic ist eines davon. Der Amerikaner Jason Smith hat das komplette erste Kapitel im Alleingang entworfen, programmiert, vertont und mit Level-Architektur versehen, bevor Publisher Atari und das Studio Jasozz Games das Projekt zu einem vollständigen Zwei-Kapitel-Werk ausgebaut haben. Ursprünglich 2022 auf dem PC über Steam erschienen, hat sich der Retro-Shooter dort über die Jahre zu einem Geheimtipp der „Boomer Shooter"-Szene gemausert und dabei durchweg überwältigend positive Wertungen eingefahren. Nun, vier Jahre später, findet das Spiel endlich seinen Weg auf die PlayStation 5 – als komplette Fassung, die beide Kapitel und den Survival-Modus direkt zum Start vereint, was PC-Spielern erst nach und nach vergönnt war.
Eine Detektivgeschichte in den Sechzigern
Handlung ist bei Cultic naturgemäß nicht der Kern der Erfahrung, dennoch gibt sie dem Blutvergießen einen atmosphärischen Rahmen. Man schlüpft in die Rolle eines in Ungnade gefallenen Detektivs, der in den 1960er-Jahren einem finsteren Kult auf die Spur kommt. Was als Ermittlung beginnt, entpuppt sich schnell als Albtraum aus Massenmord, Gehirnwäsche und Kreaturen, die kaum noch menschlich zu nennen sind. Das erste, was einem in Cultic widerfährt, ist der eigene Tod – von da an kämpft man sich durch Dörfer, Kultstätten und unterirdische Gewölbe, um sich seinen Weg zurück ins Leben zu erkämpfen. Die Inspiration liegt spürbar bei Titeln wie Jedi Knight: Dark Forces II und Resident Evil 4, deren morbide Dorfszenerien und schmutzige Gewalt Cultic ganz bewusst zitiert.
Spielgefühl: Old School mit modernem Unterbau
Wer die Referenzen des Studios kennt, weiß bereits, wohin die Reise geht: Blood, Duke Nukem 3D und Shadow Warrior stehen unübersehbar Pate. Die Pixel-Optik, die knochentrockenen Waffensounds und das kompromisslose Gunplay atmen den Geist der Neunziger. Gleichzeitig hat Jason Smith unter dieser Oberfläche eine erstaunlich moderne Engine verbaut. Physik-Interaktionen, dynamische Beleuchtung und eine vollständig dreidimensionale Welt sorgen dafür, dass sich Cultic nie wie ein reines Nostalgieprojekt anfühlt, sondern wie ein Spiel, das die Ästhetik der Vergangenheit mit dem technischen Komfort der Gegenwart versöhnt. Besonders bemerkenswert ist die Freiheit im Kampfstil: Wer will, stürmt mit doppelläufiger Schrotflinte und Dynamitstangen frontal in jede Gefahr, wer lieber taktisch vorgeht, nutzt Deckung, Umgebungsinteraktion und einen methodischeren Rhythmus. Beide Herangehensweisen funktionieren, was für ein Design spricht, das seine Stärken nicht auf eine einzige Spielweise reduziert.
Umfang und Survival-Modus
Die Konsolenfassung punktet vor allem mit ihrer Vollständigkeit. Insgesamt 23 Levels verteilen sich auf Kapitel Eins und Zwei und bieten damit deutlich mehr Inhalt, als man von einem Indie-Shooter dieser Preisklasse erwarten würde. Ergänzt wird die Kampagne durch einen wellenbasierten Survival-Modus, der sich hörbar an Mercenaries aus Resident Evil 4 und an Killing Floor orientiert: Gegnerwellen überstehen, mit erbeuteten Credits neue Waffen, Munition und Rüstung kaufen und sich anschließend der nächsten, härteren Welle stellen. Wer den Highscore-Ehrgeiz in sich trägt, findet hier globale Ranglisten, die über mehrere Schwierigkeitsgrade hinweg zum wiederholten Antreten motivieren.
Wie schlägt sich der Port?
Dass ein von einer einzelnen Person begonnenes Unity-Projekt seinen Weg auf PlayStation 5 findet, ist keine Selbstverständlichkeit, und genau deshalb verdient die technische Umsetzung besondere Aufmerksamkeit. Die Steuerung mit dem DualSense fühlt sich angesichts der ursprünglichen Ausrichtung auf Maus und Tastatur überraschend druckvoll an, ohne die Präzision zu verlieren, die ein Shooter dieser Schule braucht. Die pixelige, körnige Optik kommt auf dem großen Bildschirm gut zur Geltung, und die stimmungsvolle Lichtsetzung verstärkt den morbiden Charme der Kultstätten zusätzlich.
Fazit
Cultic ist ein Musterbeispiel dafür, wie viel Substanz aus einem kleinen Team entstehen kann, wenn Leidenschaft für das Genre auf handwerkliches Können trifft. Die Mischung aus roher Neunziger-Jahre-Attitüde und modernem technischem Fundament ergibt einen Shooter, der sowohl eingefleischte Boomer-Shooter-Fans als auch Neueinsteiger anspricht, die einen zugänglicheren Weg in dieses Retro-Genre suchen. Dass die PS5-Fassung von Beginn an beide Kapitel plus Survival-Modus bündelt, macht sie zur bislang vollständigsten Art, Cultic zu erleben. Wer düstere Kultgeschichten, schroffe Gunplay-Mechanik und einen Hauch morbiden Humors schätzt, macht mit dieser Konsolenversion nichts falsch.